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Die Kemptener Waisenhäuser

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Das Waisenhaus im Stadtplan von Jacob Esser um 1729. © Archiv Freunde der Kemptener Museen

Kempten – Waisenkinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen, zählten zu den schutz- und hilflosesten Menschen in einer Gesellschaft. Auch wenn die Kinder nur einen Elternteil verloren hatten, war ihre Situation oft ähnlich schwer. Die religiöse Spaltung in evangelische Reichsstadt und katholisches Stift ab der Reformation wirkte sich bis ins 20. Jahrhundert auf die Waisenhauspolitik Kemptens aus.

Das »Evangelische Waisenhaus« 

Die Stadt Kempten hat schon früh diese Notlage der Kinder erkannt und sogar noch vor der Reformation bis in die Zeiten des 30-jährigen Krieges eine Einrichtung geschaffen, in der diese Kinder unterkommen konnten und versorgt wurden. Schon gab es in der damaligen Reichsstadt Kempten auch ein Waisenhaus. Da durch die Zerstörungen des 30-jährigen Krieges über 170 Häuser der Stadt in Flammen aufgingen, wissen wir heute aber nicht mehr, wo das Haus gestanden hat. Da sich die Bürgerschaft erst von den Heimsuchungen dieses furchtbaren Krieges erholen musste, konnte man den Waisen nicht die notwendige Beachtung schenken, obwohl der Krieg auch deren Zahl vermehrt hatte. 

Ende des 17. Jahrhunderts, nach Überwindung der ärgsten Kriegsschäden, ergriff die evangelische Geistlichkeit die Initiative für die Waisenkinder und rief von der Kanzel der St.-Mang-Kirche zu ihrer Unterstützung auf. Daher beschäftigte sich der Rat der Stadt in einer Sitzung am 17. Juni des Jahres 1695 mit dem dringenden Anliegen. Er konnte jedoch keine Lösung anbieten, da die finanziellen Mittel fehlten. Am 26. Oktober 1695 stellte der Rat die Errichtung eines ordentlichen Waisenamtes in Aussicht. Am 1. Februar 1697 beschlossen die Räte eine eigene Waisenhausstiftung ins Leben zu rufen, um genügend Mittel für dieses Vorhaben zu sichern. Ein damals üblicher Vorgang, da man soziale Vorhaben meist durch eigene Stiftungen finanzierte. Schon kurze Zeit später flossen die ersten Gelder in die Waisenhausstiftung, so dass man am 28. Oktober 1699 darangehen konnte, über eine Waisenordnung zu beraten. 

Leider verzögerten sich die weiteren Planungen, da im März 1704 feindliche Truppen die Stadt besetzten und sich auf Kosten der Bürgerschaft verpflegen ließen. Erst am 3. Januar 1707 konnte sich ein Gremium von vier Ratsherren und zwei Geistlichen mit folgenden Fragen beschäftigen: Woher sollen die Gelder für das Waisenhaus kommen, wo soll es stehen und welche Personen sollen sich um die Waisen kümmern? 

Finanzierung des Hauses 

Am 11. Februar 1707 tagte ein Ratsausschuss im Rechenstüblein des Rathauses und diskutierte verschiedene Vorschläge, woher das Geld kommen sollte. Am 1. Juni 1708 erließ der Rat einen Spendenaufruf an die Bürgerschaft. Da der große Erfolg ausblieb, kamen einige Ratsherren auf die Idee, Geld von vermögenden Leuten aus der benachbarten Schweiz zu erbetteln. Den ehrenvollen Auftrag dafür bekamen der Spitalpfleger Johann Jakob Rüst, und der Waisenpfleger Dick, beide Mitglieder des Rates. 

Mit einem offiziellen Bittschreiben ausgestattet, das auf die finanziellen Nöte der Stadt wegen des 30-jährigen Krieges hinwies, begann im Jahre 1715 ihre Reise, die über Isny, Lindau, Rorschach, St. Gallen, Winterthur und Zürich bis nach Bern führte. Leider erhielten sie überall die Nachricht, dass die Schweizer mit Rücksicht auf ihre eigenen großen Ausgaben kein Geld für die Kemptener übrig hätten. Daher kamen sie mit leeren Händen zurück, aber ihre Reise hatte die Stadtkasse 103 Gulden gekostet. Es blieb die Erkenntnis, dass man sich auf die eigenen Ressourcen verlassen musste. 

