Vom zinspflichtigen Acker des Hochmittelalters zum wertvollen Erbgut des 18. Jahrhunderts 

Das Weidachschlössle – Teil 1 

Das Weidachschlössle bei Hochwasser um 1910
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Das Weidachschlössle bei Hochwasser um 1910

Kempten – Wer auf der Kemptener Rottachstraße ab Zentralfriedhof in Richtung Innenstadt unterwegs ist, kommt an einem etwas verwahrlost wirkenden Kemptener Baudenkmal vorbei. Es ist das geschichtsträchtige Weidachschlössle, das vielleicht etliche Kemptener nicht einmal mehr dem Namen nach kennen.

Der dreistöckige Bau hat einen Treppenturm mit spitzem Dach, der sich auf der Westseite an das Gebäude anschmiegt, und auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein gotisches Treppengiebeldach. Das Schlössle steht auf einer verwilderten Wiese und wirkt ganz verloren zwischen Wohnhäusern und anderen Zweckbauten. Wegen seines traurigen Zustandes musste man bis vor Kurzem glauben, dass seine Tage gezählt sind, da die Fenster zerbrochen oder mit Brettern vernagelt sind, die Fassade verblasst ist und sich vor dem Haus Schutt ansammelte.

Rettende Neuigkeiten für ein Baudenkmal

Die Sorge war also berechtigt, dass das Weidachschlössle mit einer jahrhundertelangen wechselvollen Geschichte, vielen verschiedenen Eigentümern und etlichen vergeblichen Rettungsbemühungen aus dem Kemptener Blickfeld verschwinden wird. Wie man aus der Presse entnehmen konnte, naht aber nun Rettung.

Der neue Eigentümer, eine junge Familie, ist angetreten, dieses Patrizierschlößchen weitestgehend in seiner historischen Form zu erhalten und nach Umbauarbeiten in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Damit diese Sanierung gelingen kann, gab der Bauausschuss dafür einstimmig grünes Licht. Mit den Sanierungsarbeiten, die noch in diesem Jahr beginnen sollen, stehen dann der Turm und die drei Stockwerke des Gebäudes sowie ein eingeschossiger Erweiterungsbau für Wohnzwecke zur Verfügung. Dank dieses Engagements wird ein Stück interessanter Stadt- und Stiftsgeschichte erhalten bleiben, die Friedrich Zollhoefer genauer erforscht hat, dessen Spuren dieser Beitrag folgt. 

Das Weidachschlössle im August 2020.

Äcker unter den Weiden am Fluss 

1394 der Name Weidach (auch Widach oder Wydach) zum ersten Mal im ältesten Salbuch des Stiftes auf. Wobei der Begriff Weidach darauf hindeutet, dass es sich um Ansammlungen von Weidenbüschen oder -bäumen gehandelt hat, die in der Nähe eines Gewässers, also der Iller gestanden haben. In diesem stiftischen Salbuch sind sämtliche Besitzungen und Rechte sowie die zu erwartenden Einkünfte an Zinsen, Zehnten, Zöllen, Fronden und Hoheitsrechten der geistlichen Grundherrschaft, also des Abtes, später des Fürstabtes, genau aufgelistet. Nach diesen Eintragungen war das Weidach schon zu dieser Zeit ein Gotteshausgut, also ein Gelände, das dem Stift gehörte und das es gegen einen Fallzins (heute könnte man sagen, gegen eine Pacht) an mehrere Kemptener Bürger vergeben hatte. Bei einem Fallzins hatten die Nutzer an einem bestimmten Termin, meist war das an Martini (dem Martinstag, 11. November) noch bei Tageslicht, eine verpflichtende Abgabe pünktlich zu bezahlen. Versäumte dies der Zahlungspflichtige, fiel das Objekt sofort an den Gläubiger zurück und der säumige Schuldner verlor bei nicht fristgerechter Zahlung der relativ geringen Summe sofort seine Rechte auf dieses Grundstück, im schlimmsten Fall sogar Haus und Hof.

Es sind aus dieser Zeit sogar einige „Pächter“ des Weidach bekannt, da sie im Salbuch erwähnt sind. Den größten Teil des Areals besaß eine Familie Rüst, die dafür einen Fallzins von 22 Pfennigen auf Martini zu begleichen hatte, während andere Nutzer, wie die Müllerin der städtischen Malzmühle für ihre zwei Äcker im Widach vier Pfennige, Hans Ruger für einen Acker im Wydach drei Pfennige und ein gewisser Hermanne viereinhalb Pfennige für einen Acker im Wydach zahlen musste. Über ein etwaiges Gebäude auf dem Weidach ist um 1394 ist noch nichts bekannt. 

