Teil 2: Das katholische Waisenhaus

Die Kemptener Waisenhäuser

+
Das ehemalige Waisenhaus und heutige Gerhardingerhaus mit Nebengebäude.

Kempten – Waisenkinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen, zählten zu den schutz- und hilflosesten Menschen in einer Gesellschaft. Auch wenn die Kinder nur einen Elternteil verloren hatten, war ihre Situation oft ähnlich schwer. Die religiöse Spaltung in evangelische Reichsstadt und katholischem Stift, ab der Reformation wirkte sich bis ins 20. Jahrhundert auf die Waisenhauspolitik aus.

Das katholische Waisenhaus 

Das ehemalige städtische Waisenhaus in Kempten, als rein protestantische Einrichtung, blieb nur Waisenkindern aus der evangelischen Reichsstadt vorbehalten. Im ehemaligen Stiftsgebiet gab es keine solche Einrichtung, die dem evangelischen Waisenhaus in Kempten entsprach. Das Stift hatte seit alters her die Versorgung der Waisen auf patriarchalischer Grundlage organisiert, d.h. Waisen wurden oft von Verwandten angenommen oder fanden Unterkunft in einem Spital oder in einem Findelhaus des Stifts. Nach der offiziellen Vereinigung der beiden Städte im Jahr 1818 musste man auch in der Neustadt eine ähnliche Einrichtung schaffen. Die Entwicklung einer Heimstätte für Waisenkinder beeinflusste im Wesentlichen Johann Leichtle, der Besitzer der Stiftsbrauerei. 

Dafür bot er im Jahre 1837 dem Magistrat ein Schulgebäude an der Fürstenstraße zu einem Vorzugspreis an, um dort eine Mädchenschule und ein Waisenhaus zu errichten. Um es zu erwerben, beschloss der Magistrat im Jahr 1838 eine Sammlung bei der katholischen Stiftsbevölkerung durchzuführen. Diese Aktion erbrachte mehr als 1617 Gulden, die sich bald durch Stiftungsgelder beträchtlich vermehrten. Damit konnte 1839 in dem Gebäude zusammen mit der Mädchenschule auch das Waisenhaus eröffnet werden, das elf Kindern eine Aufnahme bot. 

Bald zeigte sich aber, dass dieses Haus an der Fürstenstraße für eine gemeinsame Benützung als Schule und Waisenhaus trotz baulicher Veränderungen nicht besonders geeignet war. Daher entstand schon bald der Wunsch nach einem eigenen Heim für die Waisenkinder.

Johann Leichtle 

Als Johann Leichtle im Jahre 1854 das Amt als Waisenpfleger antrat, kam man diesem Ziel näher. Zu dieser Zeit stand das Anwesen des Gerbermeisters Ferdinand Schnitzer in der damaligen Sonnenstraße (heutige Memminger Straße), das im 18. Jahrhundert dem fürstlichen Hofmaler Franz Georg Hermann als Wohnstätte gedient hatte, zum Kauf bereit. Da der Stadt aber das Geld fehlte, erklärte sich Johann Leichtle gemeinsam mit dem Buchdruckereibesitzer Johann Huber bereit, einen Großteil der Kaufsumme vorzustrecken. Daraufhin erwarb 1855 der Magistrat das Gebäude an der heutigen Memminger Straße, zu dem noch ein Nebengebäude, ein Garten und eine kleine Kapelle, die heutige Besenkapelle, gehörten. 

Da seinerzeit im Waisenhaus nur elf Kinder untergebracht werden mussten, durfte ein Mieter, der bisher in diesem Hause im 2. Stock gewohnt hatte, vorerst in seiner Wohnung bleiben. Erst drei Jahre später musste er seine Wohnung räumen, da nunmehr größere Veränderungen anstanden. Auf Anregung des damaligen Stadtpfarrers Xaver Dobler erging an den Orden der „Barmherzigen Schwestern“ die Anfrage, ob sie die Leitung des Waisenhauses und die daneben bestehenden Anstalten, die Kinderversorgungs- und Kinderbewahranstalt, übernehmen könnten. Da dieser Orden aber zu wenige Schwestern hatte, musste er das Angebot ablehnen. 

