Technologie mit kurzen Beinen

Europapolitiker Prof. Klaus Buchner fordert Stopp des 5G-Ausbaus

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Mit seinem umfassenden Vortrag zur Einführung des 5G-Netzes überzeugte er das Publikum: Prof. Dr. Dr. Klaus Buchner (l.). Josef Krumsiek von der Mobilfunk Bürgerinitiative Kempten begrüßte den Physiker, der für die ÖDP im Europaparlament sitzt. Der Physiker kam auf Einladung des ÖDP-Ortsverbandes Kempten-Oberallgäu und MobFu BI Ke zu einem Vortrag am 18. Januar in die Allgäumetropole.

Kempten – Seine Vorschläge und Forderungen im Umgang mit der Mobilfunktechnik stellte Prof. Dr. Dr. habil. Klaus Buchner, für die ÖDP im Europaparlament, dem Publikum im Pfarrsaal von St. Anton vor.

User sollten demnach möglichst ohne WLAN arbeiten, zumindest es nachts abschalten; wenn schon ein Schnurlostelefon, dann auf jeden Fall mit Öko-Standard verwenden; Bluetooth (Funkmaus etc.) vermeiden; Handygespräche kurz halten und das Gerät erst ans Ohr führen, wenn das Telefonat beginnt; last but not least sollte man das Handy nicht angeschaltet in der Hosentasche tragen. Außerdem fordert der Europapolitiker ganz dezidiert funkfreie Gebiete für elektrohypersensible Personen, die im Übrigen oft genug Beleidigungen ausgesetzt seien.

Der Physiker überzeugte die Zuhörer, weil er ohne Polemik argumentierte, nicht einseitig gegen die Mobilfunktechnik wetterte, sondern für eine sinnvolle Nutzung von Handys und Co. warb, außerdem moderate Konzepte in petto hatte, mit denen sich die Strahlungsintensität enorm reduzieren lässt. Er monierte aber auch die unterschiedlichen Grenzwerte für das Einwirken von Funkstrahlen im europäischen Bereich.

„Wenn am Mobilfunk irgendwo, irgendetwas gefährlich wäre, dann müssten wir doch eigentlich alle krank sein, denn fast jeder von uns hat ein Smartphone oder Ähnliches“, sagte Klaus Buchner, den Josef Krumsiek von der Mobilfunk Bürgerinitiative Kempten (MobFu BI Ke) am Samstag im „knallvoll“ besetzten Saal begrüßte.

Analogie zum Rauchen

Buchner zog gleich zu Anfang seines Vortrags über die Gefahren des Mobilfunks eine Parallele zum Rauchen, wo es noch vor nicht allzu langer Zeit untersagt war, Rauchen als gesundheitsgefährdend einzustufen. Dies habe sich umgekehrt, heutzutage muss auf den Zigarettenpackungen auf mögliche Gefahren hingewiesen werden, und dass Rauchen der Gesundheit schadet, ist gesellschaftlicher Konsens. Gleiches lasse sich auch auf die Funkstrahlung übertragen. Die meisten spüren sie nicht, aber „einige erwischt es“, so Buchner, wobei „einige“ Interpretationssache ist. In Frankreich zum Beispiel liege die Quote bei fünf Prozent, in Deutschland belaufe sich diese auf sieben Prozent. Die darin definierten Krankheiten bedürfen für Buchner allerdings noch einer Überprüfung. Die Zahl von schweren Krankheitsbildern, verursacht durch Mobilfunktechnik, liege unter einem Prozent.

Schädigungen bei Mensch, Tier und Natur

Waren es zunächst allgemeine Auswirkungen – unwichtig, ob die Funkquelle von außerhalb kam oder innen lag –, die man feststellen konnte, verhält es sich bei der neuen Mobilfunkgeneration 5G, so Buchner, anders. Zunächst das Procedere: 5G wird in drei Schritten verlaufen. Bei der ersten Stufe – Teststrecken sind bereits vorhanden – handelt es sich um Frequenzen (ca. 800 MHz), die bisher schon verwendet worden sind. Im zweiten Teil geht es um die Frequenzen, die vor Kurzem versteigert wurden (3,4- bis 3,8 GHz-Blöcke). Derzeit laufen hierzu noch sehr wenige Testbetriebe. Bis hierher sind die Schäden im Wesentlichen wie gehabt. Die allermeisten Menschen „spüren nichts“. Auftreten können jedoch u.a. Kopfschmerzen, Gedächtnis- und Konzentrations- sowie Schlafstörungen. Ursachen, ob diese Störungen auf Funkquellen oder anderes zurückzuführen sind, bewegen sich oft im Vagen bzw. lassen sich vom Arzt schwer orten und werden deshalb häufig mit Tabletten therapiert. Die Mobilfunkindustrie erkennt eine Verknüpfung zwischen beiden Faktoren nicht an.

