Auf eine Wurst mit "Classix"

Markt-Meinungen zum Kammermusikfestival – der etwas andere Nachbericht

Zwischen Wurst und Marktmusik ließen sich auch Mitglieder der „Jodlergruppe Vorderburg“ bereitwillig zum Thema Komponistinnen befragen.

Kempten – „Also eine Asterix-Figur isch’s au ned“, sagt der etwa Fünfzigjährige. „Ich bin für die Lateinlern-App.“ Seine Frau entscheidet sich fürs Waschmittel. Wir befinden uns auf dem Kemptener Wochenmarkt. Das Paar genießt je drei Würste mit zweierlei Senf.

Gutmütig lassen sie sich von mir mit einer kleinen Umfrage stören.

Worum es geht? Erstens: Ist „Classix“ a) eine Figur aus Asterix, b) ein Waschmittel, c) ein Festival, d) eine Lateinlern-App? Zweitens: Fallen Ihnen Frauen ein, die Musik schreiben? Das diesjährige Motto des Kammermusikfestivals „Classix“ lautete schließlich: „Komponistinnen. Starke Stücke vom ‚schwachen Geschlecht’“.

Ich habe mich samstags in der Früh unters Volk gemischt und insgesamt 55 Marktbesucher befragt, die jüngsten um die zwölf Jahre, die ältesten über 80. Männer und Frauen sind etwa gleich vertreten, die Jahrgänge ebenfalls. Soweit es sich vom Äußeren her sagen lässt, achte ich auch auf unterschiedliche Typen. Da sich hier auf dem Markt ja die ganze Stadt trifft, fällt das leicht. Fünf Angesprochene lehnten übrigens eine Teilnahme an der Befragung ab.

Das Musikfestival ist bekannt, und so entschieden sich 28 für die korrekte Antwort c. Nur vier vermuteten in „Classix“ eine Asterix-Figur, sieben ein Waschmittel, immerhin elf entschieden sich für die Lateinlern-App. Und wenn ich die Lösung preisgab, erinnerten sich viele an die Werbung in der Stadt, manche kannten gar die Organisatoren. Ehrlich gesagt: So zwischen Wurst, Senf und fröhlichem Marktbetrieb würde auch mir vieles nicht einfallen.

Die erste Frage ist hauptsächlich als Einstieg gedacht. Wichtiger erscheint mir die Frage nach Komponistinnen. „Meine Freundin“, antwortet eine vielleicht Fünfzehnjährige, will deren Namen aber nicht verraten. „Die schreibt ihre eigenen Lieder.“ Eine junge Frau nennt Bernadette Bellmann. Eine große Mehrheit, 32 nämlich, kennen keine einzige Komponistin. Fünf kommen auf Clara Schumann. Ein Mann mischt sich lachend ein und sagt „Carl Maria von Weber“. Wir lachen mit, obwohl es schon ein wenig zum Weinen sein könnte. Wie murmelt eine wohl Sechzigjährige: „Ja, hätten Sie nach Männern ­gefragt... Bach, Beethoven, Mozart.“ Der Mann daneben meint: „Da gibt es viele, aber auf Anhieb fallen mir keine ein.“

Wenn ich auf Rock, Pop, Volksmusik, Jazz hinweise, sieht es freilich ganz anders aus. Eine unvollständige Liste gefällig? Lady Gaga, Nena, Patti Smith, Joanie Mitchell, Ina Müller, Vanessa Mai, Madonna, Nina Simone, Aretha Franklin, Rihanna, Selena Gomez, Anna Loos, Adele, Shania Twain, Sarah Connor, Amy Winehouse, Katie Melua und schließlich Hedwig Roth.

Die kennen Sie nicht? Ging mir genauso. Sie komponiert für die „Jodlergruppe Vorderburg“ aus Rettenberg, die im Rahmen der Marktmusik Kempten auftrat und jetzt direkt vor dem Wurststand ihren kraftvollen Gesang anstimmt. Ich frage bei den Sängern nach, ob sie einen Unterschiede bei Kompositionen von Männern oder Frauen merken.

„Bei den Jodellehrern gibt’s koin Unterschied!“, meint einer der Sänger. „I find die Frag it so wichtig! Bei den Komponisten au it!“ Ein Kollege kommt aber ins Überlegen: „Dirigentinnen, die machen viel mehr Bewegungen bei der Blasmusik. Vielleicht machen die Komponischtinnen au mehr Phrasen. Ich weiß es ned.“ Dann jodeln sie noch eins zum Gaudium der Einkäufer und Wurstesser.

Eine Mutter mit ihren zwei erwachsenen Töchtern glaubt an einen geschlechtsspezifischen Unterschied beim Komponieren, weiß ihn aber nicht so recht zu bezeichnen. „Bestimmt! Ich denke, dass Männer und Frauen eine andere Herangehensweise haben, ein anderes Empfinden für Musik.“ Ihre Tochter widerspricht: „Das ist bei jedem Menschen anders. Manche sind ausdrucksstärker, andere nicht. Das hat mit Geschlecht nichts zu tun.“

Nach drei Stunden und einem Dutzend Runden auf dem Markt kann ich sagen, dass die meisten Befragten beim Musikschreiben keinen klaren Unterschied zwischen Männern und Frauen sehen. Und die meisten fanden die Frage anregend, warum man kaum klassische Komponistinnen kennt.

Am Abend zuvor hatte ich nach dem „Classix“-Konzert kurz mit einer Sanitäterin gesprochen und sie gefragt, was ihr besonders gefallen habe. „Das letzte Stück ist halt mehr meine Welt – aber alles war großartig.“ Sie sagt es strahlend. Was Louise Farrenc vor gut 150 Jahren geschrieben hat, spricht den Laien mehr an als avantgardistische Stücke, aber selbst Laien spüren, mit welchem Feuer die Musiker bei „Classix“ spielen – besonders am vergangenenSamstagabend.

Mal wie ein grandioser Sturmwind, mal wie unwiderstehliche Tanzmusik, mal wie schmeichelnde Salonklänge, begeistern diese Kompositionen. Und immer wieder fällt mir das Stichwort „Filmmusik“ ein; im ambitioniertesten Sinn. Was sind schon 3D-Effekte gegen das Kopfkino, das diese Komponistinnen auslösen! Pejaevic, Beamish, Szónyi, Clarke, Levina, Tchemberdji, Zieritz, Zwillich... Ich bin mir sicher, dass viele Kemptener, die ich auf dem Markt kennenlernen durfte, ähnlich begeistert gewesen wären wie ich. Nicht von allem, aber das gilt schließlich für jede Musik.

Rolf-Bernhard Essig

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