Des einen Freud‘, des andern Leid

Die Karten für den Kemptener Stadtrat sind neu gemischt – auch drei neue Parteien spielen mit

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So sieht die Sitzverteilung im künftigen Stadtrat vorläufig aus.
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Das Ergebnis der Stadtratswahl 2020
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Anders als an bisherigen Wahlabenden, war es vergangenen Sonntag ein sehr überschaubarer Kreis an Mitgliedern der unterschiedlichen Parteien, die in der Feuerwehr die Auszählung der Kommunalwahl 2020 verfolgten.
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Gute Stimmung bei den Grünen.
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Eine enttäuschte Katharina Schrader von der SPD.
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Mit Abstand: die Freien Wähler warten ungeduldig auf die Ergebnisse.
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Lediglich die Stimmzettel zur Wahl des Oberbürgermeisters wurden per Hand ausgezählt und das Ergebnis bereits gegen 20 Uhr bekannt gegeben. Die WahlhelferInnen für die Auszählung der künftigen StadträtInnen hatten bestückt mit Scanstiften eine lange Nacht vor sich.
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Diesmal mit Schutzhandschuhen und Desinfektionsmittel: Die Kommunalwahl in Kempten.

Kempten – Herbe Verluste müssen CSU und SPD verdauen. Nach vorläufigem Auszählungsergebnis sind die Christsozialen in der kommenden Legislaturperiode mit vier Sitzen weniger im Stadtrat vertreten, die Sozialdemokraten sind von bislang sieben auf nur mehr vier abgerutscht.

An wen die beiden etablierten Parteien ihre Wähler verloren haben, wird wohl Spekulationen überlassen bleiben. Auch sind CSU und SPD nicht die einzigen Verlierer. Jeweils einen Sitz haben auch die Liberalen sowie UB/ödp eingebüßt. Jeweils zwei zusätzliche Sitze gehen an die Freien Wähler und die Grünen. Neu im Gremium sind ab Mai die AfD mit drei Sitzen, Future For Kempten (FFK) mit zwei Sitzen und die Junge Union mit einem Sitz.

Die Wahlbeteiligung für das Stadtgremium liegt bei 44.01 Prozent. Demnach haben 23.249 Wählerinnen und Wähler von insgesamt 52.821 Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben, 734 Wahlzettel waren ungültig (3,16 Prozent).

Die vorläufige proportionale Sitzverteilung (Stand 16. März 2020) im Überblick:

CSU: 12 Sitze; Freie Wähler-ÜP: 10 Sitze; Grüne: 8 Sitze; SPD: 4 Sitze; AfD: 3 Sitze; FFK: 2 Sitze; UB/ödp: 2 Sitze; FDP: 2 Sitze; Junge Union: 1 Sitz.

Wahl im Schatten von Corona

Den Wahlabend bestimmte aber vor allem das Corona-Virus. Nicht nur durch Andeutungen der drei Landtagsabgeordneten, die erste Hinweise auf die am Montagvormittag von Ministerpräsident Markus Söder verkündeten drastischen Maßnahmen lieferten. 

Corona-bedingt fielen auch sämtliche Wahlpartys aus – man traf sich nur im kleinen Kreis – und auch in der Feuerwehr fanden sich nur wenige kommunalpolitische Akteure ein, um die Auszählungsergebnisse mitzuverfolgen:

Gespanntes Warten bei FW

Strikt an das Abstandsgebot hielten sich dabei die Freien Wähler-ÜP am Sonntagabend bei ihrer Wahlzusammenkunft im kleinen Kreis. Obwohl schon feststand, dass der von den Freien Wählern unterstützte Oberbürgermeister-Kandidat Thomas Kiechle die Wahl für sich gewinnen konnte, wollte keine so rechte Stimmung aufkommen. Zu groß war die Anspannung, wie viele und wer von ihnen es denn nun in den Stadtrat schaffen würden. Fraktionsvorsitzender Alexander Hold, der auf Handy und Computer gleichzeitig tippte, um abwechselnd die verschiedenen Ergebnisse zu zeigen und mit Parteikollegen zu kommunizieren, zeigte sich zufrieden – auch mit dem, was die Freie-Wähler-Bürgermeisterkandidaten im Landkreis erreicht hatten. „Ich beneide niemanden, der jetzt in die Stichwahl muss“, sagte er angesichts der Maßnahmen zum Schutz vor dem Corona-Virus. Er freute sich aber trotzdem, dass Landratskandidatin Indra Baier-Müller jetzt Alfons Hörmann herausfordert.

