Sprechen auf Augenhöhe

Ev. Kirche bietet neues Angebot für Menschen nach einem Suizidversuch

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Zwei Fachfrauen – Diplompsychologin Janina Wetzel (li) und Pfarrerin Jutta Schröppel – werden die Gruppe für Menschen nach einem Suizidversuch leiten.

Kempten – Bereits im Spätsommer soll es in Kempten losgehen mit einem bayernweit einzigartigen Projekt, nämlich der Selbsthilfegruppe für Menschen nach einem Suizidversuch.

Dekan Jörg Dittmar ist es bereits vor einigen Jahren gelungen, das Evangelische Dekanat von der Notwendigkeit einer halben Pfarrstelle für Prävention und Aufklärung zu überzeugen und Pfarrerin Jutta Schröppel damit zu beauftragen. „Wie können wir Menschen von einem weiteren Suizidversuch abhalten?“, mit dieser Frage im Kopf wurde die neue Gruppe, die nun der Öffentlichkeit vorgestellt wird, geplant. 

Viele Menschen, die nach einem versuchten Suizid aus der Notaufnahme des Bezirkskrankenhauses entlassen werden, haben ein starkes Bedürfnis, darüber zu sprechen, ohne verurteilt und ausgegrenzt zu werden. Damit sie dann nicht allein bleiben mit dem Erlebten, kann ihnen die Gruppe Gleichbetroffener einen geschützten Raum zur Stabilisierung bieten. Angeleitet wird sie von der Diplompsychologin Janina Wetzel und Pfarrerin Jutta Schröppel, die wiederum von einem Fachbeirat unterstützt werden. Zwischen sechs und zehn Personen aus Kempten und der Region sollen sich vierzehntäglich treffen, um sich u. a. über Risiko- und Schutzfaktoren zu informieren und durch Emotionsregulierung, Stärkung der sozialen Kompetenz und des Selbstwerts psychisch zu festigen. Zunächst sind zehn Sitzungen geplant, dann werden die Erfahrungen mit dem Experiment ausgewertet und sollen weitere Zyklen stattfinden. 

Prof. Dr. Markus Jäger, der als Chefarzt des Bezirkskrankenhauses Kempten dem Fachbeirat angehört, ist der Evangelischen Kirche überaus dankbar für diese Initiative. Er plädiert sehr für Selbsthilfegruppen generell, weil sie wirklich erfolgreich sind. Dort können z. B. auch Suchtkranke im außerklinischen Kontext auf Augenhöhe miteinander sprechen. Dort werden sie ernstgenommen von Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Für Jäger ist ein Suizid oder Suizidversuch stets ein komplexes Geschehen, ein Gefüge aus psychosozialen und psychopathologischen Faktoren, das sich monokausalen Erklärungen entzieht. Wie Schröppel aus ihrer beruflichen Erfahrung weiß, wird ein Suizid in der Familie oft als beschämend empfunden, plagen sich die Angehörigen mit der Schuldfrage und suchen nach einer entlastenden Erklärung. Dann, so Dittmar, vermag eine seelsorgerische Begleitung oft bei der Verarbeitung dieses Lebensschicksal zu helfen und den Menschen zu vermitteln, dass sie auf Vergebung vertrauen dürfen. Die Finanzierung des Modells ist dank des Beitrags der Evangelischen Kirche, der Förderung durch die Arbeitsgemeinschaft der gesetzlichen Krankenkassen und durch Spenden zunächst für drei Jahre gesichert. Da erwiesen ist, dass auf einen Suizid zwischen zehn und fünfzehn Versuche kommen, wird dieses neue und zutiefst menschenfreundliche Selbsthilfeangebot bestimmt nachgefragt werden. 

Beratungsangebote für Menschen in seelischen Krisen:

• Telefonseelsorge, tägl. 24 Stunden, anonym, kostenfrei, Tel.: 0800/11 10 111 oder -11 10 222, Chat und Mail: www.telefonseelsorge.de 

• Pfarrerin Jutta Schröppel, Koordination Suizidprävention und Begleitung in Krisensituationen, Tel.: 0151/62 76 98 46 Montag und Donnerstag 8 Uhr bis 12 Uhr

 • Sozialpsychiatrischer Dienst der Diakonie Kempten Allgäu, St.-Mang-Platz 12, Tel.: 0831/54 05 92 01/-202; Mo., Di., Do., Fr. 8.30 bis 12 Uhr; Mi., Do 13 bis 16 Uhr; Immenstadt, Sonthofener Str. 17, Tel.: 08323/99 96 50, Mo. bis Fr. 10 bis 12 Uhr, Mo., Mi., Fr. von 13.30 bis 15.30 Uhr 

• Psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen, Kempten, Mozartstr. 15, Tel.: 0831/23 636; Sonthofen, Hochstr. 18, Tel.: 0831/23 636, Bürozeiten jeweils: Mo. und Di. 9 Uhr bis 12 Uhr, 14 bis 17 Uhr, Mi. 14 bis 17 Uhr, Do. u. Fr. 9 bis 12 Uhr • BKH Kempten, Hilfe bei psychischen Krankheiten, um zu klären, ob eine stationäre Aufnahme notwendig ist: Kempten, Robert-Weixler-Straße 46, Tel.: 0831/54 02 62 600, Erreichbarkeit: Täglich 24 Stunden, auch an Sonn- und Feiertagen.

Elisabeth Brock

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