Kleine Zeichen des Fortschritts

Stephan Thomae (rechts) mit Oberarzt Frank Hengstermann.

Kurz vor Weihnachten war der Sulzberger FDP-Bundestagsabgeordnete Stephan Thomae zu Besuch bei der Bundeswehr in Afghanistan. Dort traf er unter anderem Oberfeldarzt Dr. Frank Hengstermann, Kommandeur des Kemptener Gebirgssanitätsregiments 42 „Allgäu“. Exklusiv im KREISBOTEN berichtet Thomae von seinen Erlebnissen am Hindukusch.

Vom 19. bis 21. Dezember reiste ich mit 14 Kolleginnen und Kollegen aus vier Fraktionen und Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey sowie einigen Soldaten des Einsatzkommandos aus Potsdam, Mitarbeitern der Bundeswehrverwaltung und Beamten des Verteidigungsministeriums zu einem dreitägigen Kurzbesuch nach Mazar-e Sharif. Im militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel traf unsere Parlamentariergruppe zusammen. Der Airbus A310 „Theodor Heuss“ der Flugbereitschaft der Bundeswehr war erst am Tag zuvor mit der Kanzlerin und dem Verteidigungsminister in Afghanistan gewesen. Die erste fünfeinhalbstündige Etappe brachte uns zum Lufttransportstützpunkt Termez im Süden Usbekistans. Afghanistan grenzt im Westen an den Iran, im Süden und Osten an Pakistan und im Norden an die nicht weniger autoritär regierten Staaten Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan. Termez ist von dem großen deutschen Lager in Mazar-e Sharif nur 20 Flugminuten entfernt und wird deshalb als Luftstützpunkt benutzt. Usbekistan erhält hierfür eine jährliche Nutzungsgebühr von rund 16 Millionen Euro. Die Gebäude, die von der Bundesrepublik am Flughafen von Termez errichtet worden sind, werden im Anschluss an die Nutzung an die usbekische Regierung übergeben. Diese Gegenleistung ist allerdings politisch nicht unumstritten. Nach Abwägung aller Gesichtspunkte hat sich die Bundesregierung dennoch entschlossen, den Stützpunkt aufrecht zu erhalten. Im Notfall dient Termez der Bundeswehr als „Save Haven“ und Punkt für eventuell notwendige Evakuierungsoperationen. Schwer gesichert Termez ist ein rein deutscher Stützpunkt, an dem die Bundeswehr drei Aufklärungsdrohnen vom Typ Heron, Transporthubschrauber vom Typ Sikorsky CH-53, sieben Transportflugzeuge vom Typ Transall und bis vor kurzem sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ RECCE Tornado stationiert hat bzw. hatte. Termez ist auch Ausgangspunkt für den Airbus A 310 Medivac zur Evakuierung Verletzter. Rund 100 Soldaten sind in Termez stationiert. Die usbekische Grenze zu Afghanistan ist mit Grenzzäunen, Wachtürmen und wohl auch Minen gesichert. Nach einer Übernachtung in Termez wurden wir am 20. Dezember nach Mazar-e Sharif geflogen. Das International Security Assistance Force Afghanistan (ISAF) der NATO hat Afghanistan in fünf Regionalkommandos unterteilt. Für das Regionalkommando Nord (Regional Command North RCN) hat Deutschland die Führung inne. Das Hauptquartier befindet sich nahe der Stadt Mazar-e Sharif. Hier sind rund 4200 deutsche und 4500 US-Soldaten sowie einige hundert Soldaten aus 14 weiteren Nationen stationiert. Die neun afghanischen Provinzen, die im Gebiet des RCN liegen, umfassen ungefähr die Hälfte der Fläche Deutschlands. Ein Drittel der afghanischen Bevölkerung lebt hier. Nirgends in Afghanistan ist die ethnische Durchmischung so stark wie in diesem Gebiet. Die Bevölkerungsmehrheit stellen Usbeken und Tadschiken. Die ansonsten in Afghanistan zahlenmäßig starken Hazaras stellen im Norden eine Minderheit. Ebenso die im sonstigen Land starke und dominante Gruppe der Paschtunen, denen auch Präsident Hamid Karzai angehört. Im Norden zählen vor allem diese Paschtunen zu den Aufständischen (Insurgents, INS) gegen den afghanischen Staat. Die INS sind keineswegs nur Taliban, sondern es zählen dazu auch Gruppen des Terrornetzwerks Al-Qaida, des Haqqani-Netzwerks, das unter Jalaluddin Haqqani in der Zeit der sowjetischen Besatzung schon gegen die Rote Armee kämpfte, die Hizb e Islami Gulbuddin (HIG), eine vom paschtunischen Islamisten Gulbuddin Hekmatyar aus Zeiten des Kampfes gegen die Sowjetunion hervorgehende und weiterhin von ihm geleitete Terrorgruppe, die Islamische Bewegung Usbekistan, und die Organisierte Kriminalität mit den Tätigkeitsfeldern Drogen, Waffen und Menschenhandel. Kleine Schritte Der Fortschrittsbericht über Afghanistan, den die Bundesregierung vorgelegt hat, zeichnet ein vorsichtig