Aktiv mithelfen und mitarbeiten

Kinästhetik soll den Arbeitsalltag in den Allgäuer Werkstätten erleichtern

+
Hier wird ein Transfer zum Bett demonstriert. Unser Foto zeigt von links: Wolfgang Jäkel, Melanie Ullmayer, Bzena Lawniczek, Teona Wirth, Patrick Neumüller, Engelbert Boxler.

Kempten – „Gehen wir doch mal in den Ruheraum, zum Bett von Engelbert.“ Gern kommen die fünf Gruppenhelfer der Aufforderung von Patrick Neumüller nach. Um eine gemütliche Pause geht es allerdings nicht: Neumüller ist Kinästhetik-Trainer: Seit drei Jahren kommt er in die Einrichtung Steufzgen der Allgäuer Werkstätten GmbH und betreut hier in einem Zirkel die Gruppenhelferinnen und -helfer der einzelnen Gruppen. Sie alle haben bereits einen Basiskurs Kinästhetik hinter sich, zwei von ihnen machen gerade einen Aufbaukursus.

Seit Neuestem gibt es auch noch eine Fortbildung für die Mitarbeiter mit Behinderung selbst. Das gemeinsame Ziel: eine bessere Empfindung für die eigene Bewegung zu bekommen. Was tut mir gut, wie kann ich manches vielleicht körperbewusster und rückenschonender händeln, wie ist meine eigene Körperspannung und wie kann die Unterstützung so gestaltet werden, damit der Mensch mit Hilfebedarf immer ein bisschen mehr zum Experten für sich selbst werden kann – und nicht abhängiger wird.

Engelbert Boxler sitzt im Rollstuhl, ist bewegungseingeschränkt, braucht bei vielen Dingen Hilfe: Beim Transfer vom und zum Bett oder im Rollstuhl auch beim Toilettengang. Ihn aus dem Rollstuhl zu heben, wäre vielleicht die schnellste Methode, aber sicherlich nicht rückenschonend für die Gruppenhelfer – und auch nicht selbstbestimmt für den 44-Jährigen selbst. Denn darum geht es auch: Auch die Mitarbeiter mit Behinderung sollen weitestgehend selbst aktiv mithelfen und mitarbeiten. So kann sich Boxler in seinem Rollstuhl inzwischen selbst besser positionieren, so dass er gerade sitzt und „beide Pobacken“ gleich belastet. Patrick Neumüller nennt das „der Selbständigkeit eigene Impulse geben!“

Pflege, so wiederholt der Trainer im 14-tägigen Zirkel mit den Gruppenhelferinnen und –helfern, ist mehr als nur „Saubermachen“. „Es geht darum, die Ressourcen des anderen zu mobilisieren.“ Neumüller: „Kinästhetik schult den sensiblen Umgang mit sich selbst und hilft das Unterstützungsangebot an den anderen anzupassen.“ In dem Zirkel lernen Wolfgang Jäkel, Melanie Ullmayer, Bozena Lawniczek, Teona Wirth und Christina Wolf auch voneinander und profitieren immer wieder von ihrem Erfahrungsaustausch. Mit dabei ist auch immer wieder Kornelia Brams. Die Fachbereichsleiterin in der Einrichtung Steufzgen der Allgäuer Werkstätten kommt aus dem Pflegebereich und initiierte diesen Zirkel mit. „Gerade bei Menschen mit körperlichen Behinderungen ist die Kinästhetik eine gute Methode, die eigenen Möglichkeiten zu entdecken.“ Für die Gruppenhelfer ist es eine Arbeitsweise, die sie daran erinnert, auf sich selbst zu achten. Beispielsweise: „Wie kann ich einen Betttransfer so durchführen, dass mein eigener Rücken nicht über Gebühr belastet wird? Und wie kann ich die Selbständigkeit des pflegebedürftigen Menschen unterstützen?

Wolfgang Jäkel sieht den Zirkel in den AW als sehr hilfreich an. Teona Wirth empfindet es als „ein gesundes Arbeiten“. Bozena Lawniczek sieht die immer wiederkehrende Auffrischung und den Erfahrungsaustausch als wichtig an. Einig sind sich alle: „Es ist toll, dass uns dieses Angebot in den Allgäuer Werkstätten gemacht wird.“

Mori

Auch interessant

Meistgelesen

Beim Jugendtheater Martinszell rettet Lilli uns – und die Farben
Beim Jugendtheater Martinszell rettet Lilli uns – und die Farben
Vivid Curls übertreffen in der Sankt-Georgs-Kirche alle Erwartungen
Vivid Curls übertreffen in der Sankt-Georgs-Kirche alle Erwartungen
Ärgernis am Rande eines Unfalls
Ärgernis am Rande eines Unfalls
Keine Stille Nacht allein unterm Baum
Keine Stille Nacht allein unterm Baum

Kommentare