Daher wandte sich Stadtpfarrer Dobler an den Orden der „Armen Schulschwestern“ mit der Bitte, die Betreuung des Waisenhauses und der Kinderversorgungs- und Kinderbewahranstalt zu organisieren. Dieses Mal hatte er Erfolg und die Schwestern erklärten sich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. 

So begann am 1. Juli 1858 ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Hauses. In Anwesenheit des damaligen Bürgermeisters Sebastian Arnold, des Pflegers Johann Leichtle, einem Ausschuss der beteiligten Frauenvereine und vielen Gästen, zogen bei einer feierlichen Einführung fünf Schwestern des Ordens der „Armen Schulschwestern“ im Haus ein. Dies bildete den Anfang einer gut über 100-jährigen segensreichen Arbeit dieses Ordens im katholischen Waisenhaus. Die erste Oberin dieses Ordens, Maria Alphonsa König führte zusammen mit ihren Schwestern von 1858 bis 1883 das Haus. 

Seit 1955 leitete Maria Dietburga Ochs bis zum Abzug der Schwestern das Haus. Neben der wichtigen Erziehungsarbeit übernahmen die Schwestern auch noch andere Aufgaben. Neben der Bewältigung der Hausarbeit spielte ein riesiger Flickkorb eine Hauptrolle, da die Schwestern die beschädigten Kleidungsstücke der Zöglinge flicken mussten, wobei sie von den Mädchen des Heimes unterstützt wurden. In der Flick-, Näh-, und Schneiderstube lernten die Mädchen Flicken, Stricken, Wäschewaschen und die Hausarbeit, um fürs Leben zu lernen. Gemeinsam mit den Schwestern kümmerten sie sich auch noch um den Waisenhausgarten, in dem sie vor allem Gemüse und Blumen anbauten. 

Die erste Oberin, Schwester Alphonsa wollte neben der Betreuung der elf Kinder auch deren Schulunterricht übernehmen. Dieses Vorhaben gab sie jedoch bald wegen Überlastung auf und die Kinder mussten in die Volksschule gehen. Neben den Waisenkindern betreuten die Schwestern auch Zöglinge der Kinderversorgungs- und Kinderbewahranstalt, so dass sie sich zeitweise um 87 Kinder kümmern mussten (Waisenhaus mit elf Kindern, die Versorgungsanstalt mit 18 Kindern und die Kinderbewahranstalt mit 58 Kindern). 

Da nur fünf Schwestern die Kinder betreuten, begann ihr Arbeitstag schon um fünf Uhr am Morgen und endete erst spät in der Nacht. Auch die von der Stadt bestellten Waisenhauspfleger waren um das Wohl des Hauses bemüht. Als einer der erster Waisenpfleger ist uns der Lehrer Matthias Gayrhos bekannt, der das Haus von 1839 bis 1842 führte. Da er aber die an ihn gestellten Erwartungen nicht erfüllte, folgte ihm bis 1850 der Mittelschullehrer Friedrich Ohneberg und danach übernahmen Johann Leichtle und Josefa Kramer die Heimleitung. 

Zu dieser Zeit betrugen die Verpflegungskosten pro Kind und Jahr 137,14 Mark. Offensichtlich genügten die Gelder aber nicht, um die Zöglinge ausreichend ernähren und versorgen zu können. Daher wurde sogar in der nebenstehenden Besenkapelle ein Opferstock aufgestellt. Eine darüberstehende Tafel und ein Altarbild, das Jesus als Kinderfreund zeigte, erbaten von den Besuchern eine kleine Spende Trotzdem war 1867 die Armut so groß, dass die Kinder keine geeigneten Schuhe besaßen, um die Schule und die Kirche zu besuchen. Und von den Jahren 1872 bis 1876 erfuhren wir, dass die Kinder nach der Werktagschule für eine Lehre nicht geeignet wären, da sie an körperlicher Unterentwicklung litten. Bis zum Jahre 1884 konnten 182 Waisen im Haus aufgenommen werden, davon starben während des Aufenthaltes 26 Kinder. 

