Klingendes Fest tüchtiger Musiker

Der Madrigal- und der Jugendchor der Sing- und Musikschule sangen zum 100-jährigen Jubiläum vier Chöre aus Carl Orffs „Catulli Carmina“. Fotos: Kampfrath

Am 10. Oktober 1910 fing alles an. Seitdem steckt mehr Musik in Kempten. Der Magistrat der Stadt genehmigte an diesem Tag die Gründung der Städtischen Singschule. Als einer der Grundsätze galt die „Heranbildung tüchtiger Sänger“. Am Mittwochabend vergangener Woche feierte die Sing- und Musikschule (sms) Kempten und nördliches Oberallgäu ihr 100-jähriges Bestehen.

Das Fest im Schönen Saal begann gespenstisch. Die zweiten Früherziehungsklassen und Kinderchöre bereiteten dem Zuhörer eine „Geisterstunde“. Unter der Leitung von Monika Lichter Resch sangen, pfiffen oder gähnten sie und ließen Puppen tanzen. Den Vorsitzenden des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen, Wolfgang Greth, erstaunte der Auftritt so sehr, dass er seine ursprünglich geplante Ansprache durch eine freie Rede ersetzte. „Musik verbindet Kinder“, sagte er. Es beeindrucke ihn, wie „wildfremde Kinder miteinander singen“. Zu der versammelten Politprominenz meinte Greth: „Kinder hören aufeinander beim Singen. Stellen Sie sich das einmal bei Politikern vor.“ Die Musikschulen sollten mit den Eltern zusammenhalten, die den größten Teil der Förderung tragen. Die bayerische Rechtsverordnung für Musikschulen gebe die Richtung vor. „Es ist die beste in Deutschland“. Greth empörte sich hingegen über die derzeitigen Programme in Nordrhein- Westfalen und Niedersachsen. „Ich möchte jedem Kind die Möglichkeit geben, ein Instrument zu lernen“, so Greth. Doch ein Drittel der Buben und Mädchen in Bayern hätten keinen Zugang zu einer öffentlichen Musikschule. Wie Greth rief auch Professor Paul Krupp, Vorsitzender des Trägervereins, die Gäste auf, dem Förderverein der Musikschule beizutreten. Künstlerische und musikalische Bildung trage wesentlich zur Persönlichkeitsentwicklung bei. „Die eigentlichen Wurzeln der Sing- und Musikschule reichen bis ins Jahr 1896 zurück“, erklärte Krupp. Damals gründete Ferdinand Schwaiger den Neustädtischen Gesangskurs, die „Keimzelle“ der heutigen Schule. „Wir Eltern geben unsere Kinder gerne in die Obhut dieser Einrichtung. Denn wir wissen, dass auf individuelle Begabungen eingegangen wird“, sagte Theo Dodel-Hefele, Vorsitzender der Elternvertretung. Eltern müssten ihren Kindern nötige Freiräume schaffen, damit sie regelmäßig üben können. Dies taten Mutter und Vater des ehemaligen Staatsministers Dr. Thomas Goppel offenbar. „Ich bin mit meinen vier Brüdern meinen Eltern unglaublich dankbar, dass sie dafür gesorgt haben, dass jeder von uns mindestens ein Instrument lernt“, so Goppel. Seine norddeutsche Mutter habe aus dem Liederbuch „Spielmann“ jedes Lied, jede Strophe und noch zwei weitere Strophen gekannt. „Das Singen kommt in den Schulen zu kurz. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir in Deutschland ein großes Liedgut haben“, verdeutlichte der Präsident des Bayerischen Musikrats. Er lobte das Miteinander in der Sing- und Musikschule: „Dort, wo die Gemeinschaft funktioniert, hat der Einzelne die Möglichkeit, den richtigen Ton anzuschlagen und für Harmonien zu sorgen.“ Breites Angebot Die Zusammenarbeit mit den 13 Gemeinden des nördlichen Landkreises Oberallgäu ermögliche ein breites Angebot, sagte der Kemptener Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer (CSU). Derzeit werden 30 verschiedene Instrumente und Gesang unterrichtet. „Viele junge Menschen haben durch die Sing- und Musikschule eine dauerhafte Beziehung zur Musik bekommen“, betonte Netzer. Dass die Einrichtung tüchtige Sänger und Musiker hervorbringt, zeigten die verschiedenen musikalischen Darbietungen. Das Jugendsinfonie- orchester spielte das Konzert d-Moll aus Antonio Vivaldis Zyklus „L’estro armonico“ klangrein und facettenreich in der Dynamik. Nur die Bratschen hatten beim Einsetzen in die vierstimmige Fuge kleinere Schwierigkeiten. Mit dem dritten Satz der „Scaramouche“-Suite von Darius Milhaud ließen Theresa Büchter und Julia Schmidt einen feurigen Samba erklingen. Das schnelle Stück für zwei Klaviere meisterten beide mit Bravour. Für heimelige Stimmung sorgten die Schülerinnen Elena Rothermel (Sopranblockflöte) und Michaela Henkel (Hackbrett). Mit den Lehrern Irmgard Moldan-Fiederling (Harfe), Martin Kerber (Zither) und Ingrid Simon (Gitarre) interpretierten sie das Volksmusikstück „A Draum“ von Hartmut Brandt. Die anspruchsvollen und rhythmusbetonten vier Chöre aus Carl Orffs „Catulli Carmina“ bereiten dem Madrigalchor und Jugendchor keinerlei Probleme. Dr. Thomas Goppel lobte hinterher Wolfgang Heicheles temperamentvolles Dirigat mit den Worten „Sie leben Orff.“ Der fetzige Sound der Big-Band unter der Leitung von Tiny Schmauch bei Chick Coreas „Spain“ animierte viele Zuhörer zum Mitswingen. Ihre Feierlaune konnten sie dann beim Empfang im Kellerfoyer ausleben.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Eröffnung der "MangBox" in Kempten
Eröffnung der "MangBox" in Kempten
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet

Kommentare