Die Welt ist eine Operette

Klassische Evergreens verabschieden das zu Ende gehende Jahr beim Silvesterkonzert im Theater in Kempten

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Applaus für die Sopranistin Denisa Neubarthová und die Smetana Philharmoniker Prag mit ihrem Dirigenten Hans Richter.

Kempten – Die Welt ist eine Operette: Genauer müsste man natürlich sagen, nur zwischen den Jahren ist die Welt eine Operette, so leicht, so beschwingt, so aus der Mode gekommen wie Operetten eben sind.

Und noch genauer nur an jenem Abend, an dem die Sekunden eines Jahres plötzlich zählbar werden und wie die letzten Körner einer Sanduhr durch das Glas fallen. Ganz kurz – bevor wir bemerken, dass sich wirklich kein Körnchen mehr bewegt – bleibt die Zeit noch einmal stehen. Wir vergessen die Rückblicke auf all die schönen und schrecklichen Ereignisse des abgelaufenen Jahres und wollen noch nicht mit lautem Getöse die Sanduhr für das neue Jahr bewegen. Genau dies war auch beim gerade erst erfolgten Jahreswechsel der Moment für ein leichtes, ein beschwingtes, ein schönes Silvesterkonzert im Kemptener Stadttheater. 

Ein theaterfüllendes Publikum strömte herbei, viele, die sonst vielleicht nur die ernsteren Klänge der klassischen Musik gelten lassen, ebenso wie andere, denen genau diese Musik gefällt. Am Schluss waren alle zwar nicht aus dem Häuschen, wie etwas vollmundig im Programmheft über das letztjährige Konzert zu lesen war, aber ein kräftiger Applaus und zufriedene Gesichter beendeten ein zweieinhalbstündiges Konzert, in dem dank der gelungenen Programmauswahl und eines erfahrenen Orchesterleiters jeder auf seine Kosten gekommen war.

Jener hieß zwar nicht Christian Thielemann und das Orchester waren nicht die Wiener Philharmoniker, die einen Tag später das traditionelle Neujahrskonzert aus dem Wiener Musikverein mit ähnlichem Repertoire spielten, aber Hans Richter verstand es, aus den Smetana Philharmonikern Prag das herauszuholen, was ihnen am besten lag. Im abgeklärten Habitus eines erfahrenen Konzertmeisters dirigierte und moderierte er mit feiner Ironie und auf jeden Fall eloquenter als Thielemann durch eine bunte Mischung von Operettenausschnitten und Walzern.

Im ersten Teil des Konzerts waren das bekannte Melodien des französischen Komponisten der leichten Oper Jaques Offenbach, unter anderem die Ouvertüre zu dessen „Orpheus in der Unterwelt“ mit dem berühmten Cancan, zwischenzeitlich unterbrochen von zwei Österreichern, Mozart und Johann Strauss. Die für die erkrankte Mezzosopranistin Dana Stastná eingesprungene Denisa Neubarthová brachte in einer ersten Arie aus der „schönen Helena“ Bewegung und Farbe auf die Bühne.

Bei der Arie „Un‘aura amorosa“ aus „Così fan tutte“ konnte danach der georgische Tenor Khvicha Khozrevanidze hervorragend seine tongewaltige Stimme in den Ring werfen. Beim späteren Traumduett aus der „Schönen Helena“ wirkte gegen ihn der Mezzosopran von Denisa Neubarthová fast ein wenig leicht.

Nach der Pause dann der musikalische Höhepunkt des Abends, drei Stücke aus der „Verkauften Braut“ von Friedrich Smetana, Polka, Furiant und der „Tanz der Komödianten“. Hier und bei den später dargebotenen Slawischen Tänzen Nr. 2 und Nr. 8 von Antonin Dvorak war das tschechische Orchester in seinem Element. Das in diesen Stücken reichlich enthaltene tschechische Lokalkolorit wurde sehr schön und zum Vergnügen des Publikums ausgebreitet. Dann wieder unterhaltsame Vorträge der beiden Sänger aus Franz Lehars „Zarewitsch“ und Offenbachs „Ritter Blaubart“.

Ein wenig an seine Grenzen kam das Orchester beim letzten Stück vor den beiden Zugaben, der ebenso walzerseligen wie orchestertechnisch nicht einfach zu spielenden „Schönen blauen Donau“. Der Dirigent war gnädig mit seinem Orchester und animierte das Publikum zum Mitklatschen, was es dann besonders bei der zweiten Zugabe tat: Mit dem Radetzkymarsch vom anderen Johann Strauss (dem Vater des Walzerkönigs) ging der kurzweilige Abend viel zu früh zu Ende. Erstaunt stellte man beim Hinausgehen fest, dass zweieinhalb Stunden wie im Flug vergangen waren und es schön langsam Zeit für die Raketen wurde. Wenn das nicht für ein Konzert spricht.

Jürgen Kus

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