Konzert mit Licht und Schatten

Bei Lisa Smirnova und dem dogma chamber orchestra treffen musikalische Welten aufeinander

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Hinterließen ein begeistertes Publikum: Die Pianistin Lisa Smirnova mit dem dogma chamber orchestra.

Kempten – Lisa Smirnova, die österreichisch-russische Pianistin, ist eine ebenso lebendig-sympathische wie erfahrene Musikerin, die sich auf dem Gebiet, das ihre Berufung und ihre Passion darstellt, auch in Worten so ausdrücken kann, dass sie ihr Publikum erreicht.

So erklärte die Pianistin in der Einführung vor dem siebten Meisterkonzert, das letzten Sonntag im Stadttheater stattfand, warum sie die Klavierkonzerte Bachs nicht auf einem Cembalo, sondern auf einem modernen Flügel spielt, den es zu Bachs Zeiten noch gar nicht gegeben hatte. Die Universalität von Bachs Musik hatte bereits den Komponisten selbst bewogen, oft nur vage vorzugeben, welches Instrument zu verwenden sei. In manchen Fällen, wie zum Beispiel der Kunst der Fuge macht Bach überhaupt keine Angaben, auf welchem Instrument seine Noten zum Klingen gebracht werden möchten. Also sei es doch legitim, Bachs Musik auf einem modernen Instrument zu spielen. Später im Konzert wird man hören, dass genau diese Universalität von Bachs Musik zwar über der Wahl des Instruments steht, aber nicht zwangsläufig über der Art, wie das Instrument gespielt werden sollte. Denn hier nun verfügt Lisa Smirnova mit dem modernen Flügel über ein Instrument, das zwar unzählige Möglichkeiten bietet, unter anderem aber auch die, sich von einer adäquaten Interpretation zu entfernen. 

Ein moderner Flügel ist äußerst vielseitig. Man kann darauf authentisch barock, klassisch, romantisch, modern, atonal spielen. Man kann darauf Klänge wie bei Rachmaninovs Klavierkonzerten erzeugen, die einen wie eine Axt erschlagen, aber auch die Töne eines Erik Satie, die auf Samtpfoten daherkommen und nur kurz fragen, darf ich stören, und wenn nicht, dann weitergehen, als wären sie nie dagewesen. Lisa Smirnova spielt Bachs Klavierkonzerte in F-moll und E-Dur so, dass die Universalität Bachs kaum zum Schwingen kommen kann. Sie legt viel Ausdruck in ihr Spiel, sie spielt mit vollem Körpereinsatz, der rechte Fuß über oder auf dem Pedal, ihr Kopf befindet sich nie vor ihrem Notenheft, sondern immer links oder rechts davon, meistens darunter, so dass man sie gar nicht hinter ihrem Instrument sehen kann. Ihre Mimik schwelgt in den höchsten Höhen und in den tiefsten Tiefen. Kann man so Bach spielen? Die Musik Bachs lebt von dem stetigen und gleichmäßigen Fortschreiten des musikalischen Stroms. Ihr Geist und ihre Universalität entsteht durch die klar strukturierte Überlagerung der kontrapunktischen Linien und entfaltet sich von innen heraus. Eine derart expressive Interpretation, wie sie Lisa Smirnova an den Tag legt, verhindert das Erkennen dieser Universalität. Genau so, wie Smirnova Bach spielt, müsste sie das Klavierkonzert von Schumann spielen, den sie anfangs als Beispiel eines Komponisten genannt hatte, der viel öfter gespielt würde als Bach, weil er einfach mehr hergäbe. 

Auch für Lisa Smirnova würde er mehr hergeben, ja man möchte sich wünschen, sie einmal mit Schumann zu hören. Kommen wir zum musikalischen Begleiter und Gegenspieler der Solistin dieses Abends, dem dogma chamber orchestra unter der Leitung von Mikhail Gurewitsch, der selber die erste Violine spielte. Würde man diese Musiker nur an den beiden Bachstücken messen, die Bilanz würde allzu schlicht ausfallen. Sei es, dass die Moskauer Schule (Smirnova) und die Petersburger Schule (Gurewitsch) im Zusammenspiel mit einem deutschen Komponisten nicht brillieren, sei es, dass sich das dogma chamber orchestra ganz einfach mit Smirnovas Auffassung von Bach schwertat: Vom Orchester kamen bei diesen beiden Stücken keine großen Impulse. Wie gut, dass der Abend mit Samuel Barbers dreisätziger Serenade für Streicher op.1 begonnen hatte, bei dem das dogma chamber orchestra bereits eine Marke gesetzt hatte, an der der weitere Abend gemessen wurde. 

Die ausgewogene Klangkultur des kleinen Streichorchesters brachte die Stärken von Barbers Stück voll zur Geltung. Es bot eine in sich schlüssige und schöne Darstellung eines klassisch aufgebauten Orchesterwerks mit modernem Anstrich, das harmonisch und formal aus der Musiksprache des 19. Jahrhunderts schöpft. Nach der Pause holte dann Mikhail Gurewitsch in seiner Anmoderation zu Schostakowitschs 24 Préludes op.34 durchaus unterhaltsam etwas weiter aus. Man erfuhr, dass seine eigene musikalische Entwicklung viel mit der Musik Schostakowitschs zu tun hatte. Beim folgenden op.34 handelt es sich um 24 Miniaturen für Klavier, die den Quintenzirkel in allen Dur- und deren parallelen Molltonarten durchlaufen und die – 1932 komponiert – bereits den gesamten musikalischen Kosmos eines der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts ankündigen. 

Von einem Schüler Schostakowitschs wurde eine Bearbeitung für Streichorchester eingerichtet, von der dreizehn Préludes und eines als spätere Zugabe gespielt wurden. Die Musiker machten in ihrem klaren und technisch brillanten Vortrag dieses Stück mit seinen vielen, ungemein spannenden melodischen, harmonischen und rhythmischen Wendungen zum Höhepunkt des Abends. Aber auch das letzte Stück, eine Suite in E-Dur des weitgehend unbekannten amerikanischen Komponisten Arthur Foote zeigte die Musiker als ein eingespieltes Orchester, das auch ohne Dirigenten auf höchstem Niveau Musik interpretieren und gestalten kann. Erwähnenswert ist noch die zweite Zugabe, ein Stück, das Mikhail Gurewitsch selbst geschrieben hat, und das mit einer nicht ganz ernst gemeinten Fuge unerwartet den Bogen von E-Musik zur virtuosen Unterhaltungsmusik schlug. Das Publikum war begeistert. 

Jürgen Kus

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