SPD

„Wir können stolz sein auf das Ergebnis“, sagt Katharina Schrader. Eine Stichwahl wäre eine „tolle Sache“ gewesen, aber angesichts der Corona-Problematik wäre dies schwierig geworden, meint sie. Dass die Kemptener SPD dem negativen Bundestrend nicht gefolgt ist, freut all die SPD-Freunde, die sich am Sonntagabend im Café Zimmermann versammelt haben, um dem Ergebnis entgegenzufiebern. Dass der Stadtrat sich nun ganz neuen Herausforderungen gegenübersieht, davon ist Stadträtin Regina Liebhaber überzeugt: „Es werden viele Neue im Stadtrat sein.“ Enttäuscht zeigt sie sich, dass künftig ein paar Maßnahmen wohl keine Mehrheiten finden werden, wie etwa die Einführung eines Mietspiegels oder der Umgang mit dem Beginenhaus. Immerhin sei die Wahlbeteiligung etwas höher ausgefallen als das letzte Mal, so Stadtrat Lothar Köster.

Grüne

Gelöst und gespannt gleichzeitig verfolgten die Grünen am Wahlabend, wie nach und nach die Wahlergebnisse aus Kempten und dem Landkreis an der Leinwand im Haus International aufploppten. Es gab Sekt und Nachtisch, auf dem Tisch stand ein Blumenstrauß. „Gut ist die Stimmung!“, war der Tenor. OB-Kandidat Lajos Fischer (rechts im Bild) hatte letztendlich 17,29 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können. „Das ist das beste Ergebnis eines grünen OB-Kandidaten, das es jemals gab – und das als Nicht-Stadtrat“, freute er sich. Im Stadtrat werden künftig zwei Grünen-Räte mehr sitzen als bisher. Statt sechs sind es nun acht (Stand 16.3. Mittag). 

Dazu habe auch beigetragen, dass grüne Themen wie ÖPNV, Verkehrswende und Klimaschutz „ganz gut platziert waren“, fand Fischer. „Aber auch ohne OB-Posten werden wir dafür sorgen, dass diese Themen vorangetrieben werden“, war er sich sicher. Unser Foto, für das die Grünen trotz Corona kurz zusammenrückten, zeigt den gespannten Blick auf die Ergebnisse (auf unserem Foto v.l.) von Grünen-Kreisvorstandssprecherin Evelyn Lunenberg, Erna-Kathrein Groll, Thomas Hartmann, Gerti Epple, Barbara Haggenmüller, Gabi Heiling, die Vorsitzende von Haus International, sowie Johanna Fischer, Gattin des OB-Kandidaten Lajos Fischer.

In den Wahllokalen 

Desinfektionsmittel, feuchte Tücher und Handschuhe, auf denen Viren und Bakterien nicht lange überleben. So ausgestattet waren am Wahlsonntag die Wahlhelfer in den Kemptener Wahllokalen. „Die Kulis und Arbeitsflächen desinfizieren wir regelmäßig“, erklären die vier jungen Leute in der Fürstenschule. Eine junge Dame war schon bei der Europawahl dabei gewesen. „Damals waren definitiv mehr Leute im Lokal“, ist sie sich sicher, „doch diesmal haben ja viel mehr Briefwahl beantragt.“ 13.700 der 23.249 WählerInnen hatten ihre Wahlscheine schon im Vorfeld ausgefüllt und beim Wahlamt abgegeben. Im Jahr 2014 waren es in Kempten noch 9107 Briefwähler gewesen. Die hohe Zahl ist vor allem dem grassierenden Corona-Virus geschuldet, das viele Wähler zur Briefwahl veranlasste. Sehr unterschiedlich lange blieben die Wähler in den Kabinen, konstatierten die Wahlhelfer. „Bei den meisten sind es fünf Minuten, es gibt aber auch welche, die brauchen 15 Minuten“, erklärten sie. 

Alle Ergebnisse unter www.kempten.de

Christine Tröger/Susanne Lüderitz/Martina Ahr

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