Also wurden die Gläubigen von der Kanzel herab aufgerufen, für das Waisenhaus zu spenden. Sogar die Ratsherren sollen damals von Haus zu Haus gegangen sein, um Geld dafür zu erbitten. Größere Summen kamen nun vor allem von wohlhabenden Kemptener Bürgern, die entweder zu Lebzeiten Gelder spendeten oder im Testament die Waisenhausstiftung als Erbe einsetzten. Besonders traten dabei hervor, die Familien König, Kesel, Neubronner, aber auch Einzelpersonen wie Matthias Jenisch, der 10.000 Gulden gab. Veronika Röhlin und eine Anna Maria Hermann. Aber auch von Seiten kleinerer Geldgeber und aus der Stadtkasse flossen Beträge in die Waisenhausstiftung, so dass der Rat am 18. März 1717 den Bau des Waisenhauses beschließen konnte. 

Der Bau des Waisenhauses 

Als Bauplatz wählten die Räte eine Stelle am Neustätter- oder Totentor, weil der Ort in der Nähe der damaligen St. Anna-Schule (in der Nähe der heutigen Suttschule) und der St.-Mang-Kirche lag. Wegen seiner Nähe zum Waisenhaus bekam das Tor von den Bürgern später noch den Namen Waisentor. Zuvor stand hier seit 1324 ein Färb- und Manghaus, das aber abbrannte. Zusätzlich erwarb man einen Platz mit einem Gärtchen, ein Stück Stadtmauer sowie noch zwei benachbarte Häuser. 

Nachdem die Bauverwaltung in Zusammenarbeit mit den städtischen Maurer- und Zimmermeistern ein Modell erstellt hatte, verpflichtete sich die Gemeinde, das Holz und andere Baumaterialien beizusteuern, während die städtischen Maurer und Zimmerleute den Bau errichteten. Sie konnten dabei auf die unentgeltliche Unterstützung von Bürgern und Mitgliedern der verschiedenen Stadtzünfte zählen. Am 7. Mai 1708 erfolgte nach einem Gottesdienst die feierliche Grundsteinlegung, die der damalige Bürgermeister Johann Christoph Fels und der Bauverwalter Dick in Gegenwart des geheimen Rates vornahmen. 

Der Bau des Waisenhauses machte aber nur langsame Fortschritte, da es durch weitere Kriegsereignisse immer wieder zu Verzögerungen und wiederholten Zahlungsschwierigkeiten kam. Im Frühjahr 1713 war das Haus immer noch nicht fertiggestellt, so dass die bereits geplante Aufnahme von 25 Waisen verschoben werden musste. Für die Zeit bis zur Fertigstellung des neuen Heimes mussten die Waisen in der St.-Anna-Schule (ehemaliges St. Anna-Kloster) untergebracht werden, das damals auch als städtisches Schulhaus diente. 

Endlich konnte am 28. November 1713 unter Teilnahme des damaligen Amtsbürgermeisters Matthias Jenisch, des Bürgermeisters Ulrich Stattmüller, des Predigers Jakob Melling, des ersten Waisenhauspflegers Bartholomäus König und anderer prominenter Bürger die feierliche Eröffnung des neuen Waisenhauses stattfinden. Das fertige Gebäude hatte zwei Stockwerke, eine Länge von 82 Schuh und eine Breite einschließlich der Nebengebäude von 70 ½ Schuh. Im Erdgeschoss des neuen Hauses gab es verschiedene Räume, dazu einen Hof, einen Gemüse- und Baumgarten, einen Brunnen, sowie Stadel und Stallungen. Im ersten Stockwerk gab es eine große Stube, in der die Kinder ihre Mahlzeiten zu sich nehmen und arbeiten konnten. Hier befanden sich auch die Schlafkammern, für Knaben und Mädchen getrennt sowie für die Dienstboten. Jeder Waise hatte dabei ein eigenes Fach zur Aufbewahrung seiner Kleider. 