Wohlhabende und einflussreiche Eigentümer 

Dass sich die Verhältnisse schon wenige Jahre später änderten, erfahren wir aus einer Urkunde des Abtes Friedrich VII. von Laubenberg vom 13. April 1417. Daraus geht hervor, dass das Weidach schon vor 1417 in den Besitz der Familie Rüst und damit auch in Besitz der Reichsstadt Kempten als sogenanntes Kaufrechtsgut gelangte. Die Rüst oder Rust waren schon um diese Zeit eines der wohlhabendsten, einflussreichsten und auch politisch aktiven Geschlechter der Reichsstadt Kempten. Denn 1363, beim Sturm der Bürgerschaft auf die Burghalde, ist ein Conrad Rüst als Teilnehmer erwähnt. (Vgl. dazu Artikel im Kreisboten „Die Burghalde“ vom 4. Oktober 2017.) Das politische Engagement der Familie zeigte sich auch darin, dass ein Conrad Rüst in der Zeit von 1419 bis 1421 das Bürgermeisteramt in Kempten ausübte und ab 1428 als Siegler (heute würde man Notar dazu sagen) wirkte. Auch später sind noch einige Rüst oder Rist als Bürgermeister in Kempten tätig gewesen. Der Reichtum und die damit verbundenen politischen Einflussmöglichkeiten der Rüst zeigten sich auch darin, dass sie ab 1440 einige Zeit die Burg und das Dorf Betzigau besaßen, das sie vom Schenken von Baldenstein kauften, sowie den Burgstall und einige Höfe zu Leuten ihr Eigentum nannten. 

In der Urkunde vom 13. April des Jahres 1417 erfahren wir, dass ein Kemptener Bürger mit Namen Cuntz Kiesel an Conrad und Jos die Rüst(en) sowie an einige andere Kemptener Bürger seinen Acker verkauft hat, der sich am Stadtgraben, zwischen Iller und dem heutigen Weidachschlössle befand. Die neuen Eigentümer teilten diesen Acker in Strangen auf, d.h. in schmale Felder und Gärten. Damit die neuen Eigner auf ihre Grundstücke gelangen konnten, erbat der Vorbesitzer Cuntz Kiesel beim Fürstabt das Recht, dass sie über das Gotteshausgut, also das Gebiet des Fürstabtes, einen Fahrweg zu ihren Feldern einrichten durften. Der Fürstabt genehmigte diese Bitte, aber mit der Einschränkung, dass sie diesen Weg nur in der Zeit vom St. Michaelstag (8. Mai) bis St. Gallentag (16. Oktober) benutzen durften. Denn die Stadttore der Umgebung sollten nach dem St. Gallentag geschlossen bleiben. Für die Wartung des Weges mussten die Benutzer sowie der Huber vom Rindhof des Stifts aufkommen. 

In dem Dokument ist ausdrücklich erwähnt, dass auch die genannten Rusten und ihre Erben „in deren Hand und Gewalt ihr Gut genannt Weydach“ sich befindet, den Fahrweg ins Weydach nutzen durften. Damit ist auch erstmals von einem Gut im Weidach die Rede, bei dem es sich neben dem Grundstück auch um ein Gebäude gehandelt haben dürfte. Inwieweit die Rüst schon vor dem Jahr 1417 das Weydach „gar oder ein teil“ besaßen, geht daraus aber nicht hervor. Es bleibt aber unbekannt, welche Form dieses Gebäude hatte. 

Erst Jahrzehnte später erhalten wir neue Informationen über das Widach. Im Jahr 1494 taucht ein gewisser Jörg Bruggberg auf, der dort als „Notar im Widach bei Kempten“ einen Vergleich mit den Haldenwangern und den Herren zu Laubenberg von Wagegg über das Nutzungsrecht von Äckern beurkundete. Bei diesem Jörg Bruggberg handelte es sich ebenfalls um einen recht einflussreichen und wohlhabenden Mann. Er bekleidete zwischen 1454 und 1469 das Amt des Landschreibers der Pflege Rettenberg, war Vogt zu Kranzegg und seit 1469 auch als kaiserlicher Notar tätig. 

