Was kommt auf uns zu?

Zukunftsforscher Gábor Jánszky spricht in Kempten über Megatrends, blaue und rote Graphen

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Viele der Voraussagen des Zukunftsforschers Sven Gábor Jánszky (r.) fanden Erwähnung in Filmklassikern wie der Quantencomputer HAL 9000 in Stanley Kubricks „2001 – Odysse im Weltall“, die Reproduktion des Menschen in Steven Spielbergs „AI“ und die alles bestimmende Datenwelt der Zukunft in „Matrix“ der Gebrüder Wachowski.

Kempten – Wer hat sie nicht schon irgendwann einmal gesehen: Die berühmte „Pill Scene“ im Science-Fiction-Klassiker Matrix, die zur populären „Red Pilling“-Meme wurde. „Morpheus“ (Gott der Träume aus griechischer Mythologie) alias Lawrence Fishbourne stellt T. Anderson (übersetzt: Menschensohn) alias Keanu Reeves vor die Wahl.

Entweder greift Neo zur blauen Pille, dann bleibt er ahnunglos in einer schönen, neuen Welt oder aber er greift zur roten Pille, die eine Welt der Wahrheit und der Erkenntnis verheißt. Ein bisschen stellte der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky sein Publikum Anfang dieser Woche in seinem Vortrag „Gesellschaftliche Transformation – wohin führen uns die Megatrends“ vor diese Frage. Sven Gábor Jánszky war auf Einladung der Wirtschaftsjunioren (WJ) Kempten-Oberallgäu in die Allgäumetropole gekommen, um im Stadttheater über seine Sicht der Welt von morgen zu sprechen.

Der in Leipzig lebende Sven Gábor Jánszky ist als Trend- und Zukunftsforscher Leiter des unabhängigen europäischen Trendforschungsinstitut 2b AHEAD ThinkTank. Als Zukunftsforscher berät Jánsky europaweit Unternehmen bei Strategieempfehlungen zu Geschäftsmodellen der Zukunft. Zudem tritt Jánsky mit Vorträgen auf, die sich mit der Technologie von morgen beschäftigen, sei es u.a. in der Medizin, der Genetik, der Mobiltät, der Digitalisierung oder der Künstlichen Intelligenz. „Zukunft ensteht nicht zufällig“, so das Credo des derzeit sehr begehrten Redners, dessen Leitspruch es ist: „Der richtige Moment die Zukunft zu gestalten, ist jetzt.“ Seine Karriere begann Jánsky als ARD-Journalist. In fünf Jahren ist er dort u.a. Primetime-Moderator, Redakteur, Korrespondent und Chef vom Dienst gewesen. 

Full House

 Manuel Burkart, Kreissprecher der WJ Kempten-Oberallgäu, freute sich über viel Andrang beim Vortrag des Zukunftsforschers im Stadttheater, alle unteren Plätze im großen Saal waren restlos besetzt, und begrüßte Sven Gábor Jánszky als einen optimistischen Vertreter seiner Zunft.

Anything goes

Jánszky ist ein positiv denkender Mensch, kein Zweifler an der menschlichen Zukunft. Er hat drei Kinder, die er, wie er es selbst sagt, nicht hätte, würde er nicht an eine bessere Zukunft glauben. Allerdings seien nicht alle Menschen ähnlich froh gestimmt, wenn es darum geht, die sich aus der gegenwärtigen Realität entwickelnde Zukunft vorzustellen. Jánszky spricht hier von einer „Realitäts-Lücke“. Aus Sicht des Zukunftsforschers bringen in Wirklichkeit die Technologie-Entscheider der roten Gruppe die Menschheit voran und nicht die Verteter der blauen Gruppe, die stets das Neue fürchten und den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vorziehen. Er bezeichntet diese Gruppe als „Dichter & Denker” und führt Beispiele an, die zeigen, dass die zukünftigen technischen Errungenschaften das Leben der Menschen verbessern und dieses sogar bis zu einem Alter von 120 Jahren verlängern könnten. Wenn Jánszky von Unsterblichkeit spricht, prognostiziert er eine Wissensvermehrung im Bereich der Gen-Analyse, der Gen-Reparatur, der Ersatzteil-Organe und der medizinischem Ernährung, die u.a. dazu führe, dass Erkrankungen wie Krebs früher erkannt und vollständig geheilt werden könnten. Am Abend outet sich der stolze Besitzer eines Teslas auch als großer Anhänger der Elektromobiltät. In der zukünftigen Mobiltät sieht Jánszky Passagiere von autonom gesteuerten Mobilen, die sich anderen Dingen zuwenden können, als das Lenkrad zu halten. Diese Vision zu Ende gedacht, bedeutet für Jánszky, dass die Mobilität der Zukunft eher ein kostenfreier ÖPNV als ein motorisierter Individualverkehr mit fehlerhaften Fahrzeuglenkern sei. Wer diesen bediene, erfahre viel über die Vorlieben seiner Passagiere. 