Die Waisenkinder 

Schon am Tage der Einweihung konnten in das neue Haus, bei dem es sich nach zeitgenössischen Beschreibungen um ein „hübsches und wohleingerichtetes Gebäude“ handelte, 30 Waisen, zehn Knaben und 20 Mädchen einziehen. Die Kinder, die im Waisenhaus lebten, hatten ein unterschiedliches Alter. Sie mussten aber erzogen, unterrichtet und beschäftigt werden. Die Älteren erlernten einfache Tätigkeiten wie Spinnen, Nähen oder Weben, damit sie nach ihrer Waisenhauszeit leichter eine Dienst- oder Lehrstelle finden konnten. Für die Jüngeren gab es sogar einen eigenen Unterricht im Heim. 

Als Lehrer und Erzieher wirkten ab dem 25. Februar 1723 sogenannte Präzeptoren, wobei der erste, Joachim Funk, hier 40 Jahre wirkte. Unter dem Einfluss der Aufklärung war es besonders Johann Georg Lunz, der sich als Rektor der Lateinschule von 1768 bis 1792 zum Vorreiter der Aufklärungspädagogik entwickelte und mit seinem pädagogischen Reformkonzept auch die Waisenhausschule mit einbezog. Danach sollten deren Schüler mindestens den Kenntnisstand vorweisen können, der den Schulleistungen der schlechtesten Schüler der öffentlichen Schulen entsprach. Der Lehrer und Erzieher Matthias Satzger, der dort von 1775 bis 1783 arbeitete, wurde gerühmt „als einer der würdigsten Männer, die das Waisenhaus gehabt“ habe, weil er sich auch für eine bessere Gesundheitsfürsorge der Insassen einsetzte. Da sich aber nicht immer geeignete Präzeptoren finden ließen, mussten die Kinder in solchen Fällen in den städtischen Schulen unterrichtet werden. Ab 1810 fand im Waisenhaus kein Unterricht mehr statt, da alle schulpflichtigen Zöglinge die öffentlichen Schulen besuchten mussten. Es gab auch Todesfälle im Waisenhaus, bis zum Jahre 1913 sind insgesamt 57 Zöglinge verstorben.

Waisenordnung

Im „altstädtischen Waisenhaus“ als Anstalt einer rein evangelischen Gemeinde konnten naturgemäß nur protestantische Kinder der Stadt unterkommen. Schon im Mai 1712 verfasste man eine Waisenordnung, die im Jahre 1755 überarbeitet wurde. Aus der Satzung geht Folgendes hervor: Zweck dieser protestantischen Waisenhausstiftung „ist die Erziehung in Kempten heimatberechtigter protestantischer Waisenkinder, ehelicher in erster Linie oder solcher Kinder, welche waisenähnliches Schicksal haben, also verlassene Kinder aus getrübten Familienverhältnissen und dergleichen. Über die Waisenhausaufnahme entscheidet der Magistrat der Stadt Kempten“. 

Der Waisenhausaufenthalt dauert in der Regel bis zum Ende der Werktagsschulpflicht der Zöglinge. In besonderen Fällen konnte ein längerer Aufenthalt genehmigt werden. Diese galt für besonders begabte Waisenhauskinder, die noch die Gewerbeschule besuchen durften. Aber in der Regel traten nach der Konfirmation die Knaben bei einem hiesigen Handwerksmeister in die Lehre, die Mädchen nahmen einen leichten Anfangsdienst in einem Haushalt an. Um die Kosten für die Lehre decken zu können, gab es ab 1829 eine „Johannes Schachenmayr‘sche Lehrgeldstiftung, dazu kamen ab 1772 Gelder aus einem Testament des Maurermeisters Joseph Greiter in Höhe von 200 Gulden und ab 1907 spendete der Kaufmann Georg Kluftinger einen Betrag von 3000 Reichsmark. Es existierte auch eine Heiratsgutstiftung, die Gelder von verschiedenen Personen erhielt und auftretende Heiratskosten decken sollten. Weitere Geldmittel stammten aus sog. Nebenstiftungen.

