Sozialphilosoph Joas in Kempten

Diskussion über Werte

+
Der Stifter des Meckatzer-Philosophie-Preises Michael Weiß (re.), geschäftsführender Gesellschafter Meckatzer-Löwenbräu, mit dem diesjährigen Preisträger, dem Soziologen und Sozialphilosophen Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Joas (li.) im Gespräch.

Zwei Ehrendoktorwürden hat er bereits und auch mit diversen Auszeichnungen, darunter die Werner-Heisenberg-Medaille, wurde er geehrt. Am 25. Juni wird sich der mit 5000 Euro dotierte Meckatzer-Philosophie-Preis 2017 einreihen.

Einen kleinen Vorgeschmack auf seine Festrede zur Preisverleihung im Rahmen des ersten Philosophiefestivals in den Allgäuer Alpen Oberstdorf/Kleinwalsertal (21. - 25. Juni 2017) gab der Preisträger Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joas vergangene Woche einem kleinen Kreis im Raum „Iller“ des Allgäuer Überlandwerks.

Zu den Schwerpunkten seiner auch in mehreren Büchern publizierten Beschäftigung zählen Themen wie Entstehung der Werte, Wertewandel, Menschenrechte oder auch Religion. Themen, die unter dem Leitgedanken „Zusammenhalt durch Werte?“ mit dem gebürtigen Münchner (Jahrgang 1948), der unter anderem Ernst-Troeltsch-Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin ist und neben weiteren Gastprofessuren an der University of Chicago lehrt, wohin er 2000 als Mitglied in das Commitee on Social Thought berufen wurde, in der kleinen Runde aus Vereinsmitgliedern und Sponsoren rege diskutiert wurden.

Joas hält ein Mehr an gemeinsamen Werten für nötig und warf die Frage auf, wie es komme, dass die einen für gut befänden, was andere als böse betrachten. Auf einer „rein philosophischen Ebene“ wolle er solche Fragen allerdings nicht beantworten und auch relativieren, dass einzig gemeinsame Werte „eine Gesellschaft zusammenhalten“.

Unabhängig davon sah er als drei wichtige Bindeglieder 1. den wirtschaftlichen Erfolg; 2. Gerechtigkeitssinn, wobei Ungleichheit dann „hingenommen wird, wenn es als produktiv wahrgenommen wird“; und 3. das Gefühl innerer und äußerer Sicherheit, zum Beispiel „militärische Erfolge, die den „Zusammenhalt zwischen dem Volk und der Regierung stärken“, während Niederlagen diesen in Frage stellen würden.

Aber wer darf überhaupt „dazu“ gehören, „wer entscheidet das“ und können dabei vielleicht Gefühle der Ungerechtigkeit provoziert werden? Ein Feld, auf dem sich nach Ansicht des Professors „die meisten Diskurse auftun“. Zum Beispiel, „welche normativen Kriterien haben wir bei der Aufnahme von Migranten?“ Vereinsmitglied Stephan Thomae sah unter anderem eine „gemeinsame Rechtskultur“ als einen Faktor für gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Gemeinsame Interessen“ sind für Joas „etwas ganz Wesentliches“, wobei die Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts „auf tieferen Ebenen“ lägen. „Moralische Kriterien“ müssten seines Erachtens bei der Aufnahme von Flüchtlingen „in Folge von Not“ eine Rolle spielen. Der Staat habe eine Verpflichtung „nicht nur für das eigene Volk“, sondern auch für kulturell nahe stehende Staaten oder eben wenn Not herrsche.

Das Thema Menschenrechte wollte Joas nicht einzig „im Westen“ verankert sehen, wo sie im 18. Jahrhundert aus der Vorstellung der „Sakralisierung des Menschen“ entstanden seien. „Philosophische und religiöse Vorstellungen“ davon reichten zurück in die Antike unter anderem nach China, wo also sehr wohl verstanden werde, „worum es bei Menschenrechten geht“.

Auch Werte, die die individuelle Lebensführung betreffen wurden diskutiert. Oder was Werte im Unternehmensalltag bedeuten. Für Manfred Hegedüs, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Allgäu, ein „Erfolgsfaktor“. Michael Weiß, Stifter des Meckatzer-Philosophie-Preises und geschäftsführender Gesellschafter der Meckatzer Löwenbräu, wies darauf hin, dass Qualität und „Fairness im Umgang“ in seinem Familienunternehmen immer einen „hohen Stellenwert“ gehabt hätten und ihm wichtig sei, dass „die Saat aufgeht“. Das aber würde nicht gehen, „wenn Zahlen im Vordergrund stehen“. Seiner Erfahrung nach würden die Unternehmenswerte sehr wohl positiv wahrgenommen „und bringen auch neue Geschäftsbeziehungen“. Leider würden Werte derzeit in vielen Bereichen „über Bord geworfen“, unter anderem in den USA.

Gedanken machten sich die Teilnehmer zusammen mit dem Historiker, Soziologen und Sozialphilosophen – laut Projektleiter Dr. Rainer Jehl „einer der großen der Philosophie in Deutschland“ – ebenso um Wechselwähler oder wie der Umgang von Gläubigen mit Nicht-Gläubigen aussehen sollte oder auch ob Religion als Konflikt- oder im Umkehrschluss Friedensauslöser wirken kann. 

Christine Tröger


Auch interessant

Meistgelesen

Von Müll-Ansammlern und Müll-Verweigerern
Von Müll-Ansammlern und Müll-Verweigerern
Maria Profanter rühmt unsere Denkkraft in ihrer Ausstellung
Maria Profanter rühmt unsere Denkkraft in ihrer Ausstellung
Ankündigung eines Amoklaufs als "unbedachte Äußerung"
Ankündigung eines Amoklaufs als "unbedachte Äußerung"
Kinderschutzbund Kempten feiert 40. Geburtstag
Kinderschutzbund Kempten feiert 40. Geburtstag

Kommentare