Bildungsauftrag im "Musterland" 

Der Kemptener Professor Günter Nagel erzählt von seinem Einsatz im aufstrebenden Ruanda

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Der pensionierte Präsident des Bayerischen Landesamtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung Güner Nagel ist immer wieder ehrenamtlich für den SES, den Senior-Expert-Service im Einsatz und gibt sein Wissen auf Anfrage in aller Herren Länder weiter.

Kempten – Es ist das Vorzeigeland für die erfolgreiche Umsetzung des Marshallplans von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller, der für „Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe“ steht. So lautete der Titel des Vortrags von Prof. Günter Nagel auch „Ruanda – Musterland Afrikas“.

Ein mögliches Fragezeichen dahinter habe er bewusst weggelassen, da er die Entscheidung darüber den ZuhörerInnen im gut besetzten Saal des „Haus International“ überlassen wollte.

Der pensionierte Präsident des Bayerischen Landesamtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung Güner Nagel ist immer wieder ehrenamtlich für den SES, den Senior-Expert-Service (www.ses-bonn.de) im Einsatz und gibt sein Wissen auf Anfrage in aller Herren Länder weiter. Zuletzt hatte es ihn im Rahmen des Projektes NELGA (The Network of Excellence on Land Governance in Africa) – also ein Kompetenz-Netzwerk für Bodenpolitik – nach Ostafrika, in die ruandische Provinzhauptstadt Ruhengeni, verschlagen. Dort organisierte er zusammen mit weiteren Referenten an einer Fachhochschule einen Auffrischungskurs in Sachen Landmanagement. Ziel des in mehreren afrikanischen Ländern durchgeführten Projektes ist der Aufbau eines Länder überspannenden Netzwerks zur Förderung des Wissensaustausches zu Landfragen sowie Ausbildung in Geoi-Informationssystemen.

Dass Ruanda als Musterland für erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit gilt, liegt nicht zuletzt daran, dass bei dem seit 2000 amtierenden Präsident Paul Kagame vieles anders zu laufen scheint, als bei anderen afrikanischen Präsidenten; oder daran, dass Kagame vor allem im Kampf gegen die grassierende Korruption „Wunderdinge vollbracht hat“, wie Dr. Günther Dress, ebenfalls SESler und Organisator der Vorträge in Kempten, in seiner Begrüßung meinte.

Gewürzt mit vielen interessanten und amüsanten Geschichten sowie Bildern rund um seinen Aufenthalt in diesem „kleinen“, gerade einmal 26.000 Quadratkilometer umfassenden Flecken (entsprechend etwa der Größe von Schwaben und Oberbayern), der es „in sich hat“, nahm Nagel sein Publikum zwei Stunden lang mit auf eine kurzweilige wie informative Reise. Mit einigen Eckdaten gab er einen kurzen Überblick über den Werdegang des „bevölkerungsreichsten Landes Afrikas“, das von 1885 bis 1918 als Teil von Deutsch-Ostafrika unter deutscher Kolonialherrschaft gewesen war; nach dem Ersten Weltkrieg 1920 Mandatsgebiet des Völkerbundes; nach 1945 Treuhandgebiet der UN; seit dem 28. Juni 1961 unabhängig; und schließlich der ethnisch bedingte Konflikt zwischen den beiden in Ruanda lebenden Haupt-Völkergruppen, den Hutu (85 Prozent) und den Tutsi (15 Prozent) – zu vernachlässigen seien die Twa, ein Pygmäen-Volk mit einem Bevölkerungsanteil unter einem Prozent –, der 1994 in einem drei Monate währenden grausamen Völkermord an den Tutsi sowie gemäßigten Hutu mit „geschätzt einer Million Toten“ gipfelte. 

Mit der Präsidentschaft des 1957 geborenen Paul Kagame, aktuell auch Präsident der Afrikanischen Union, der medial mit Attributen wie „knallharter Saubermann“ oder „aufgeklärter Despot“ versehen werde, habe sich das überwiegend katholische Land kontinuierlich entwickelt. Unter anderem liege die Einschulungsrate bei „nahezu 100 Prozent“, es gebe flächendeckend Internetzugang, die Geburtenrate sei gesunken und im Ranking des Korruptionsindex schneide Ruanda besser ab als Italien. Dass die sinkende Geburtenrate ausschließlich auf die kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln zurückzuführen sei, relativierte Nagel allerdings etwas. Denn die Erfahrung zeige, dass die „Geburten zurückgehen, wenn Einkommen und Bildung steigen“.