1882 wurde an das Haus ein Nebengebäude angebaut und gleichzeitig die Kanalisierung verbessert. Die Kosten dafür betrugen 10.900 Reichsmark, wovon Johann Leichtle die Kosten in Höhe von 8.324,16 Reichsmark übernahm. Zwischen 1864 und 1904 erhielt das Waisenhaus der Stadt einen Leichenwagen, den sie für Bestattungen verleihen konnte. Die Verleihgebühren kamen der Stiftung zugute. 

Als Johann Leichtle 1887 starb, gingen aus der „Leichtleschen“ Stiftung ansehnliche Summen an das katholische Waisenhaus und die Situation besserte sich deutlich. Dank dieser Stiftung gelang 1878 der Ausgleich des Schuldenstandes in Höhe von 10.647 Reichsmark. Seine Söhne, Adolf und Martin Leichtle, zeigten sich mit dem Hause sehr verbunden und vermachten der Anstalt eine größere Summe. Damit erwarb die Stiftung das benachbarte landwirtschaftliche Anwesen „Berkmiller“ und das Waisenhaus konnte im Jahre 1887 einen schuldenfreien Haushalt vorlegen. 

1891 übernahm dann Adolf Leichtle das Amt des Waisenpflegers und im Haus fanden 20 Zöglinge eine Bleibe. Als 1901 das Haus einen Überschuss von 1755 Reichsmark erwirtschaftete, ließen sich damit neun Freiplätze für Kinder finanzieren. Auf Adolf Leichtle als Waisenhausleiter folgte ab 1913 bis 1918 der Verwaltungsrat Theodor Bader. Neben den „Leichtleschen“ Stiftungen haben sich im Laufe der Zeit noch weitere Gönner mit Spenden an der Finanzierung des Waisenhauses beteiligt. 

Hervorzuheben ist dabei die „Margareta-Josephinen-Stiftung“. Auch Handwerker haben ihren Teil dazu beigetragen, wie zum Beispiel der Maurergeselle Joseph Greiter, der dem Haus eine Spende in Höhe von 850 Reichsmark zukommen ließ. Später wuchs die Zahl der Waisenhauskinder auf 26, darunter 17 Buben und neun Mädchen. Der Höchststand der Kinder, die im Waisenhaus unterkommen konnten, betrug 34 Zöglinge. Neben dem Waisenhaus gab es im Gebäude auch noch eine Versorgungsanstalt (Hort) in dem 18 Kinder Platz fanden und eine Kinderbewahranstalt (Kindergarten) die 58 Kinder betreute.

Der erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit 

Während der Inflationsjahre war die Anstalt wegen der allgemeinen Not von der Schließung bedroht. Nur durch äußerste Sparsamkeit ließen sich Krieg, Inflation, Not und Verarmung überwinden. Notwendige Neuanschaffungen und Renovierungen gelangen durch finanzielle Unterstützung seitens der Stadt. Ab 1918 übernahm das Amt des Waisenpflegers der Verwalter Binzer, der dieses Amt bis 1952 ausübte. 

Mit der Disziplin schien es aber in den 1920er Jahren im Hause nicht immer zum Besten gestanden zu haben, da die Anstaltsleitung 1921 über die Verwilderung der Jugend, ihre Genusssucht und Arbeitsscheu sowie über die Missachtung der Autorität klagte. In den Jahren 1923 - 1924 musste man wegen der Hochinflation um den Fortbestand der Anstalt bangen. Die Bar- und Buchgeldvermögen schmolzen bis auf ein Nichts dahin. 

Im Mai 1926 kam es in der Stadt zu einer Opferwoche für beide städtischen Waisenhäuser. Von den Spenden konnte man die Küche in Stand setzen und einen Waschplatz beschaffen und die Kopfkapelle um sechs Meter von der Straße in Richtung Garten versetzen lassen. Am 15. Dezember 1930 kam es zu einer Aufspaltung, als die Kinderbewahranstalt, (vergleichbar mit heutigen Kinderkrippen und Kindergärten) vom Waisenhaus getrennt wurde. Seither musste das Haus vergrößert und renoviert werden. 

Am 1. Juli 1936 erhielt das Waisenhaus unter nationalsozialistischem Einfluss den Namen katholisches Jugendheim. Von den 38 Kindern die im Heim lebten, waren sieben in der Hitlerjugend (HJ). Während des 2. Weltkrieges konnte das Heim den Kindern eine angemessene Ernährung sichern, so dass der Gesundheitszustand als gut bezeichnet werden konnte. 1944 stieg die Zahl der Heimkinder bis auf 60 Insassen an. Der Grund lag darin, dass viele Kinder vom evangelischen Waisenhaus in die Memminger Straße umziehen mussten, da die Kreisleitung in ihr Heim Zwangsarbeiter einquartierte. 

