"Im positiven Sinne kritisch"

Kiechle lobt und diskutiert im Heimatverein

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OB Thomas Kiechle (re., neben Tilman Ritter) nahm sich viel Zeit für die Diskussion mit den Vereinsmitgliedern. Er diskutierte regelrecht gerne über Funkenwiese, Dreifachturnhalle, Stadtpark und Zumsteinwiese, „insbesondere angesichts des drängenden Themas Erstaufnahmeeinrichtung. Das lastet auf mir wie ein Stein“, gab er zu.

Kempten – Bei der Mitgliederversammlung des Heimatvereins Kempten standen neben Jahresrückblick und Kassenbericht eine rege Diskussion mit OB Thomas Kiechle zur aktuellen städtebaulichen Entwicklung auf dem Programm. Beim Themenkomplex Stadtpark, Sparkassen-Tiefgarage und Bibliothek-Neubau beschwor Kiechle mit Nachdruck: „Man darf keine übereilten und womöglich falschen Entscheidungen treffen. Wir müssen uns Zeit lassen!“ Der 1. Vorsitzende des Vereins, der Kemptener Stadtheimatpfleger Tilmann Ritter betonte: „Das Stadtbild ist uns heilig.“

Ingrid Müller erinnerte in ihrem Jahresbericht an Aktivitäten des 403 Mitglieder starken Vereines im Jahr 2017. Dazu gehörten Bildungsfahrten ebenso wie Vorträge, etwa über die Glocken von St. Lorenz, die Kemptener Stadttore, die Familie Zumstein, die Geschichte des Bieres in Kempten u.a. Kassier Gerhard Reis legte den Kassenbericht vor: 2017 lagen die Vereinseinnahmen bei 52.389 Euro. Allein 26.127 Euro hiervon generierten sich aus Residenzführungen. Demgegenüber beliefen sich die Ausgaben auf 74.700 Euro. 

Hier schlugen beispielsweise die Erstellung der Publikationen, die Fahrten, die Ersteigerung zweier Kunstwerke (1109 Euro) zu Buche. „Das Defizit in Höhe von 22.311 Euro kam dadurch zustande, dass wir die Abschläge von der Bayerischen Schlösser- und Museumsverwaltung nicht rechtzeitig bekommen haben“, so Reis. Der Kassenbestand belief sich am 31. Dezember 2017 auf 131.421,91 Euro.

Ritter lobte „das Team für die kooperative, kollegiale und wirklich zielführende Arbeit“. Viel Lob gab es auch seitens OB Kiechle. Der Heimatverein sei „ein wichtiger Verein Kemptens. Tradition und Bewahrung sind auch in der Stadtentwicklung wichtige Themen.“ 2018 sei ein besonderes Datum in Kempten. „Vor 400 Jahren, 1648 begann der 30-jährige Krieg, in dessen Hochphase die Zerstörung von Stift und Reichsstadt fielen – ein Tiefpunkt der Geschichte unserer Stadt“, erinnerte der Rathauschef. „Vorher hatte Kempten 6000 Einwohner, danach noch 900.“ Die Pest habe ein Übriges getan und ganze Dörfer im Umland ausgelöscht. „Kimratshofen hatte null Einwohner.“ 

Einen großen Umbruch und politische Umwälzungen habe das Jahr 1818 mit sich gebracht. Ein umfangreiches Programm zum Jubiläum „200 Jahre vereintes Kempten“ begleitet die Kemptener bekanntlich das ganze Jahr über. „Wir möchten das Thema in die Bevölkerung bringen und die Menschen darüber in Kontakt bringen, mit Bürgerfesten, Veranstaltungen, Vorträgen und vielem mehr.“ Die Vergangenheit als Doppelstadt habe durchaus auch positive Effekte gehabt, zeigte sich Kiechle überzeugt. „Aus der Rivalität heraus“ seien viele Vereine parallel entstanden, woraus bis heute als Besonderheit ein großer Reichtum an Traditionsvereinen unterschiedlichster Ausrichtung resultiere. 

Mit seiner Gründung 1884 sei der Heimatverein einer der traditionsreichsten und zeige ein klares Profil. „Wichtig ist nicht nur, was man macht, sondern vor allem, wie man etwas macht“, so Kiechle. Mit Tilmann Ritter habe der Verein seit 17 Jahren einen starken Vertreter, „kompetent, charaktervoll, menschlich zugewandt“. Der Heimatverein begleite Entwicklungen „im positiven Sinne kritisch“, sei im guten Austausch mit der Politik und werde ernst genommen.

Ernst nahm Kiechle auch die Fragen und Anregungen, mit denen er in der ausgedehnten Diskussionsrunde konfrontiert wurde. Dabei ging es unter anderem um den angedachten Neubau der Stadtbibliothek auf der Zumsteinwiese, die Neugestaltung des Stadtparks, die Zukunft des Kornhauses (dies wird Ende 2018 geschlossen. Dann stehen Brandschutzmaßnahmen im Kostenrahmen von zwei Millionen Euro an. „Eine Grundsatzentscheidung über die Nutzung steht noch aus.“) und des Fürstensaals in der Residenz („Wir sind in Verhandlungen mit dem Freistaat“) sowie um die aktuell präferierte Architektur der „großen Klötze“ und „kubischen Kästen“ (Stichwort: Sparkassenneubau). 

Kiechle gab hierauf einen ausführlichen Einblick die komplexen Zusammenhänge der Planungen. Zunächst einmal müsse man aufpassen, dass die nördliche Innenstadt „nicht abgehängt“ werde. Die neue Bibliothek, das neue Stadtmuseum im Zumsteinhaus und der neue Stadtpark trügen automatisch dazu bei, dass Menschen hierhin kämen. „Ich bin froh, dass alles auf einmal kommt“, sagte Kiechle. Dies ermögliche eine langfristig tragfähige planerische Verknüpfung dieser Themen, „die alle zusammen- und voneinander abhängen“. Er werde immer wieder von verschiedenen Seiten gedrängt, „aber Sie glauben gar nicht, wie kompliziert die Themen ineinanderliegen“. 

Er sei „absolut davon überzeugt: Um am Ende gute Ergebnisse zu bekommen, muss man sich Zeit nehmen und Zeit lassen“. Wichtiger als eine schnelle Entscheidung sei „eine ordentliche Planung“. Und die könne auch noch zwei, drei Jahre dauern. Gerade in der mitunter hitzigen Diskussion um die Stadtbibliothek auf der Zumsteinwiese stünden viele Punkte – exakte Lage, Größe, Anforderungen des Gebäudes – noch gar nicht fest. „Nichts, was dieses Gebäude betrifft, werde ich im Stillen entscheiden“, versprach Kiechle. „Es wird keine Nacht- und Nebel-Aktion geben, sondern einen außerordentlich offenen, transparenten Prozess mit einem Höchstmaß an Öffentlichkeitsbeteiligung.“

Sabine Stodal

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