Scannen, genießen, abspülen

Klimaschutzbeirat empfiehlt Mehrweggeschirr für die Gastronomie

Scannen des Mehrweggeschirr
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Zum Ausleihen des Mehrweggeschirr einfach mit dem Smartphone scannen.

Kempten – Nina Kriegisch vom städtischen Klimaschutzmanagement berichtete dem Klimaschutzbeirat in seiner Novembersitzung vom Fortgang eines Projekts, das sie bereits im September vorgestellt hatte und das seitdem noch dringlicher geworden ist: Die Stadt führt ein Mehrwegsystem für Gastronomiebetriebe ein.

Kriegisch erinnerte daran, dass „Verpackungsmüll ein weltweites Problem ist, das immer größere Ausmaße annimmt“. Auch in Deutschland würden die Müllberge jedes Jahr höher, laut Umweltbundesamt seien 2018 allein von privaten Verbrauchern 107,7 Kilogramm Müll pro Kopf entsorgt worden. Während der Corona-Pandemie verschärften die Infektionsschutzregeln das Müllproblem noch, da Gaststätten, Imbiss und Cafés, wie schon im Frühjahr, Speisen und Getränke wochenlang nur noch zum Mitnehmen anbieten durften. Immerhin gelänge es, insgesamt etwa 69 Prozent des Mülls zu recyceln, doch Kunststoffe hätten mit 47,1 Prozent eine wesentlich niedrigere Wiederverwertungsquote. Zwar sei 2019 eine höhere Recyclingquote vorgeschrieben worden, aber „selbst wenn das Gesetz eine leichte Besserung bewirkt, am allerbesten ist es, Müll gar nicht erst entstehen zu lassen“.

Deshalb habe die Stadt Kempten gemeinsam mit dem Zweckverband Abfallwirtschaft (ZAK) verschiedene Projekte gestartet, um Müll zu vermeiden oder zu verringern. Vom neuen Mehrwegsystem habe man in Zusammenarbeit mit der Münchner Firma Relevo bereits sechs Kemptener Gastronomiebetriebe überzeugen können und arbeite daran, weitere Teilnehmer zu gewinnen. Bisher böten Alpensteig, La Cave, Rasoi, Ratscafé und Weber Kaffee sowie der Asia Wok Schnellimbiss in der Kotterner Straße ihren Gästen das Leihgeschirr an.

Wer sich bei einem der teilnehmenden Anbieter etwas zu Essen oder zu Trinken kaufen wolle, ­lade sich zunächst die Relevo-App auf sein Smartphone und scanne dann im Speiselokal den auf dem Geschirrteil aufgedruckten Barcode. Die Schüssel oder der Becher sei somit im Account des Kunden „hinterlegt“ und sollte im Laufe von zwei Wochen in einem der Teilnehmerbetriebe zurückgegeben werden. „Beim Zurückbringen scannt der Kunde den QR-Code an der Rückgabestelle, wählt die Geschirrteile aus, die er zurückbringt und kann gehen“, erläuterte Kriegisch.

Als Partner seien fünf Unternehmen in Frage gekommen, die derzeit in Deutschland Mehrwegsysteme für die Gastronomie anböten. Da „Recup“, das Pfandsystem für Kaffeebecher zum Mitnehmen, in Kempten wenig erfolgreich gewesen sei, „haben wir Systeme, die mit Pfand arbeiten nicht genauer betrachtet“, schilderte Kriegisch die Auswahlkriterien. Das junge Start-up Relevo, dessen Mitbegründer aus Kempten stamme, biete ein Leihverfahren, das für die Gastwirte mit minimalem Aufwand verbunden sei und, dank weniger und einfacher „Ausgabeschritte“, auch für die KundInnen „praktikabel“ sei.

Der Gastronom müsse weder eine Grundgebühr noch einen Mitgliedsbeitrag entrichten, er zahle erst beim Verleihen 20 Cent für eine Schüssel und 10 Cent für einen Becher. „Das entspricht im Durchschnitt den Beträgen, die der Gastronom für Einweggeschirr auch zahlen müsste“, so Kriegisch. Der Gast müsse keine Leihgebühr bezahlen und erhalte kurz vor Ablauf der Leihfrist eine Erinnerungsmail. Hat er sein Geschirr nach 14 Tagen nicht zurückgebracht, schulde er für eine Schüssel zehn, für einen Becher 5 Euro.

Das Geschirr von Relevo bestehe aus „hochwertigem“, in Deutschland hergestelltem Plastik, sei auslaufsicher, zu 100 Prozent recycelbar und könne bis zu 1000 Mal verwendet werden. „Studien zeigen, dass circa ab der 75. Nutzung Mehrweg klimafreundlicher ist als Einweg“, verdeutlichte Kriegisch. Die jungen Unternehmer seien angesichts der Krise sogar bereit, den Wirten die Leihgebühren vorerst zu erlassen. Allerdings habe Kempten nur ein relativ kleines Marktpotential.

Deshalb bräuchte Relevo nicht nur mindestens 20 ­teilnehmende Betriebe, sondern einen monatlichen Zuschuss von 500 Euro, um sein System zu etablieren. Diese Kosten würden das Klimaschutzmanagement, das Amt für Wirtschaft und Stadtentwicklung sowie der ZAK für ein Jahr auf Probe gemeinsam und zu gleichen Teilen übernehmen.

Der Klimaschutzbeirat sprach sich einstimmig dafür aus, dass die drei genannten Institutionen und das City-Management die Firma Relevo bei der Einführung des Mehrwegsystems sowohl finanziell als auch mit ihren Fachkenntnissen unterstützen. Man empfehle dem Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz „das Vorhaben zu beschließen“. Zustimmung fand auch der Vorschlag von Fabian Dolp, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungszentrums Allgäu an der Hochschule, in den Speiselokalen ein Tablet aufzustellen, um so auch wenig technikaffinen KundInnen das Geschirrausleihen zu ermöglichen.

Antonia Knapp

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