Ein "Werkstattbericht" aus dem Redaktionsalltag

Wochenmarkt der Wirrungen

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Entgegen ursprünglicher Anordnungen ist Maskenpflicht auf dem Wochenmarkt noch unklar.

Kempten - Nachdem die Bayerische Staatsregierung am Dienstag, 21. April, die Verordnung zur Änderung der Zweiten Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung, gültig ab Montag, 27. April, null Uhr, veröffentlicht hatte, ließ die Stadt Kempten am Freitagmorgen, 24. April, ihren BewohnerInnen durch die Tageszeitung ausrichten: „Auch auf dem Wochenmarkt gilt Maskenpflicht.“

Ob meine Maskenausstattung wohl reichen wird, fragte ich mich, wenn demnächst womöglich noch mehr Orte und Gelegenheiten benannt werden, wo ich meiner Pflicht, andere zu schützen, nachkommen muss? (Falls ich nicht mit einem horrenden Bußgeld oder unangenehmen Auseinandersetzungen konfrontiert sein will.) Obwohl ich auch im Allgemeinen gewisse Zweifel an dieser Maßnahme habe und mich frage, wie gesund es wohl ist, stundenlang durch eine Art Beutel hindurch zu atmen, bin ich vorerst durchaus bereit, mich unterzuordnen und meine Mitmenschen, – ob Busfahrer, Buchhändlerin, Drogist oder Marktbeschickerin –, von meiner Atemluft abzuschirmen. Trotzdem fragte ich mich, wie der Schutzzweck konsequent erfüllt werden soll, wenn ich zwar zwischen den Buden auf dem Marktgelände regelgerecht eine Maske trage, nicht aber in den umliegenden, ähnlich belebten Einkaufsstraßen, wo ich mich offenbar auch unverhüllt herumtreiben darf, solange ich kein Ladenlokal betrete. 

Im Büro angekommen machte ich mich im Internet auf die Suche nach einer Begründung für diese Detailregel, auch auf dem Marktplatz unter freiem Himmel, jenseits von Ladengeschäften und Bushaltestellen, einen Mund-NasenSchutz tragen zu müssen, nicht aber in der Fußgängerzone. Da ich weder beim Landratsamt Oberallgäu noch beim Bayerischen Innenministerium eine eindeutig formulierte Rechtsgrundlage fand, rief ich bei der Stadt Kempten an und frage nach Berechtigung und Motivation der neuen Auflage. Nach einigem Hin und Her erfuhr ich dort, dass es bisher eigentlich keine eindeutige Verordnung oder gesetzliche Vorgabe gibt, mit der sich rechtfertigen ließe, dass MitarbeiterInnen des Ordnungsamtes ab Mittwoch, 29. April, auch auf dem Wochenmarkt Gesichtskontrollen durchführen. Man werde sich erkundigen und dann von sich hören lassen. 

Vier Tage später, am Dienstag, 28. April, sitze ich wieder an meinem Schreibtisch, habe inzwischen einige Telefonate mit durchaus freundlichen, entgegenkommenden BehördenvertreterInnen geführt und warte immer noch auf eine klare Antwort – keine 24 Stunden vor Beginn des nächsten Kemptener Wochenmarkts. Immerhin bin ich nicht allein im Wartesaal der Ratlosen und vom Zeitdruck Geplagten: Mit mir warten der Kemptener Messe- und Veranstaltungs-Betrieb, das Rechtsamt, das Ordnungsamt und das Büro des Oberbürgermeisters. Wir alle hoffen, dass uns bald die Klarstellung des Bayerischen Gesundheitsministeriums, vermittelt durch die Regierung von Schwaben, erreicht. 

Wer auch immer den Kemptener Schnellschuss abgefeuert hat: Sie oder er hat vermutlich mit guten Absichten gehandelt, aber ohne Berechtigung. Solange es kein schriftlich niedergelegtes, hinreichend bestimmt formuliertes und ausreichend begründetes Verbot gibt, den Wochenmarkt nicht ohne Mund-Nasen-Schutz aufzusuchen, darf niemand verpflichtet werden, auch dort eine Maske zu tragen oder für ein nicht klar definiertes Vergehen ein Bußgeld zu entrichten. Vage und letztlich willkürliche Ausdeutungen bereits vorliegender Verordnungen reichen dafür nicht aus. Falls die zuständigen städtischen Behörden bis morgen früh, Mittwoch, 29. April, keine klärende Nachricht erhalten haben, dürfen Sie, laut Messe- und Veranstaltungs-Betrieb, den Kemptener Wochenmarkt übrigens bis auf Weiteres nach eigenem Ermessen und Verantwortungsgefühl mit oder ohne Maske besuchen.

Antonia Knapp

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