Personal des Hauses 

Als Vorsitzender der Anstalt wurden mit Hieronymus Bartholomäus König und Johann Christoph Stadtmüller zwei Pfleger gewählt, darauf folgten unter anderem Wolfgang Jakob Jenisch, der dem Haus verschiedene Geldmittel zukommen ließ. Um die Zöglinge im Heim kümmerte sich ein sogenannter Waisenvater, zuständig für die männlichen Waisen und die sogenannte Waisenmutter, die sich um die weiblichen Waisen kümmerten. Bei ihrer Betreuungsarbeit standen ihnen zwei Mägde zur Seite. 

Die ersten Waiseneltern, die ab 1713 bekannt sind, waren der Waisenvater Martin Zäberling und seine Ehefrau. Auch in der Folgezeit wirkten meistens Ehepaare als Waiseneltern. Ab 1913 trat die Malertochter Emilie Durst als Waisenmutter ihren Dienst an, die früher selbst in diesem Hause als Waise gelebt hatte. Die Waiseneltern standen unter der Aufsicht des vom Rat der Stadt eingesetzten Waisenpflegers, der auch als Kontrollorgan fungierte und der Stadtobrigkeit über die Verhältnisse im Hause berichten musste. Bedingt durch längere Friedenszeiten und die Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse nahm die Zahl der Waisen im städtischen Waisenhaus ab. Es gab also mehr Platz als nötig war. Daher dachte die Stadtobrigkeit darüber nach, wie sie diese Räume verwenden konnte. 

Anfang der 1720er Jahre musst sich der Rat mit der Frage beschäftigen, wo ein dringend benötigtes Zucht- und Arbeitshaus gebaut werden sollte. 1732 legte der damalige Stadtwerkmeister einen Plan vor, der den Einbau von Zuchtzimmern und weiteren Räumen in das Dachgeschoss des Waisenhauses vorsah. 

Nach Abschluss der Einbauarbeiten im Jahre 1733 übernahm eine Ratsperson die Oberaufsicht, die den Titel „Pfleger“ trug, aber dieses Amt ehrenamtlich ausübte. Die Aufsicht innerhalb der Anstalt übernahm ein „Zuchtvater“ für die männlichen und eine „Zuchtmutter“ für die weiblichen Insassen. Es war zur Unterbringung „für liederliche Leute, Vaganten und herabgesunkene, ihres Vermögens beraubte Personen und arme Bürger“ gedacht. Also Bürger, die ihr Vermögen verloren hatten und nicht mehr die Mittel besaßen, um sich im Spital einen Platz fürs Alter einzukaufen. Sie besaßen auch keine Angehörigen mehr, die für sie aufkommen konnten und fielen daher der Armenfürsorge zur Last. Somit war dieses Zucht- und Arbeitshaus keine Strafanstalt, sondern vielmehr eine Anstalt, in der Leute in die Zucht genommen wurden und für die gebotene Unterbringung und Verpflegung Arbeitsdienste leisten mussten, soweit sie dazu in der Lage waren. Die arbeitsfähigen „Züchtlinge“ wurden mit Krempeln, Kämmen Streichen, Spinnen, Raspeln, Auszupfen und Stecken der Heftnadeln beschäftigt. Die Zahl der Insassen belief sich auf zehn bis 20 Personen. Aber ihnen wurden auch andere hilflose, alte, gebrechliche, blinde Personen und selbst freiwillige Kostgänger beigesellt. 

Aus dieser Zeit erfahren wir auch etwas über die kärgliche Verpflegung im Waisen-Zucht- und Arbeitshaus, die kaum Rücksicht auf die ernährungsphysiologischen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nahm.

Menüplan

• „Am Sonntag: Mittags Leberknöpflin und Suppe, oder dürre Apfelscherben mit Schmalzsuppen, Nachts Habermus und Brotbröcklin darin. 

• Montag: Mittags Erbissuppen mit etwas Brot, im Sommer grünes, im Winter saures Kraut. Nachts wie am Sonntag. 

• Dienstag: Mittags Leberspatzen oder Knöpflin samt der Suppen. Nachts wie am Sonntag. 

• Mittwoch: Mittags Gerstensuppen, Nachts wie am Montag. 

• Donnerstag: Wie am Dienstag.

• Freitag: Wie am Montag. 

• Samstag: Wie am Mittwoch.“ 

Was es dabei zum Frühstück gab, bleibt leider unbekannt. 