Bereits erste Fotos, die Nagel während seiner Fahrt vom Flughafen zum Einsatzort, einer Fachhochschule in Ruhengeni, aus dem Auto heraus geschossen hatte, zeigten ein anderes, als das für wohl die meisten gewohnte Bild des schwarzen Kontinents. Statt Verkehrschaos und Müllbergen, relativ „zivilisierter“ Verkehr und: sauber geteerte, wie blitzsaubere Straßen! „Sie werden keinen Fetzen Papier finden“, wies Nagel auf die Besonderheit hin, die sich immer wieder fand, zudem seien Plastiktüten verboten. Ein ebenso ungewohntes Bild gaben die Drahtesel-Taxis ab, die auf dem Gepäckträger einfache Bretter als „bequeme“ Sitzfläche für Fahrgäste montiert haben.

Das Schulungsprogramm

Auch das Projekt, das bereits in mehreren Ländern durchgeführt wurde und weiter laufen soll, hat Pioniercharakter. Zum einen stärkt es den in der Regel benachteiligten ländlichen Raum, da die Einführung eines Katasters Rechtssicherheit für Landbesitz biete, wie der Vermessungsfachmann erklärte. Dass Kataster in Afrika weitgehend unbekannt ist, erfuhr Nagel als er der erstaunten Gruppe via Internet den „BayernAtlas“ vorstellte. Zudem waren in Ruhengeni Fachleute aus sieben ostafrikanischen Ländern (Äthiopien, Kenia, Demokratische Republik Kongo, Südsudan, Uganda, Tansania, Ruanda) an der Gründung eines länderübergreifenden Netzwerks mit Erfahrungsaustausch beteiligt. Auch von der innovativen Idee, eine Volkszählung in der weitläufigen Demokratischen Republik Kongo „per Luftbild“ zu realisieren, erzählte Nagel. Dabei sollen nicht die auf dem Bild sichtbaren Menschen gezählt werden, sondern die Behausungen, die laut Nagel meist gut sichtbar in offenem Gebiet lägen. Je nach Größe der Behausung werde dann geschätzt, wie viele Menschen darin leben.

Wie einfach Entwicklungshilfe funktionieren kann, erlebten die frischgebackenen NetzwerkerInnen unter anderem bei einem Ausflug zum Modellversuch für Dorferneuerung, wodurch künftig Landflucht minimiert werden soll. Dort stieß zwar die Biogasanlage auf Gefallen; die auf den ersten Blick pfiffige Futterstelle mit Trögen aus aufgeschnittenen Plastikkanistern dagegen beanstandete einer der Teilnehmer. Der Grund war, dass sich darin Wasserreste als idealer Nährboden für Malariamücken sammeln würden. Also wurden kurzerhand ein paar kleine Löcher in die Kanister gestochen, so dass das Wasser künftig abfließen kann.

Ruandische Alltagsimpressionen

Neugierig auch auf den Alltag der Ruander zeigte Nagel zahlreiche Bilder von verschiedensten Ausflügen, unter anderem zu bunten Märkten, einer Luxus-Lodge für vor allem betuchte US-Amerikaner, die viel Geld dafür bezahlten, um die seltenen Berggorillas zu sehen. Sehr beeindruckt war er noch immer vom Einsatz des einmal monatlich von der Bevölkerung zu leistenden Gemeinschaftsdienstes Umuganda, bei dem die Bevölkerung bis hinauf zu den Ministern begeistert mitmachten. Dort half Nagel, sozusagen voll integriert, beim Richten einer Sandpisten-Fahrstraße, natürlich mit anschließendem gemeinsamen Tanz. Beim Besuch eines florierenden deutschen Restaurants, war er auf den Chef getroffen, der seit 23 Jahren in Ruanda lebe und ihm in „astreinem Schwäbisch“ gesagt habe, „gespitzelt wird überall“ und dass das mit der Meinungsfreiheit so eine Sache sei.

Nachhaltigen Eindruck hat ein sonntäglicher Besuch in der Kathedrale „Zu unserer lieben Frau“ Fatima in Ruhengeni, mit Platz für rund 2000 Gläubige, bei Nagel hinterlassen. Die Messe zelebrierte der Rektor der Fachhochschule, Dr. Fabien Hagenimana, der auch katholischer Geistlicher ist. „Am Sonntag finden dort vier Messen statt und die sind alle voll“, betonte Nagel. Sogar einen kleinen Film hatte er von der nicht nur musikalisch berührenden Messe gedreht.

In der Zuhörer-Fragerunde räumte Nagel ein, „wenig Berührung“ mit den „normalen“ Leuten gehabt zu haben, lediglich bei den kurzen Ausflügen. Natürlich gebe es noch Hunger, aber insgesamt gehe die Entwicklung nach vorn. Ganz und gar nicht könne er das hartnäckige Vorurteil bestätigen, Afrikaner seien nicht besonders fleißig.

Die chinesische Präsenz ist kaut Nagel in Ruanda „nicht so sichtbar“ wie beispielsweise in Äthiopien. Allerdings sei schon erkennbar, dass auch Kagame „auf diese Karte setzt“. 

Christine Tröger

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