Dennoch lässt sich für Buchner ein Zusammenhang zwischen Funkbelastung und Schädigung an Bäumen (Baumsterben), bei Insekten (Verlust der Orientierung) oder Tieren (Missbildungen) und nicht zuletzt am Menschen (Qualität der Spermien bei Männern) festmachen. Der dritte Abschnitt von 5G wird Frequenzdichten (bei 26 GHz) erzeugen, die in dieser Form noch nicht genutzt werden. Hier gelte es neu zu denken.

Der Sinn von 5G ist, untereinander zu kommunizieren, was eine ungeheure Zahl von Sendern erfordert. Buchner spricht von 200 Milliarden sendefähigen Objekten, die man demnächst braucht. Man benötige auf jeden Fall höhere Frequenzen, die jedoch sehr kurze Reichweiten (150 Meter) haben. Buchners Hinweis, dass an der Autobahn von München nach Nürnberg Beleuchtungsmasten aufgebaut wurden, die oben kleine schwarze Kästchen haben, die für die Teststrecke für autonomes Fahren gedacht sind, war vielen Zuhörern so nicht bekannt. Um den enormen Bedarf an Sendern abdecken zu können, befördern Betreiber Satelliten mit jetzt noch unbekannten Folgen mittels ganz sicher klimaschädlichen Raketen ins All. Buchner nennt eine schier unglaubliche Zahl von 40.000 Objekten, die zunächst für die neue Hochfrequenztechnik benötigt werden. „Sind wir verrückt, wir führen Energiesparlampen ein, aber im Vergleich, was hier an Umweltschäden passiert, ist das ein Klacks.“ Kein Mensch regt sich darüber auf, bedauerte Buchner.

Unzweifelhaft bewiesen für Buchner ist, dass Funkstrahlung Krebs auslösen könne, auch wenn das Mobilfunkanbieter bis heute negieren. Der Zusammenhang zwischen Hirntumoren und Handynutzung sei klar in mehreren Studien belegt worden. Bei Ganzkörperbestrahlung entstünden auch noch andere bösartige Erkrankungen, das zeigten ebenfalls diverse Forschungsergebnisse. Dabei bedürfe es für die Entstehung von Krebs gar keiner starken Funkstrahlung, sondern auch eine schwächere Funkquelle könne derartige Krankheiten auslösen. Auf Basis nachweisbarer Schädlichkeit stellte Buchner seinen Forderungskatalog vor, der mit dem sofortigen Stopp des Ausbaus von G5 beginnt, den Netzausbau mit Licht ohne Funk (Glasfaserausbau, Datenlicht) empfiehlt, eine Trennung der Versorgung im Haus und außerhalb fordert, sowie Schulen ohne WLAN will.

Wirtschaft und Politik in einem Boot

Die Verflechtung von Wirtschaft und Politik mache auch vor der Mobilfunktechnik nicht Halt, wie Buchner am Beispiel des Instituts International Commission on non-ionizing radiation protection (ICNIRP), als internationale Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung, beschrieb. Für ihn ist ICNIRP ein reiner Lobbyverein, der nicht nur im Gebäude des Bundesamts für Strahlenschutz mietfrei sitze, sondern auch noch auf das Sekretariat des Bundesamtes zurückgreifen könne. Das Institut habe seine Leute darüber hinaus im wissenschaftlichen Beirat der EU-Kommission und im wissenschaftlichen Beirat der Weltgesundheitsorganisation untergebracht. 2015 verfasste ICNIRP eine große Studie, die – wen wundert es –, auf die Ungefährlichkeit von Mobilfunkstrahlen hinweist. Damit schließt sich für Buchner ein Kreis.

„Der ganze Abend hat für mich den Sinn, Sie nicht traurig, sondern rebellisch zu machen. Wir müssen kämpfen, wir sind noch eine Demokratie“, präzisierte er sein Engagement an diesem Abend in der Illerstadt, denn, seine Frau sage immer: „Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur aufwachen.“

Hildegard Ulsperger

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