Die Insassenzahl wuchs im Jahr 1947 sogar noch auf über 80 Kinder an. Zu dieser Zeit gab es nur noch wenige Vollwaisen, also Kinder, die ohne Eltern aufwuchsen. Die meisten Zöglinge kamen aus „zerrütteten“ Familienverhältnissen. Im Jahr 1953 erfolgte der Ausbau des Dachgeschosses, damit konnten zwei Schlafräume gewonnen werden, 1954 wurde ein Gebäudeflügel angebaut um Platz zu schaffen für zwei neue Schlafräume, einen Waschraum mit Bädern und Duschen und eine größere Küche. 

1957 kam es zu erneuten Umbauten, damit wurden zwei Speisesäle, fünf Schwesternzimmer, ein Waschraum geschaffen. Bei der Gelegenheit wurde die Fassade des Hauses erneuert und in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege konnten die Stuckarbeiten aus der Zeit des Hofmalers Hermann in neuen Glanz erstehen. 

1962 erwarb die Stiftung ein Erholungsheim in Ettlis bei Memhölz, das sogenannte Höfle, wo die Kinder einen Teil des Sommers verbringen konnten. Da das bisherige Waisenhaus räumlich den gestiegenen pädagogischen Ansprüchen nicht mehr entsprach, reifte in den 1970er Jahren die Idee, neben dem bisherigen Waisenhaus ein neues Gebäude, das sogenannte Gerhardinger Haus zu errichten. 

Den Namen erhielt dieses Gebäude nach der Ordensgründerin der „Armen Schulschwester von unserer Lieben Frau“ Theresia Gerhardinger († 1879). Als Bauplatz sah man ein Grundstück vor, das früher als Wiese und Gartenanlage des Waisenhauses diente. Am 15. November 1974 erfolgte die Einweihung des „Gerhardinger“ Hauses, dessen Leitung die Schwestern bis ins Jahr 1994 ausübten. Im Januar 1995 verließen die letzten Schwestern das Haus, in dem sie über 125 Jahre segensreich gewirkt hatten, da es an Schwesternnachwuchs fehlte. 

Nach dem Neubau zogen die Zöglinge des bisherigen Waisenhauses in den Neubau um. In das nunmehr freiwerdende Gebäude des ehemaligen Waisenhauses zogen im Erdgeschoss zwei Hortgruppen aus dem Kinderhort St. Elisabeth ein. In den 1980er Jahren wurde zunächst das erste und später das zweite Obergeschoß ausgebaut. Hier konnten dann die beiden Kindergarten- und Kinderkrippengruppen unterkommen. Die Trägerschaft des Hauses, das den Namen St. Nikolaus annahm, übernahm die Schwesterngemeinschaft Christliche Jugendhilfe unter Leitung von Schwester Magdalena Wolf. Nachdem Schwester Wolf ausschied, übernahm am 1. September 1993 die Katholische Waisenhausstiftung die Trägerschaft für die Kindertagesstätte St. Nikolaus. 

Die gute Zusammenarbeit mit dem benachbarten Gerhardingerhaus bringt für beide Einrichtungen positive Synergieeffekte in den Bereichen Küche, Haustechnik und Verwaltung. Die Einrichtung an der Memminger Straße, die aus einem Hort mit fünf heilpädagogischen Plätzen, zwei Familiengruppen und einer Kurzzeit-Unterbringung für Jugendliche besteht, leitet heute Michael Wilde.

Dr. Wilhelm Vachenauer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

"Grundeinkommen. Initiative Allgäu" lädt zum Bürgerdialog
"Grundeinkommen. Initiative Allgäu" lädt zum Bürgerdialog
Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
"So etwas Dubioses nie erlebt"
"So etwas Dubioses nie erlebt"
Versuchtes Tötungsdelikt mit flüchtigen Tätern
Versuchtes Tötungsdelikt mit flüchtigen Tätern

Kommentare