Vom klösterlichen ins weltliche

Die Sportgruppe stellte die Leibesertüchtigung nach, wie sie vor 100 Jahren ausgesehen haben könnte. Foto: Kampfrath

Am 19. Oktober 1861 hatten acht Englische Fräulein ihren ersten Arbeitstag in Kempten. Sie unterrichten Mädchen. Dies taten die Frauen ganz im Sinne ihrer Ordensgründerin, der Engländerin Maria Ward (1585 - 1645). 150 Jahre später lebt ihr Erbe in Form der Maria-Ward-Schule immer noch fort. Mit zahlreichen Gästen feierten Lehrer und Schülerinnen am Freitag dieses Jubiläum in der Sporthalle der Schule.

Zuvor würdigte der Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger beim Festgottesdienst in der St.-Lorenz-Kirche die Namensgeberin der Schule. Die Jahre des Dritten Reichs seien das dunkelste Kapitel des Maria-Ward-Instituts gewesen, da alle Ordensschulen schließen mussten. „Religion ist der größte Angriffspunkt eines Unrechtregimes. Es ist aber auch der Punkt, bei dem der größte Schaden durch Resignation angerichtet werden kann“, meinte der Geistliche. Vier der Zehntklässerinnen trugen unterdessen ihre Gedanken vor. „Mary Ward war eine tolle Frau, die ihrer Zeit weit voraus war“, erklärte eine Jugendliche. „Wir müssen nicht auf diese Schule gehen, wir dürfen“, sagte ein anderes Mädchen. Viele Widerstände „Die Existenz der Schule war im Laufe der 150 Jahre mehrfach gefährdet“, verkündete der Schulleiter Richard Schregle während des Festakts in der Turnhalle. 1969 zum Beispiel habe sich keine klösterliche Nachfolgerin für die scheidende Schulleiterin gefunden. Schließlich habe Annemarie Engeßer die Aufgabe übernommen, die damit die erste „weltliche“ Frau auf diesem Posten war. „Zu den Zielen unsere Schule gehört auch, den Schülerinnen einen Blick in das Berufsleben zu ermöglichen.“ So arbeite die Lehranstalt mit der Firma Liebherr und anderen Unternehmen zusammen. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts sei in Kempten eine Zeit mit wirtschaftlichen, politischen und konfessionellem Spannungen gewesen, sagte Schwester Ingeborg Kapaun von der Congregatio Jesu in ihrem Festvortrag. Das Vorhaben, die katholischen Elementarschulen und die weibliche Industrieschule den Englischen Fräulein anzuvertrauen, sei auf viele Widrigkeiten gestoßen. Bei der Finanzierung habe es Schwierigkeiten gegeben. „Der damalige Zeitgeist, ein eher kirchenfeindlicher Liberalismus, war den Ordenschulen ungünstig.“ Andererseits seien die Englischen Fräulein in den Augen vieler Frommer keine richtigen Ordensfrauen gewesen. Doch schließlich hätten sich die führenden katholischen Bürger Kemptens durchgesetzt, sodass die Englischen Fräulein kommen konnten. Seit 2004 nennt sich der Orden schließlich Congregatio Jesu. Da der Orden den Sachaufwand nicht mehr stemmen konnte, übernahm das Schulwerk der Diözese Augsburg 1976 die Trägerschaft der Bildungsstätte. „Es war eine gute Entscheidung, und wir haben sie seither nie bereut“, betonte Schwester Ingeborg Kapaun. „Eine Maria-Ward-Schule ist ein Ort ganzheitlicher Bildung und lebt daher von geglückten Beziehungen.“ In der Kemptener Schule lebe der Geist der Namensgeberin weiter, die „ein Genie an Beziehungsfähigkeit“ gewesen sei. Ulrich Haaf, Vorsitzender des Schulwerks der Diözese Augsburg, konnte nicht nach Kempten kommen, da er krank geworden war. Statt seiner hielt sein Stellvertreter Werner Rechten die Rede. „Bei dieser Maria-Ward-Schule sind zwei Besonderheiten auszumachen: Die Größe mit 36 Klassen und 1075 Schülerinnen. Und die geglückte Übergabe von der klösterlichen in die weltliche Hand im Jahr 1969.“ Beim Umzug der Schule von der Fürstenstraße in den Hoffeldweg im Jahr 2001 sei der äußere Umbau zwar abgeschlossen gewesen, aber der innere habe noch bevorgestanden: die Umwandlung von der vierstufigen in die sechsstufige Realschule. „Mögen Sie im Sinne der zwei großen Frauen Maria Ward und Theresia Gerhardinger immer wieder pädagogische Impulse gewinnen“, wünschte Rechten den Lehrern und der Schulleitung. Guter Ruf „Erst wenn das Wissen und das Wertungsbewusstsein zusammenkommen, ist der Mensch fähig, ein verantwortungsvolles Leben zu führen“, betonte der stellvertretende Oberallgäuer Landrat Anton Klotz. Der gute Ruf der Maria-Ward-Schule wirke sich auch auf den Heiratsmarkt aus. „Die Allgäuer Burschen sagen: Ein Mädchen von der Maria-Ward-Schule, die ist in Ordnung. Die kannst du ohne Prüfung heiraten“, sprach Klotz im Allgäuer Dialekt, wofür ihm das Publikum mit Gelächter und Applaus dankte. Ordensleute und Klöster seien in der Stadt wichtiger Motor der Bildung und Erziehung gewesen, so der Kemptener Bürgermeister Josef Mayr (CSU). Das christliche Profil der Schule sei erhalten geblieben. „Wir feiern heute den lebendigen Geist einer Schule in vielen Farben.“ Eine Schule müsse zeitgemäß bleiben, erklärte der Ministerialbeauftragte Martin Sulzenbacher. „In der Maria-Ward-Schule haben Tradition, aber auch Innovation und Fortschritt einen hohen Stellenwert.“ Er wünschte der Mädchen-Schule unter anderem eine „bleibende Dynamik“. Am Ende der fast zweieinhalbstündigen Feier dankte Schulleiter Richard Schregle den eigentlichen Hauptpersonen: „Liebe Schülerinnen, ihr wart einfach spitze.“ Die Anerkennung hatten sich die Mädchen redlich verdient. Mit vielen Auftritten lockerten sie das Programm auf. Die Sportgruppe gab einen Einblick, wie die Leibesertüchtigung vor 100 Jahren ausgesehen haben könnte. 12 Schülerinnen trugen ein schwarzes Oberteil, einen schwarzen Rock und eine weiße Fliege und liefen barfuß über den Schwebebalken oder hüpften über ein Sprungseil. Später stellte die Gruppe eine „historische Schigymnastik“ nach. Orchester, Schulchor und Solisten führten eine Szene aus dem Musical „Die chinesische Nachtigall“ auf. Im Dirndl moderierten die Schülerinnen Theresa Kuisle und Amelie Tschugg den Vormittag. Der Schulchor sang indes ein Lied aus dem Musical „Starlight Express“. Und kurz darauf fuhren Schülerinnen auf Inlineskatern und mit Fahrradhelmen, die mit Alufolie überklebt waren, durch die Sporthalle.

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