Kemptener Stadtgeschichte

Die Illerflößerei

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Floß auf der Iller bei Krugzell.

Kempten – Heute fließt die Iller in Kempten von mehreren Staustufen und Schutzmauern gezähmt im Normalfall gemächlich durch die Stadt und liefert Energie. Wir können uns daher kaum mehr vorstellen, dass die Iller, als sie früher noch weitgehend ungebändigt fließen konnte, ein oft benutztes Transportmedium für verschiedene Produkte darstellte, die auf Flößen ab Kempten bis nach Ulm und sogar noch weiter transportiert wurden. Vor dem Aufkommen der Eisenbahn und dem Ausbau der Straßen bis zum Ende des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts noch, galt Kempten als wichtiger Umschlagplatz für Holz und verschiedene andere Transportgüter und damit als bedeutende Flößerstadt mit einer langen Tradition.

Heute erinnern nur noch wenige Namen in Kempten, wie das „Ankergässele“ und „Beim Floßerhäusle“, an dieses damals bedeutsame Transportgewerbe. Die erste urkundliche Erwähnung der Illerflößerei können wir aus Zollbestimmungen aus dem Jahre 1397 und 1434 entnehmen. Es kann aber als sicher gelten, dass schon die Kelten und dann die Römer die Iller mit Booten oder Flößen befahren haben, Gerade die Römer dürften neben Brenn- und Bauholz sowie anderem Material auch Truppen auf der Iller transportiert haben.

Voraussetzungen für die Flößerei

Ob und in welchem Ausmaß ein Fluss für die Flößerei geeignet war, hing in erster Linie vom Flusslauf ab. Hindernisse wie Felsen, Sandbänke und enge Kurvenradien beschränkten die Floßgröße. Die Flüsse mussten eine notwendige mittlere Mindestwassertiefe von ungefähr einem halben Meter haben, um für Flöße passierbar zu sein. Bei zu geringem Wasserstand wurden die meist unregulierten Flussbette verschmälert und so konnte man auf diese Weise die Wassertiefe um 35, stellenweise sogar um 60 Zentimeter erhöhen. In manchen Fällen erzeugte man mit Hilfe von Klausen (kleinen Stauwehren) einen künstlichen Wasserschwall um die Flöße weiterzubringen. Um Stauanlagen mit Flößen überwinden zu können, bekamen die Wehre sogenannte „Floßlöcher“ oder „Floßgassen“, die zur Durchfahrt geöffnet werden konnten. Dabei ging aber oft wertvolles Stauwasser für andere Zwecke verloren, so dass bei geringem Wasserstand die Mühlräder wegen der Flöße öfters zum Stillstand kamen. Geflößt wurde nur zu bestimmten Zeiten. Während in der Winterzeit der Floßverkehr ruhte, begann er in der Regel am „Sonntag Oculi“, d.h. am dritten Sonntag in der Fastenzeit (Mitte März). Während der Winterpause brachten die Flößer ihre Seile, Bohrer und Beile in Ordnung und ließen defektes Handwerkszeug bei den Schmieden auch im Ankergässele ausbessern oder neues Werkezeug schmieden. In der Flößersaison starteten die Flöße in Kempten in der Regel am Mittwoch und vor allem am Donnerstag Iller abwärts.

Der „Anmachplatz“

Die Anmachplätze in Kempten konnte man schon von Weitem an ihren großen Holzlagern erkennen. Hier am Kemptener Holzplatz sammelten die Floßknechte zunächst die Langholzstämme, die sie dann in die Iller warfen, um sie am Anmachplatz mit speziellen Auffangvorrichtungen zu sammeln. Der Holzplatz befand sich früher nördlich der Lützelburg, daher trägt hier heute eine Straße den Namen „am Alten Holzplatz“. 

Am Anmachplatz wurden die Holzstämme mittels Weidenruten und „Nägeln“ aus Birkenholz miteinander verbunden. Zunächst mussten die Flößer den Boden des Floßes errichten. Dabei kamen die längsten Baumstämme in die Mitte, die kurzen Hölzer an die Außenseite des Floßes. Diese Arbeit, die viel Geschick und Erfahrung erforderte, war besonders mühsam. Denn mit großen „Griffbengeln“ mit bis zu drei Meter Länge aus massivem Lärchenholz, an deren Spitze sich ein eiserner Floßerhaken befand, mussten die Floßknechte die mächtigen und nicht immer gerade gewachsenen Stämme allein mit Muskelkraft so lange sortieren und übereinanderstapeln, bis daraus der Boden eines funktionellen Floßes entstand. 

An den beiden Außenrändern wurden Querbalken, sogenannte „Klampen“ angebracht, dabei handelte es sich um dünnere Stämme zum besseren Halt. Zwischen 30 und 40 Stämme mussten die Floßknechte zusammenstellen und mit zwei Rudern an den Seiten versehen, damit zwei Flößer dieses Floß auf der Iller lenken konnten. 