optimistisches Bild der Fortschritte. Diese Einschätzung war für mich bislang nicht schlüssig, da sich nach einer Stabilisierung in den Jahren 2002 bis 2005 die Situation in Afghanistan seit 2006 eher verschlechtert hat. Die höhere Zahl von Zwischenfällen hat nach Angaben des ISAF-Kommandeurs im RCN, Generalmajor Fritz, viel mit der gestiegenen Aktivität der Bündnistruppen zu tun. Fritz hat mir anhand konkreter Beispiele darstellen können, woran man ablesen kann, dass die Schlagkraft der Aufständischen nachlässt. Woche für Woche legen einzelne Gruppen der INS ihre Waffen nieder, gliedern sich in das Resozialisierungsprogramm ein und kehren in ihre Dörfer zurück. Die spürbare Radikalisierung vieler aufständischer Gruppen erwecke den Eindruck, dass die Bündnistruppen Rückschläge erlitten. Tatsächlich sei die Radikalisierung aber ein Zeichen dafür, dass die Situation der Aufständischen verzweifelter werde. Beispielhaft nannte Fritz die Umstände der Ermordung des Provinzgouverneurs von Kundus vor einigen Wochen, der beim Freitagsgebet in einer Moschee durch einen Selbstmordattentäter getötet worden ist. An diesem Beispiel machte der ISAF-Kommandeur auch die schwindende Akzeptanz der Aufständischen in der Bevölkerung deutlich. Auf mich wirkten diese Erklärungen plausibel und überzeugend. Die Bundesregierung verfolgt seit 2010 das Konzept der Übergabe in Verantwortung, um letztlich auch den Rückzug aus Afghanistan einzuleiten. Das Konzept der vernetzten Sicherheit umfasst die drei Bestandteile militärische Sicherheit, Entwicklung gut funktionierender staatlicher Strukturen und zivile Entwicklungszusammenarbeit. Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang bei der Vorstellung von rund 15 Entwicklungsprojekten ein Gespräch mit drei jungen Afghanen, davon zwei jungen Frauen, die ein dörfliches Rechtsstaatlichkeitsprogramm leiten. Es geht dabei darum, dass sich die ländliche Bevölkerung über Fehlverhalten von Polizisten bei einer örtlichen Kommission beschweren kann. Die beiden jungen Frauen sprachen exzellent Englisch. Sie hatten im Ausland studiert und stammen aus aufgeklärten Familien. Solche Frauen wären die ersten Opfer, wenn die Bündnistruppen den islamischen Gruppen wieder das Feld überlassen würden. Im Camp gibt es darüber hinaus auch eine Feldpost, ein Einkaufszentrum, eine Wäscherei, eine große Kantine, ein Atrium, in dem sich Gesellschaftsräume, Internetcafé, die Militärseelsorge oder ein Fitnessstudio befinden. Trotz seiner Größe empfand ich die Lagersituation als beengend. Es gibt nichts, woran das Auge sich laben kann. Das Lager ist eine zwar saubere und wohlgeordnete, aber letztlich öde Steinwüste ohne jegliches Grün. Mich würde wohl nach wenigen Wochen der Lagerkoller befallen. Die Unterbringung erfolgt teils noch in Zelten, teils in Blechcontainern, in denen drei bis vier Soldaten eine Stube belegen. Jeder Container ist mit Sammel-WC und Sammel-Duschen ausgestattet. Die Bedrohung innerhalb des Lagers von MES ist gering; es gab bislang keine Anschläge auf das Lager selbst. Außerhalb des Camps wird aber vor allem die Region westlich von MES immer wieder von Gefechten heimgesucht. Mein Wunsch, das Lager zu verlassen und in die Stadt Mazar-e Sharif zu fahren, wurde mir aus Sicherheitsgründen ausgeschlagen. Treffen mit Hengstermann Zu den erfreulichen Eindrücken zählte meine Begegnung mit Oberfeldarzt Dr. Frank Hengstermann, dem Kommandeur des Gebirgssanitätsregiments 42, der sich derzeit für sieben Monate in Afghanistan befindet und dort eine mobile MedEvac-Kompanie leitet. Überschattet wurde unser Besuch vom 45. Todesfall, den die Bundeswehr bei diesem Einsatz zu beklagen hatte. Auf einem Außenposten kam ein 21-jähriges Soldat aus Bad Reichenhall ums Leben. Beim Waffenreinigen hatte sich ein Schuss aus der Waffe eines Kameraden gelöst. Wir überführten den Leichnam beim Rückflug. Bei der Überführung von der Pathologie des Militärkrankenhauses zum Flugfeld bildeten die Soldaten ein Ehrenspalier, ehe der Sarg in eine eigens bereit stehende Transall geladen wurde. Man wird da doch gemahnt, dass sich die Soldatinnen und Soldaten in einem lebensgefährlichen Einsatz befinden. Trotzdem sind die Soldaten überwiegend der Auffassung, dass ein voreiliger Abzug alle Hoffnungen und Erwartungen mit einem Schlag zunichte machen würde.

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