Zweiradfahrer leben gefährlich

Motorrad, Pedelec, E-Bike oder Fahrrad – die Polizei setzt auf Prävention

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Standen der Presse Rede und Antwort: (v.l.) Polizeioberrat Michael Hämmer (Verkehrspolizei Kempten), Polizeivizepräsident Guido Limmer (Polizeipräsidium Schwaben Süd/West), Erster Polizeihauptkommissar Rainer Fuhrmann (Sachbereich Verkehr), Polizeihauptkommissar Christian Eckel (Pressesprecher).
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„Tickende Zeitbomben“ wie manipulierte Auspuffanlagen, gefährliche Rückspiegel u.v.m. begegnet den Polizeibeamten immer wieder bei Kontrollen von Motorradfahrern.

Kempten – Sommerzeit ist Zweiradzeit und diese rückt wieder in greifbare Nähe.

Für das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West Grund, nicht nur die Unfallstatistiken für das Jahr 2018 vorzulegen, sondern auch auf die zum Teil erheblichen Gefahren für MotorradfahrerInnen wie NutzerInnen von Fahrrädern aller Variationen hinzuweisen und präventive Tipps zu geben. 

Vor allem das Fahrrad erfreut sich wachsender Beliebtheit, wie die Statistiken zeigen. Demnach nutzen etwa 59 Prozent aller 20- bis 39-Jährigen das Rad auf dem Weg zur Arbeit, Schule oder Ausbildung. Laut „Fahrrad-Monitor-Deutschland“ ist es zudem häufig für Einkäufe, Erledigungen und Ausflüge im Einsatz. Beflügelt wird der Trend durch attraktive Elektrofahrräder. Die Branche verzeichnet mit 2,8 Millionen verkauften Fahrrädern im Jahr 2018 einen Zuwachs von 18 Prozent, davon 17.000 Pedelecs und einige wenige E-Bikes (Unterschiede siehe Infos). Entsprechend zeigt die Unfallstatistik eine Kurve nach oben. Von 240 verletzten Fahrern von Pedelecs/E-Bikes in 2018 berichtete Erster Polizeihauptkommissar Rainer Fuhrmann (Sachbereich Verkehr) und damit von 80 mehr als im Vorjahr; bei den Fahrradlern gab es 1382 Verletzte (1124 in 2017). Laut Fuhrmann sind es vor allem ältere Personen, die zu Pedelecs greifen, was „prinzipiell begrüßenswert ist“. Problematisch seien aber die Geschwindigkeit und oftmals „fehlende Routine“. Dazu komme, dass man sich mit zunehmendem Alter schwieriger auf Veränderungen einstellen könne, sowie das Nachlassen von Reaktionszeit und Sehvermögen. 