Erst 1779 erstellte der Arzt Dr. Mellin einen Speiseplan, der die ernährungsphysiologischen Bedürfnisse der Kinder besser erfüllte. 

Da dieses Haus nunmehr eine Kombination von Waisenhaus und Arbeitshaus war, stellten sich im Laufe der Zeit, wie schon früher befürchtet, nicht näher beschriebene „Unzuträglichkeiten“ zwischen den Insassen des Waisenhauses und des Zucht- und Arbeitshauses ein. Daher beschloss der Rat im Jahre 1784 die Häuser zu trennen und ein Arbeitshaus direkt gegenüber dem Waisenhaus errichten zu lassen. 

Trotzdem fanden danach im Waisenhaus vielfach auch noch andere Personen eine Unterkunft. So bezogen im Zuge der Mediatisierung am 2. September 1802 bei der Besetzung der Stadt Teile der kurbayerischen Truppen Quartier im städtischen Waisenhaus. Eine Zeit lang, bis 1845, diente auch ein Raum des Waisenhauses als Arrestlokal. Ebenso durften einige Bürger, deren Haus abbrannte, im Waisenhaus auf ein Obdach hoffen. 1847 wurde das Erdgeschoss der protestantischen Kinderbewahranstalt vermietet und zwischen 1855 und 1900 waren in den Mansardenräumen die Kinderpflege des protestantischen Johannisvereins gegen Miete untergebracht. 

Die Unterhaltskosten 

Dabei konnten die Verantwortlichen zunächst auf die verschiedenen Spendengelder zurückgreifen, die aber auf Dauer die Kosten nicht decken konnten. Daher baten die Geistlichen während der Predigt in der St.- Mang-Kirche um weitere Spenden. Zusätzliche Gelder erhielt man durch insgesamt acht Opferstöcke vor den Kirchentüren, in der Bäckergasse und am Waisenhaus selbst. Bis 1867 gingen jede Woche auch zwei Waisenknaben mit Sammelbüchsen durch die Stadt, um bei den Bürgern um Opfergelder zu bitten. 

Zusätzliche Finanzquellen erschloss die Stadt z.B. durch Abgaben bei Hochzeiten, aus der Verleihung des Leichenwagens und aus Sammlungen bei Beerdigungen. Später flossen auch Gelder aus dem Ertrag des städtischen Leihhauses (in der Gerberstraße) und der Sparkasse in diese Stiftung. Da es zu dieser Zeit kein funktionierendes Bankenwesen gab, wo jedermann Geld sicher und zinsbringend anlegten konnte, erwarb die Stiftung mit dem Vermögen gerne landwirtschaftliche Güter, um daraus verschiedenen Nutzen ziehen zu können. So kaufte die Stiftung am 17. September 1714 ein Grundstück an der benachbarten Halde an, am 18. Mai erwarb sie drei Jauchert Felder (0,3 bis 0,6 Hektar) auf dem Burgstall, so dass auch ein Teil der Unterhaltsmittel aus der landwirtschaftlichen Produktion fließen konnte. 1804 vergrößerte sie ihren Grundbesitz durch ein Areal mit acht Jauchert an der Schaumühle, einen Acker mit vier Jauchert bei St. Leonhard am alten Tor und weitere Äcker im Burgstall. Hinzu kamen noch Ländereien in der Scheibe und ein kleiner Garten im „Freudenthal“. Um fortbestehen zu können und um die Anstalt auf eigene Füße zu stellen, war das Stiftungskapital, „dessen Erstarkung immer noch erwünscht wäre, auf fortlaufende Zuschüsse aus der protestantischen Armenstiftung“ und Gelder aus anderen Stiftungen, wie z.B. der Sondersiechenpflege angewiesen.

Übergang an den Bayerischen Staat 

Bei der Mediatisierung (ab 1802) ging die bisherige „Freie Reichsstadt“ Kempten mit all ihren Besitzungen an das Bayerische Kurfürstentum über. Wie Rottenkolber schonungslos schreibt, stellte man dabei fest, dass man früher mit den Stiftungsvermögen nicht gerade sorgfältig umgegangen ist. Eine Änderung der Stiftungspolitik war also dringend angesagt, wenn der Verfall mancher sozialen Einrichtung verhindert werden sollte. Wie notwendig diese Umorganisation war, zeigte sich besonders an den desolaten Verhältnissen im evangelischen Waisenhaus. 