Zehn Heller für das Seelenheil des Vaters

Daneben ist über Jörg Bruggberg bekannt, dass er wahrscheinlich das Bürgerrecht der Stadt Kempten besaß und am 3. Februar 1505 für das Seelenheil seines Vaters, „Georgen Brugkperger“, zehn Heller Zins „aus meinem freieigen Gut im Weidach zwischen demselben Gozhus und der Iller unter den Garten daselbst, wie das mein lieber Vater selig ingehabt, ich seither erkauft und geerbt hab“. Diese Spende von zehn Hellern ging an das Gotteshaus St. Laurenzen und die Pfarrkirche zu Kempten auf dem Berg. Zu dieser Zeit hatte Bruggberg bereits kleinere Areale aus seinem sehr großen Grundbesitz verkauft. Teile davon gingen im Jahr 1501 an den Kemptener Bürger Wilhelm Grauf, von Beruf Zimmermann und im Jahr 1507 an Hans Rotach, ebenfalls Bürger zu Kempten. 

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts gab es dann einen erneuten Eigentums- und Besitzwechsel auf dem Weidach. 1543 taucht in einem Beschaubrief ein gewisser Hans Klamer als Besitzer des Weidach auf, der sich in diesem Dokument ausdrücklich auch das Fahrrecht zu seinem Gut im Weidach sichern ließ. Klamer kam als Kaufmann u.a. im Weinhandel zu einem ansehnlichen Vermögen, mit dessen Hilfe er das Gut im Weidach erwerben konnte. Hans Klamer entstammt aus einer Familie in Tannheim in Tirol, die nach Kaufbeuren ausgewandert ist. Der Vater von Hans Klamer, Matthias Klamer, hatte in Kaufbeuren mehrmals das Amt des Bürgermeisters inne und erwarb sich daneben als Kaufmann einen guten Ruf. Im Jahre 1531 kam Hans Klamer nach Kempten und heiratete dort die Tochter des Patriziers Häl und erwarb am 5. Mai 1531 das Kemptener Bürgerrecht, nachdem zwei bedeutende Kemptener Bürgen, sein Schwager Hans Häl und Melchior Seuter, Angehöriger des bekannten Geschlechts der Seuter, für ihn die Bürgschaft übernahmen. Es sei erwähnt, dass sog. „Ußleute“, also auswärtige Personen das Bürgerrecht der „Freien Reichsstadt Kempten“ seinerzeit u. a. nur dann erhielten, wenn sie beim Stadtrat einen Antrag stellten und Auskunft über ihre Herkunft und ihre Vermögenslage gaben. Im Jahre 1557 mussten die Zuwanderer mindestens 100 Pfund Heller nachweisen. Zusätzlich hatten sie eine Aufnahmegebühr zu bezahlen und mussten zwei Bürgen finden, die mit jeweils 20 Pfund Hellern dafür hafteten, dass der Neubürger mindestens fünf Jahre in der Stadt verblieb. Mit dieser Aufnahmeregelung wollte die Stadt Kempten vermeiden, dass Habenichtse das Bürgerrecht erhielten, bei denen die Gefahr bestand, dass sie der Stadt- oder Zunftfürsorge zur Last fallen könnten. 

Weinausschank am Illerstrand 

Im Weydach ging Klamer offensichtlich seinem Beruf als Leinwandkaufmann und Weinhändler nach. Er betrieb im Weidach aber auch einen Weinausschank, offensichtlich aber nicht immer zur Zufriedenheit der Obrigkeit. Denn er musste im Juli 1545 eine Strafe von 60 Gulden wegen „Unrainigkeit halb“ bezahlen. Da in später verfassten Dokumenten Hans Klamer nur noch als „im Weydach sesshaft“ genannt und dann nur als im „Weydach“ wohnhaft oder als Beisasse aufgeführt ist, kann vermutet werden, dass er spätestens ab 1555 das Bürgerrecht der Freien Reichsstadt Kempten wieder aufgegeben hat.

