Erstes Meisterkonzert mit dem Radio-Sinfonieorchester Bratislava

Klassisch-Romantisches aus Deutschland beim ersten Meisterkonzert

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Solist an der Violine Noé Inui erhielt viel Beifall.

Kempten – Ein erfolgreicher Konzertabend ist immer eine Mischung aus vielen Zutaten. Dazu gehört ein festlicher Rahmen, der durch eine informative, aber auch unterhaltsame Einführung aufgespannt wird, ein Programm, das liebgewonnene Hörgewohnheiten bedient, aber auch neugierig macht und Ungehörtes darbietet und nicht zuletzt Musiker, die nicht nur möglichst perfekt Töne und Klänge aus ihren Partituren erzeugen, sondern durch ihre Präsenz einem Abend seine ganz eigene Note geben können.

All dies kam am letzten Montag beim ersten Meisterkonzert der soeben begonnen Spielzeit im Stadttheater zusammen. Da war zunächst einmal das Orchester, das die komplette, weit nach hinten geöffnete Bühne des Stadttheaters ausfüllte. Allein durch seine schiere Größe erzeugte es bereits Eindruck. 

Das Slowakische Radio-Sinfonieorchester genießt in seinem Herkunftsland die gleiche Wertschätzung wie bei uns das Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks, wenn es auch nicht dessen weltweites Renommee besitzt. Mit der Coriolan-Ouvertüre op. 62 von Ludwig van Beethoven konnte das in Bratislava beheimatete Orchester unter der Leitung des isländischen Gastdirigenten Gudni A. Emilsson bereits zu Beginn seine Stärken ausspielen: Klangkultur, rhythmische Präzision und dynamische Flexibilität. Gerade bei Beethoven, aber auch bei der später folgenden Brahmssinfonie sind dies wichtige Spielkriterien, um die großartige sinfonische Architektur dieser Werke plastisch werden zu lassen. 

Das zweite Stück war ein fast nie gespieltes Violinkonzert von Karl Klingler, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland als Geigenvirtuose, Musikprofessor und Komponist tätig war. Es gibt eine einzige CD-Einspielung dieses spätromantischen Werks, die 1976 vom Dirigenten Volker Schmidt-Gertenbach, der Gesprächsgast in der Einführungsrunde war, geleitet wurde. Dem Stück fehlt der Geigenschmelz des ungleich berühmteren Violinkonzerts von Klinglers Kompositionslehrer Max Bruch aus der gleichen Zeit. Gerade im ersten Satz ist die Violinstimme eine etwas eintönige Abfolge gleichförmiger Tonreihen, so dass die reinen Orchesterstellen ohne das Soloinstrument die interessanteren waren. Der Violinpart steigerte sich dann aber bis zum dritten Satz in seinem Ausdruck und seiner Intensität. Unabhängig davon hauchte der Solist an der Violine Noé Inui mit jugendlicher Bühnenpräsenz dem Stück eine Frische ein, die ihm guttat und es zumindest für diesen Abend aus seinem letztendlich verdienten romantischen Tiefschlaf erweckte. 

Noé Inui, der in Brüssel gebürtig aus einem griechisch-japanischen Elternhaus stammt, rundete seinen Auftritt nach großem Beifall durch das Publikum mit einer interessanten Zugabe an der unbegleiteten Violine ab. Ein mehrstimmiger Pizzicatoteil geht sehr kunstvoll über in einen gestrichenen Teil und endet wieder im Pizzicato. Es handelte sich um ein Stück des belgischen Komponisten und Geigers Eugène Ysaÿe, die Sarabande aus der 4.Sonate für Violine solo, für das dann Inui nochmals viel Beifall bekam. 

Nach der Pause dann ein vierzigminütiges Orchestervergnü- gen, das in der langjährigen Meisterkonzertreihe in Kempten noch nie aufgeführt worden war. Johannes Brahms ist neben dem Neutöner Richard Wagner der große Fels in der Strömung der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, der als ebenbürtiger Nachfolger Beethovens die musikalische Klassik in die Zeit der Romantik überführt und dabei auch auf Elemente der Barockmusik zurückgreift. Seine letzte Sinfonie Nr. 4 in e-Moll op. 98 von 1885 setzt mit der charakteristischen Abfolge von auf- und absteigenden Zweitonmotiven ganz unmittelbar ein und endet im letzten Satz nach dem Muster einer barocken Passacaglia. 

Dazwischen breitet sich ein Meisterwerk der Konzertliteratur aus, das von Gudni A. Emilsson meisterlich dirigiert wurde. Emilsson verlor sich nicht in den vielen Einzelteilen, die dieses musikalisch so reiche und intelligent aufgebaute Werk zu einem Höhepunkt sinfonischer Musik macht, sondern behielt immer den Blick auf die ganze Form im Ohr und in seiner Führung des Orchesters. Dafür gab es dann den verdienten langen Schlussbeifall.

Jürgen Kus

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