Der Zweifel als Bremse

Grundsätzlich tritt der Trendund Zukunftsforscher der allgmein gültigen Meinung entgegen, der Mensch würde eher seinem Nächsten vertrauen als einer Sache. Im Gegenteil, so Jánszky, im Zweifel verlasse sich der Mensch lieber auf eine erfüllbare Erwartung wie z.B. der exakten Diagnose eines Magnetresonanztomographen, als der Einschätzung eines Arztes. Große Hoffnung beim technischen Fortschritt setzt der Leipziger Zukunftsforscher, der gerne mit dem Tesla nach Berlin pendelt, auf den Quantencomputer, der nach seiner Einschätzung in den Jahren nach 2020 Marktreife erreichen und die digitale Welt revolutionieren wird. Der Quantencomputer arbeite auf Basis der Quantenmechanik und verspreche in punkto Datenverarbeitung einen wahren „Quantensprung“. Mit der ausgefeilten modernen Sensorik werde es möglich sein, Milliarden von erfassten Daten in Echtzeit zu verarbeiten. So werden zukünftig unsere Gedanken in Echtzeit Prozesse steuern, verheißt der Zukunftsforscher. Der Akzeptanz das technisch Mögliche anzunehmen stehen seines Erachtens wir Menschen nur uns selbst im Weg, die wir seit Urzeiten zwischen den Chancen und Risiken einer Sache abwägen. Auf die Frage, ob es menschlich sei, das Leben des Menschen auf 120 Jahre zu verlängern, könne mit „Nein“ geantwortet werden, da dies weder normal, noch natürlich, noch menschlich sei. Dieselbe Frage könne aber durch andere Kriterien beurteilt werden. „Es gibt durchaus einen Nutzen für den Menschen, wenn sich sein Leben verlängert. Es entsteht kein unmittelbarer Schaden und Nebenwirkungen sind ebenfalls nicht zu befürchten“, erklärt Jánszky. Er moniert an diesem Beispiel, die „deutsche“ Herangehensweise an Fragen zur Technologie der Zukunft und empfiehlt die Sicht der Forscher aus dem Silicon Valley oder dem Reich der Mitte anzunehmen. 

Die Matrix

Alle Visionen des Trend- und Zukunftsforschers basieren auf der Idee einer permanten Erfassung und Verarbeitung von Echtzeitdaten und der Vernetzung von Computern und Maschinen (Industrie 4.0). Das setzt z.B. ein 5G-Netz als Standard zur Datenerfassung und Verbreitung voraus, ohne die u.a. autonomes Fahren nicht möglich sein wird. Die Präferenz von Regierungen für E-Mobilität liegt auch in deren höheren Kompabiltät mit einem digitalen Funknetz begründet. Es sei leichter eine E-Lok digital zu führen als eine Diesel-Lok. Jánszky stellt die Frage, wer Herr über diese Datenmatrix sein wird und spekuliert auf weltweit führende Unternehmen. Im Unterschied zum Filmklassiker stehen wir kurz davor, Teil einer allumfassenden Matrix zu werden, im Film ist die „Pill Scene“ die Befreiung aus derselbigen. 

Jörg Spielberg

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