Die bekanntesten Anmachplätze und „Floßländen“ (Orte, wo die Flöße anlandeten) befanden sich in Kempten beim sogenannten Flößerhäusle (heute beim Restwasserkraftwerk an der Kaufbeurer Straße und der Sommerbar an der Iller), das sich damals noch im südwestlichen Bereich der alten hölzernen Illerbrücke unterhalb des damaligen Wehres befand. Hier, am Hauptfloßplatz herrschte bis in die 1890er Jahre reger Floßbetrieb. Ein weiterer Anmachplatz mit „Floßlände“ befand sich nördlich des heutigen Illerstegs, bei der ehemaligen Zündholzfabrik (in der Nähe der Hauptwache der Kemptener Feuerwehr). An diesem Platz haben besonders die Brüder Wilhelm und Xaver Riedle geflößt. 

Wilhelm Riedle war auch der letzte Flößermeister in Kempten, der bis ins Jahr 1900 seinen Beruf ausübte. Daneben waren bekannte Flößerfamilien aus Kempten die „Heinz, Haas, Ostler und Schnetzer“, die auf genaues Arbeiten großen Wert legten und dutzenden Floßknechten, Mägden und Familien Arbeit und Brot gaben. Weitere Anmachplätze gab es auch in Hirschdorf an der sogenannten Nasengrube. Hier betrieb der Flößer Ludwig Kienle bis etwa 1890 das Flößerhandwerk. 

Ein weiterer Anmachplatz befand sich in Krugzell, wo die Familie Abele bis 1905 die Flößerei ausübte. 

Immer zum Wochenbeginn traten die Floßknechte bei den jeweiligen Floßherren am Anmachplatz ihre Arbeit an. Bei ihrer Arbeit im kalten Illerwasser trugen die Floßknechte mit Hirschgeweihknöpfen beschlagene dicke Wolljacken, um die Kälte abzuwehren. Daneben zogen sie hüfthohe und gut eingefettete Lederstiefel an, die sie möglichst lang vor Nässe schützen sollten. Bei ihrer Arbeit trugen sie eine wasserdichte Ledertasche mit Messingschloss, ein zusammengerolltes Seil, das sie mit einer Axt oder einem langen Bohrer über die Schulter gestützt auf dem Rücken trugen. 

So ausgerüstet mussten die Flößer beim mühsamen Zusammenbau der Flöße sehr aufpassen, da die nassen Stämme äußerst rutschig waren. Um die damit verbundenen Unfallrisiken zu minimieren, befestigten die Floßknechte oft Eisenkrampen unter ihren Lederstiefeln. Die Flößer hatten im heiligen Johannes von Nepomuk, dem Schutzpatron der Flößer und Brückenbauer, einen seelischen Fürsprecher, der sie bei ihrer gefährlichen Arbeit beschützen sollte. Nach dem Bau des Floßes wurde es beladen. Ein großes Floß konnte entweder 800 Bretter oder 55 Raummeter Holzscheitel laden und hatte einen Wert von 600 bis 700 Reichsmark. Kleinere Flöße, die nur einen Bediener hatte, stellten einen Wert von 300 bis 400 Reichsmark dar (Reichsmark ab 1871). Teilweise wurden mehrere Stammschichten übereinandergeschichtet, um mehr Holz auf einmal transportieren zu können. 

Flöße, die neben Holzstämmen Bretterbündel geladen hatten, hießen eine „Bädrische“, Flöße, die außer Holzstämmen noch eine Ladung Holzscheiterbündel enthielten, nannte man „Flaudern“. Zum Flößen eigneten sich in der Regel nur Tannen- und Fichtenstämme. Laubholz war zu schwer für Flöße und fand allenfalls nur als Frachtholz Verwendung. Auf größeren Flößen errichteten die Flößer nach Bedarf Schutzhütten oder bauten Zelte – manchmal sogar mit Kochgelegenheiten – auf, in denen die Flößer oder auch Passagiere Schutz vor Wettereinflüssen fanden. Über Jahrhunderte waren Flöße reine Holzkonstruktionen, die aus Stangen, Keilen und Holzseilen, sogenannten „Wieden“ bestanden. 

Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts benutzten die Floßknechte auch Nägel, Draht, Ketten und Krampen. Zum Steuern und Abbremsen konnten am Floß Ruder und Einfahrhölzer angebracht sein. Dem Floß spannten die Flößer mit Stricken und einem Seil oft einen sogenannten Hund quer vor, der wie eine Art Segel wirkte, um die ganze Triebkraft des Wassers nutzen zu können. Das wichtigste Werkzeug der Flößer aber war der Floßhaken, ein Universalwerkzeug für den Floßbau und zum Lenken der Flöße. Auch während ihrer Fahrt führten die Flößer immer ihre Ausrüstung wie Holzbohrer, Stricke oder Seile und birkenhölzerne Nägel mit sich. Falls ein Floß auf einer Kiesbank aufsetzte, konnte es mit Hilfe der Seile und Floßhaken in mühevoller Zugarbeit ins Fahrwasser zurückgebracht werden. Falls sich Stämme aus dem Floß lösten, konnten sie diese notfalls mit Bohrern und Birkennägel wieder problemlos zusammenbauen.

Dr. Willi Vachenauer

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