Klaffende Kulturlücke gefüllt

Das Kemptener Kulturamt bietet den Auswirkungen von Corona auf den Kulturbereich die Stirn

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Kempten – Die Auswirkungen der Coronapandemie auf den Kulturbereich haben auch Kempten und nicht verschont. Museen und Ausstellungsräume der Stadt hatten seit 15. März 2020 bis auf Weiteres für den Besucherverkehr dicht gemacht. Allein an kommunalen Einrichtungen kommen da mit Kempten-Museum, Archäologischer Park Cambodunum, Alpin-Museum, Erasmuskapelle, Hofgartensaal der Residenz, Prunkräume und Kunsthalle Kempten, ebenso Stadtbibliothek, -archiv und Theater einige kulturelle Wirkstätten zusammen.

„Im ersten Schritt haben wir erstmal geschlossen und geschaut, wie geht es weiter“, meinte Kulturamtsleiter Martin Fink – sozusagen ein Luxus, den freie Einrichtungen oder Künstler nicht haben, wie er verdeutlichte. Zwar müsse man als kommunale Einrichtung auf die Kosten schauen, aber „unser Vorteil gegenüber Freien ist, wir können Workshops absagen, ohne großen Schaden“. Und Absagen hatte es reichlich auch im Wirkkreis des Kulturamtes gegeben, wie sämtliche Veranstaltungen in den Museen sowie Großveranstaltungen bis Ende August, inklusive Römerfest (der zweijährige Turnus mit der Kunstnacht wird einfach um ein Jahr verschoben), das zehnjährige Jubiläum der Erasmuskapelle; verschoben wurden auch das Picknickkonzert und Museumsfest und zwar auf das kommende Jahr. 

Die damit klaffende Kulturlücke hat das Kulturamt rasch mit digitalen Inhalten gefüllt. So entstand der Kulturlieferdienst (Artikel folgt in unserer kommenden Mittwochsausgabe), das Format „Bewegter Donnerstag“ des Kempten Museums im Zumsteinhaus, wie auch der Internationale Museumstag haben laut Fink digital „hervorragend funktioniert“ , darüber hinaus Vorträge zur Antike sowie Workshops für Kinder und Jugendliche.

„Wir wollen wir aber nicht einfach alles ins Digitale schieben“, eröffnete Fink als weitere „Perspektive nach der Perspektive“, sondern „Hybridformate anbieten“; d.h., es sollen Anreize im Digitalen dafür geschaffen werden,dass die Leute sich Orte analog anschauen. Aktuell öffnen auch die Museen wieder, wenn auch schrittweise, unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen. 

Seit 12. Mai ist der APC wieder offen für Besucher, das Kempten-Museum seit 19. Mai, das Alpin-Museum öffnet am 26. Mai und die Öffnung der Erasmuskapelle wird derzeit geprüft. Mit modifizierten Abläufen findet die jährliche große Kunstausstellung statt, heuer eben ohne dem Dach der Festwoche; auch der APC-Sommer soll, sofern genehmigungsfähig, „unter strengen Vorkehrungen und einem durchdachten Hygienenkonzept“, stattfinden. Kompromisse sind es natürlich allemal, denn wie Fink sagte, „eigentlich ist es unser ureigenstes Bedürfnis den Leuten zu sagen, bleibt, macht es euch gemütlich“, aber in der momentanen Lage „müssen wir sagen, schaut es euch an und geht wieder“. 

Auch der Ausstellungsbetrieb rollt allmählich wieder an. Laut Fink können Ausstellungen nämlich zumindest dann stattfinden, wenn auf eine Vernissage verzichtet werde. Das sei für manche Künstler o.k. , „bei anderen ist sie Teil der Performance“, so dass die Ausstellung ggf. zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden muss. Auch die 20-Quadratmeter-Regel für Besucher müsse nach dem aktuellen Stand natürlich eingehalten werden. Bei Änderungen sei man aber jederzeit flexibel. Die neuen Regeln haben somit Auswirkungen auch auf den Betrieb der Kunsthalle, die von der Freien Kunstszene bespielt wird. Hier betont Fink eine „klare Differenzierung“ was die Auswirkungen für Hobbymusiker/-künstler/-tänzer bedeuten und was für diejenigen, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Bei letzteren sei die derzeitige Situation wegen der finanziellen Ausfälle „existenzbedrohend“ und Corona-Soforthilfemaßnahmen nötig. 

Dass Tanz-, Chor- und Orchesterproben nicht erlaubt seien, bedeute für Profis maßgebliche Einschnitte in ihrer Berufsausübung, für Hobby-Musiker in Vereinsleben und -ziele. Immerhin seien viele Musiker darauf umgestiegen digital zu unterrichten, inzwischen sei aber auch wieder Einzelunterricht möglich. Anders beim Tanz, der in den Sportbereich falle und deshalb nicht unterrichtet werden dürfe. Veranstaltungen würden aus rechtlichen Erwägungen kurzfristig abgesagt, möglichst nur aufgeschoben. 

Insgesamt seien die Auswirkungen auf die verschiedene Kunstgattungen recht unterschiedlich, auch in ihrer Schwere. Als erstes sei von den Festivals der Jazz-Frühling der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Gefährdet das gleiche Schicksal zu erleiden sind „Kempten Classix“ und der Tanzherbst, was wegen der Vorleistungen jeweils „massive Verluste“ bedeute. Fink wies darauf hin, dass hier eine Perspektive deutlich schwieriger sei, als im kommunalen Bereich. „Wir werden die Veranstaltungen durchführen und jeden zweiten oder dritten Platz frei lassen“, für Freie rechne sich das aber nicht mehr und sei deshalb für sie „nicht machbar“. Die Folgen werden nach Finks Ermessen „noch lange sichtbar sein“ und das kulturelle Leben in Kempten „nachhaltig verändern“. Es sei nötig die Frage zu stellen, „was ist uns die Kultur wert?“; und nötig sei es auch, professionell arbeitende Künstler finanziell zu unterstützen.

Christine Tröger

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