Obdach für einen ‚Pestflüchtling‘

Am 7. Juni 1560 ließ der Rat eine Notarurkunde ausfertigen, in der zu lesen ist, dass Hans Klamer, sesshaft im Weidach seine Güter nur an Kemptener Bürger verkaufen dürfe, damit die Kaufrechtseigenschaften im Weidach erhalten bleiben. Im Oktober 1563 erlaubte die Stadtobrigkeit dem Hans Klamer, dass er eine Person, die aus Augsburg wegen der dortigen Pest geflüchtet war und „den man sollt in des Hans Guffers Haus in der Stadt einnehmen“, in seinem Anwesen im Weidach unterbringen durfte. Die Erlaubnis dafür erteilte die Stadt aber nur unter folgenden Bedingungen: Der Augsburger musste sich den Anordnungen des Rates fügen und durfte nicht in die Stadt eingelassen werden. Aus welchem Grund sich Klamer anbot, diesen Augsburger, von dem ja eine Ansteckungsgefahr ausgehen konnte, in seinem Anwesen unterzubringen, geht aus den Unterlagen aber nicht hervor. Mit dieser Aktion hat Klamer sowohl dem Hans Guffer, der ja zunächst den Geflüchteten aufnehmen sollte, als auch der Stadt Kempten einen Gefallen getan, der in Pestzeiten von großer Hilfsbereitschaft zeugt.

Weidach um 1569 Holzschnitt von Hanß Abelin und Hans Rogel.

Trotz dieses Entgegenkommens schien sich das gute Verhältnis zwischen Klamer und der Stadtobrigkeit wenige Jahre später eingetrübt zu haben. Zunächst ging es um den Verdacht, dass Klamer „meisnische und schlesische Tücher von einem Legauer Färber hat einfärben lassen“. Dies konnten natürlich die Kemptener Färber nicht akzeptieren. Daher sollte man die Angelegenheit näher untersuchen und gegebenenfalls Klamer abmahnen. Dann kamen weitere Ungereimtheiten hinzu. So hatte er am 17. Februar 1567 Differenzen mit der Stadtobrigkeit, weil er an einem Platz, der ihm gehörte, Uferschutzbauten an der Iller vorgenommen hatte. Er entgegnete, dies sei sein gutes Recht, weil andere Bürger ebenfalls solche Schutzmaßnahmen gebaut hätten. Der Bau dieser Uferschutzbauten war ein mehr als notwendiger, wenngleich auch vergeblicher Versuch, sich vor Hochwasser der damals noch ungebändigten Iller zu schützen. Denn im Laufe der Jahrhunderte hat die Iller öfters in Kempten teils schwere Überschwemmungen verursacht.

Rechtsstreitigkeiten und Hochwasserschutz

Des Weiteren beschwerte sich Klamer, weil er wegen der eingeführten Leinwand Zoll zahlen müsse wie ein Fremder und dass er von einem Eimer Wein (ein Kemptener „Eimer“ hatte ungefähr 38 Liter) Abgaben in Höhe von zwei Kreuzer wie ein Fremder zu entrichten hätte. Dann gab es noch Streitereien wegen des Umgeldes (eine Art Getränkesteuer), das er der Stadt angeblich seit zehn Jahren schuldete. Dabei führte er an, er habe sich bereits in dieser Sache mit einem verstorbenen Rechenmeister der Stadt geeinigt. Deswegen wurde diese Angelegenheit auf spätere Zeiten vertragt. Diese Streitereien wurden erst am 10. Januar 1568 durch ein Abkommen mit der Stadtobrigkeit behoben. Darin wurde festgelegt: Hans Klamer im Weidach zahlt für seine gelagerten Weine 50 Gulden und solange er im Weidach sesshaft bleibt, untersteht er der städtischen Gerichtsbarkeit, zahlt jährlich acht Gulden Satzgeld (eine Art Einkommensteuer), zusätzlich fallen für jeden ausgeschenkten Eimer Wein Abgaben in Höhe von zwölf Kreuzer und sechs Heller an und er musste den in der Stadt üblichen Zoll beim Bezug von anderen Waren entrichten. Ausdrücklich wurde noch in diesem Abkommen erwähnt, dass er seine Güter im Weidach nur an Kemptener Bürger verkaufen dürfe. 