Die sechs tödlichen Unfälle im Jahr 2018 (2017 einer) entstanden vor allem aus Vorfahrtsfehlern. Um die Unfälle zu minimieren, setzt die Polizei einmal mehr auf Prävention, die weit über die Empfehlung, Fahrradhelme zu tragen, hinausgeht. Gemeinsam mit den Kommunen sei man bemüht, die Radwege so zu gestalten, dass sie der veränderten Mobilität „Rechnung tragen“. Auch mit Infoständen sind die Beamten unterwegs, um unter anderem im direkten Gespräch mit Verkehrsteilnehmern aufzuklä- ren, manchmal auch mit einem Fahrradsimulator. Hilfreiche Unterstützung gibt die Broschüre „Sicher Rad fahren – mit und ohne Elektroantrieb“, in der viel Wissenswertes sowie Tipps rund ums Radeln zu finden sind. Vor allem aber „appellieren wir an alle für gegenseitigen Respekt“ und Verständnis füreinander, betonte Fuhrmann. Sehr gute Erfahrungen gibt es bei der Präventionsarbeit der „Motorrad-Kontrollgruppe“, in der vier Polizisten, „alle selbst passionierte Motorradfahrer“, die von April bis Oktober auf ihren Motorrädern unterwegs sind, wie Polizeioberrat Michael Hämmer (Verkehrspolizei Kempten) vorstellte. Sie setzen nicht nur auf Kontrollen, sondern suchen vor allem das Gespräch mit Motorradfahrern, unter anderem auf Messen. Die teils drastischen Bilder, die er von verunfallten Motorradlern zeigte, „wollen wir bei der Polizei nicht mehr sehen“, stellte er klar. Gut die Hälfte der Motorradunfälle seien von den Fahrern selbst verursacht, so Hämmer. „Wir wollen, dass sich die Motorradfahrer an die Spielregeln halten“ und trotzdem Spaß haben. Zwar würden sich die allermeisten bei Kontrollen einsichtig zeigen, aber den Beamten „begegnet so ziemlich alles“ was denkbar sei, bis zu „richtig gefährlichen Umbauten“ und das quer durch alle Altersgruppen. Hämmer wusste von „tickenden Zeitbomben“ wie einem „gebrochenen Rahmen, der notdürftig zusammengeschweißt war“ ebenso zu berichten wie von manipulierten Auspuffanlagen, schlecht lesbar gemachten Nummernschildern und vielem mehr. Die „Motorrad-Kontrollgruppe“ ist zudem Ansprechpartner für Bürger, die vielleicht auf Brennpunkte hinweisen möchten, wie für Motorradfahrer, die Rat und Tat suchen, gleichermaßen (Kontakt über die Dienststelle der Verkehrspolizei oder Zentrale Polizeipräsidium). 

Dass die Unfallzahlen insgesamt im Vergleich zum Jahr 2017 um knapp 800 auf 29.000 gestiegen sind und damit auf „so viele, wie wir in unserem Bereich noch nie hatten“, begründet Polizeivizepräsident Guido Limmer vom Polizeipräsidium Schwaben Süd/ West unter anderem mit dem Mehr an Verkehrsteilnehmern. Auch der gute Sommer habe die Menschen verstärkt nach draußen gelockt. Einen deutlichen Rückgang verzeichnete er bei den leicht sowie schwerverletzten jungen Erwachsenen (bis 24 Jahre). „Offensichtlich wirkt unsere Prävention“, unter anderem gegen Alkohol am Steuer. Insgesamt ist die Zahl der Verletzten im Präsidiumsbereich allerdings mit 5901 Personen (2017: 5672) auf ein Rekordhoch geklettert. Deutlich gesunken ist dagegen die Zahl der Unfalltoten, die mit insgesamt 55 im Jahr 2018 um 15 Personen gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen ist. Die Haupt-Unfallursache „bleibt leider die Ablenkung“, betonte Limmer, egal in welcher Art Fahrzeug. Selbst auf dem Motorrad werde das Smartphone gecheckt. Froh zeigte er sich bezüglich der Schulwegunfälle darüber, dass „seit 13 Jahren kein Kind in unserem Bereich ums Leben gekommen ist“. 

Infos zu Pedelecs: Rechtlich wie Fahrräder, d.h. man benötigt keinen Führerschein, kein Versicherungszeichen, keine Pfichtversicherung; keine Helmpflicht (aber empfohlen). Wie mit normalen Fahrrädern müssen Radwege genutzt werden, wo vorhanden. Beim Pedelec muss noch selber getreten werden. 

S-Pedelecs: Erreichen bis zu 60 km/h. Rechtlich keine Fahrräder, sondern Kleinkrafträder, die auf der Straße gefahren werden müssen; sie brauchen sowohl Betriebserlaubnis als auch Versicherungskennzeichen; Fahrer müssen mindestens 16 Jahre alt sein, den Führerschein der Klasse AM besitzen und einen Helm tragen. 

E-Bikes: Sie können ohne Treten bis 25 km/h erreichen; Fahrer müssen mindestens 15 Jahre alt sein und einen Mofa-Schein haben; benötigt werden Betriebserlaubnis, Versicherungskennzeichen und es besteht Helmpflicht.

Christine Tröger

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