Eine heruntergewirtschaftete Bausubstanz und das ehemals schöne Vermögen der Waisenhausstiftung war in dunkle Kanäle versickert, die Buchhaltung wies erhebliche Lücken auf und Schulden nagten am kärglichen Rest des Vermögens. Deswegen gingen ungefähr pro Jahr 1000 Gulden verloren. Die landwirtschaftlichen Grundlagen der Stiftung waren zerrüttet, es fehlte an Vieh, die Felder musste man verpachten oder durch Tagelöhner auf Kosten der Stiftung bearbeiten lassen. Besonders nachteilig zeigten sich die inneren Verhältnisse. 

Das Haus war mit zu vielen, aber auch zum Teil mit solchen Kindern belastet, die gar keinen Anspruch auf die Unterbringung im Waisenhaus hatten. Seit Jahren war kein Präzeptor (Pädagoge) mehr im Waisenhaus tätig. Die 25 Gulden, die er erhalten sollte, bekam der Waisenhausvater, der an seiner Stelle die Erziehung der Kinder übernommen hatte. Seither standen die Zöglinge unter seiner Fuchtel mit der Folge, dass die Bildung der Kinder auf den Nullpunkt gesunken war und die Waisen an Körper und Geist verwahrlost dastanden. Im Hause selbst führte eine resolute und lieblose Magd das Oberkommando. So erfuhren die Waisenkinder kaum mehr eine Fürsorge und man konnte sie daher in allen möglichen Gassen der Stadt wie verlassene und einsame Schafe umherirren sehen. Im Heim lebten die Kinder in Unordnung und nie fand man sie zusammen, nicht einmal beim Essen. Beim Einnehmen der Mahlzeiten waren sie sich selbst überlassen, so dass bei vielen Kindern die Tischmanieren sehr zu wünschen übrigließen. Die Mädchen, die aus dem Hause wegen Erreichung der Altersgrenze entlassen wurden, hatten nichts gelernt und konnten weder nähen noch stricken, kein Kleidungsstück waschen und kein Küchengeschirr reinigen. Bei den Knaben war die Situation etwas besser. Es musste also schnellstens Abhilfe geschaffen werden, wenn „aus dem Trümmerhaufen“ noch etwas Vernünftiges werden sollte, da es im wahrsten Sinne des Wortes zugrunde gerichtet war, so Rottenkolber.

Als im Jahr 1804 das städtische Waisenhaus mit seiner Stiftung unter die bayerische Verwaltung kam, übernahm der Stiftungsadministrator Fidelis Zöchinger das Haus. Unter seinem Einfluss verbesserte sich die Lage langsam. Trotz verschiedener Zuwendungen klagte die Leitung über die unzulänglichen Finanzmittel und rief daher zu äußerster Sparsamkeit auf. Zur Erleichterung der Situation wurde 1810 die Unterrichtstätigkeit im Hause aufgegeben und die Kinder mussten ab da in die evangelische Stadtschule gehen. Im Jahr 1818 kam die Stiftung wieder unter städtische Verwaltung und die Mädchen des Waisenhauses wurden zu „häuslichen weiblichen“ Arbeiten angehalten. Unter der neuen Verwaltung gab man die eigenen landwirtschaftlichen Betriebe auf und verpachtete die Felder weitgehend. Der Grundbesitz kam nach und nach zur Versteigerung und das letzte Grundstück, ein Gärtchen im Freudental wurde 1877 versteigert. 1864 wurde das Waisenhaus zum ersten Mal mit einem Kostenaufwand von 2221 Gulden renoviert. Eine zweite, gründliche Renovierung, fand im Jahre 1912 statt, wobei Kosten in Höhe von 9121 Reichsmark anfielen. Im Jahre 1912 betrugen die Unterhaltskosten für ein Waisenkind insgesamt 518,15 Reichsmark, wobei die Verpflegungskosten 167,64 Reichsmark ausmachten. Die Jahresrechnung für 1912 schloss mit einem Fehlbetrag von 878,24 Goldmark ab. 