Honoriger Gast auf Weinfest und Weihnachtsfeier 

Trotz dieser Differenzen schien aber Klamer im Rat hohes Ansehen genossen zu haben. Denn bei einem im Jahre 1567 vom Rat veranstalteten „Baylmahl“, einer Art Weinfest, wurde neben anderen Ehrengästen auch Hans Klamer eingeladen. Bei der Doppelhochzeit seines Sohnes Felix und seiner Tochter Afra erging am 19. Januar 1568 folgender Ratsbeschluss: „Ist dem alten Hans Klamer, so seins Sohns Hochzeit im Weydach halten will, von wegen begehren Hansen Gufers bewilligt worden, dass das Pfeilertörlein zu Nacht durch dazu Verordnete solle den Gästen und Hochzeitleuten, wenn sie vom Nachtmahl aus und eingehen, geöffnet werden“. Die im Dokument hervorgehobene Formulierung „von wegen begehren Hansen Gufers“ zeigt, dass sich Gufer bei Klamer bedanken wollte, der sich ja bereit erklärt hatte, den Augsburger bei sich im Weidach aufzunehmen. „Und weil er, Felix Klamer den Kirchgang im Kloster hält und hievor zu Verheiratung seiner Afra mit Mangen Lederer in der Stadt Kempten gehabt, so will ein Ersamer Rat dasselbig auch geschehen lassen“.

Ein weiterer Beweis seines guten Rufes war auch die Tatsache, als der Rat im Jahre 1574 zu einer Weihnachtsfeier ins (katholische) Kloster geladen wurde, durfte auch Hans Klamer daran teilnehmen. Letztmals taucht Hans Klamer in den Urkunden der Stadt auf, als 1578 ein Schiedsspruch wegen der Illerschutzbauten erging. Hans Klamers Sohn, Felix Klamer im Weydach, erwarb am 6. August 1582 für sich, seine Frau und seine Tochter Katharina wieder das Kemptener Stadtrecht und baute sich im selben Jahr in Lenzfried „sein stainen Haus“ (das heutige Schlossgut in Lenzfried).

Um die Zeit der Klamers nimmt wahrscheinlich erstmals in der wohl ältesten Stadtansicht von 1569, dem Holzschnitt von Hanß Abelin und Hans Rogel, das Gut im Weydach sichtbare Gestalt an. In einem umzäunten Bereich sehen wir das Schlösschen in der auch heute schon bekannten Form mit dem Wohngebäude und dem Treppenturm. Daneben ein weiteres größeres Gebäude und noch einige Wirtschaftsgebäude. Daher kann angenommen werden, dass schon zu Hans Klamers Zeiten mindestens zwei Güter im Weidach gestanden haben. Dies geht auch aus einem Kaufbrief eines Martin Schmelz im Weidach aus dem Jahre 1547 hervor. Hier wird seine Behausung und sein Stadel im Weidach sowie sein dazugehöriges Fahrtrecht „wieder herauf zu Hansen Klamers Behausung zwischen beider Gärten bis an die gemain Strassen“ erwähnt.

Später, im Jahre 1601, als ein Vertrag mit dem Stift wegen Kaufrechtsangelegenheiten zustande kam, sind folgende zwei Güter im Weidach genannt: Jungfer Anna Schmelz Behausung, Bainden, Gärten und Felder im Weidach. Daneben Junker Bernhard Hörmanns Haus im Weidach, das heutige Weidachschlössle. Junker Bernhard Hörmann stammte aus Augsburg, heiratete später Frau Anastasia Schmelzin, die „hinterlassene Wittib“ von Junker Gordian Seuter, dem berühmten Kemptener Bürgermeister. Seuter erwarb im sogenannten „Großen Kauf“ im Jahre 1525 vom damaligen Fürstabt Sebastian von Breitenstein gegen eine Summe von ungefähr 30.000 Gulden alle noch bestehenden Rechte und die meisten Besitztümer, die der Fürstabt in der Reichsstadt Kempten bis dahin hatte. 

Die schlimme Zeit des Dreißigjährigen Krieges scheint an den beiden Gütern im Weidach relativ spurlos vorübergegangen zu sein. In einer Liste von Kaufrechtsgütern des Jahres 1640, in der verzeichnet ist, welche Güter in diesem Krieg verbrannt wurden und wo es Besitzerwechsel gab, ist nichts über Beschädigungen oder gar Zerstörungen bei den Weidachgütern zu lesen. Aber auf dem Gut von Anna Schmelz ist danach Martin Schmelz und der neue Besitzer des Gutes von Hörmann ist darin Jacob König „als gewesten Tochtermanns 2 Kinder“ genannt (als Tochtermann bezeichnete man damals einen Schwiegersohn).

Dr. Willi Vachenauer

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