Die Kriegszeiten 

Wie viele der ehemaligen Zöglinge, die als Soldaten in den Krieg ziehen mussten, nicht mehr nach Hause kamen oder als Verwundete zurückkehrten, lässt sich nicht mehr feststellen. Die schlechte Versorgungslage besonders ab den Jahren 1916 bis zum Ende des Krieges ging auch am Waisenhaus nicht spurlos vorüber. Es wurde immer schwieriger, die Kinder ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen, zumal auch das Haus die Küchengeräte, die aus kriegswichtigem Metall bestanden, abgeben musste. 

Nach einer kurzen Erholungsphase kam dann in Form der Inflation der 1923er Jahre die nächste Katastrophe auf das Waisenhaus zu. In kürzester Zeit lösten sich die Barvermögen des Hauses und die bescheidenen Ersparnisse der Waisenkinder in Nichts auf. Da sich die Finanzlage des Hauses auf einem erneuten Nullpunkt befand, konnten auch keine Kinder mehr aufgenommen werden, weil zu ihrer Versorgung die Mittel fehlten. In der Zeit des Nationalsozialismus oblag den Waisenhäusern „die Fürsorge für deutsche Waisenkinder und ihnen gleichgestellte Kinder“. Damit diente auch das Waisenhaus in Kempten dem Wohle der deutschen Volksgemeinschaft, insbesondere auf dem Gebiet der Jugendpflege und der Jugendfürsorge“. 

Unter nationalsozialistischem Einfluss erhielt im August 1936 das Waisenhaus den Namen Evangelisches Jugendheim. Im Jahre 1944 musste auf Anordnung der Kreisleitung das Evangelische Jugendheim geräumt werden, da man Platz für Zwangsarbeiter benötigte. Die Waisenkinder mussten nun in das Katholische Waisenhaus an der Memminger Straße umziehen. Weil die Bombenangriffe auf Kempten in dieser Zeit zunahmen, dienten die Kellergewölbe des Hauses der Bevölkerung als allgemeiner Luftschutzkeller. Im Erdgeschoss befand sich während dieser Zeit auf der Nordseite eine Wäscherei, in der zehn Mädchen und Frauen beschäftigt waren. 

Während des 2. Weltkriegs konnte das Heim den Kindern eine angemessene Ernährung sichern, so dass deren Gesundheitszustand als gut bezeichnet werden konnte. So gab es z.B. zum Frühstück neben dem obligatorischen Muckefuck-Kaffee für jedes Kind eine Scheibe Brot mit Marmelade zum Frühstück und eine Scheibe Brot durften die Kinder mit in die Schule nehmen. Zum Mittagessen wurde ordentlich gekocht und am Abend gab es eine Brotzeit mit Brot, Marmelade und Ersatz-Kaffee. Da die Kleidung der Kinder hauptsächlich aus Kleiderspenden kam, waren die Kinder ärmlich gekleidet. Darunter litten besonders die Zöglinge, die in die Sutt-Schule gingen. Denn die anderen Kinder ließen sie oft spüren, dass sie Außenseiter waren (eine frühe Form des Mobbings). Die damalige Waisenmutter, Frau Berta Deuringer, eine ehemalige Krankenschwester, die bereits im 1. Weltkrieg verwundete Soldaten an der Somme betreut hatte, setzte sich rund um die Uhr und mit ganzer Kraft für die Waisenkinder ein. 

Ende der 1950er Jahre fiel für das bisherige evangelische Waisenhaus, entsprechend dem Wandel der Zeit, wie es in einer Notiz der Stadt Kempten heißt, der Name Waisenhaus weg und es wurde dafür der Name „Jugendheim“ eingeführt. Seit dieser Zeit wurden Räume im Erdgeschoss des Hauses pachtweise der Evangelischen Kirchengemeinde zum Betrieb eines evangelischen Kindergartens und eines Kinderheimes überlassen. Die Räume in den oberen Stockwerken durfte ein evangelisches Jugendheim benutzen. Nach mehreren Umbauarbeiten ist das ehemalige Waisenhaus heute ein Teil der Grundschule an der Sutt.

In Teil 2, am 3. April, wird die Geschichte des katholischen Waisenhauses vorgestellt.

Dr. Willi Vachenauer

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