Freie Fahrt für Radfahrer

Konzertierte Aktionen: Future for Kempten, Fridays for Future & Omas for Future

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Zahlreiche Kemptner Bürgerinnen und Bürger fanden sich mit ihren Fahrrädern in der stark befahrenen Kronenstraße ein, um ein Zeichen für mehr Verkehrsberuhigung zu setzen.

Kempten – „Freie Fahrt für Radfahrer“ war das Motto einer Aktion der jungen Wählergemeinschaft „Future for Kempten“, die letzen Donnerstagnachmittag in der Kemptener Altstadt stattfand. Die Aktivisten sperrten für eine Stunde die Kronenstraße für den Autoverkehr. Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer hatten freie Fahrt. Etwa 30 Menschen aller Altersgruppen fanden sich mit ihren Fahrrädern in der stark befahrenen Kronenstraße ein, um ein Zeichen für mehr Verkehrsberuhigung zu setzen.

Das Ziel der Aktion war die Simulation eines neuen Verkehrskonzeptes in der Altstadt. Die Klimaschützer wollten damit zeigen, wie viel Platz für Fahrradfahrer*innen vorhanden wäre, wie mehr Sicherheit für Fußgänger*innen erzielt werden könne und auch wie ein ungehindertes Anfahren der Haltestellen durch Busse des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) möglich wäre, ohne die Behinderung durch Autos. Das Konzept sei eine nachhaltige Verkehrswende, ein Wandel von der Autodominanz hin zur autofreien Mobilität, erklärte Julius Bernhardt von „Future for Kempten“. 

Laut Bernhardt sei die Mobilitätsveränderung möglich, wie die Beispiele anderer Städte, etwa Hamburg-Ottensen, zeigen. Kritik komme vom Einzelhandel, die Geschäftsinhaber rechnen mit Umsatzeinbrüchen, sagte der Aktivist. Doch Studien über Städte mit verkehrsberuhigten Zonen vermitteln ein anderes Bild, die Umsätze steigen. Ein Hauptgrund dieser Entwicklung sei die Sicherheit, betonte Bernhardt. Die Menschen können flanieren, ohne auf vorbeifahrende Autos achten zu müssen. Zudem fördern verkehrsberuhigte Zonen die Entschleunigung und das Miteinander der Menschen, unterstrich Josef Böck vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC). Auch Bequemlichkeit sei ein entscheidender Aspekt, Fahrradfahren in der Stadt müsse durch entsprechende Rahmenbedingungen attraktiver und sicherer werden.

Ergänzend durch ein besseres Busangebotes des ÖPNV mit einer höheren Taktung, mehr Haltestellen und einer großflächigen Abdeckung könne die Bevölkerung zu einem Umdenken bewegt werden, betonte Thomas Heilig vom ADFC. Der öffentliche Nahverkehr müsse attraktiver werden. Das BusTicket 100 sei ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Dafür haben bereits 2400 Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme abgegeben, erklärte Josef Böck vom ADFC auf Nachfrage des Kreisbote

Die Wählergemeinschaft „Future for Kempten“, ein Zusammenschluss aus Kemptener Schüler*innen und Student*innen, die aus dem Umfeld der Initiative „Fridays for Future“ kommen, engagieren sich für eine nachhaltige Klimapolitik, für eine Verkehrswende und eine repräsentative Demokratie, in der alle Altersschichten ein Mitspracherecht haben, erklärten die beiden Klimaschützer Julius Bernhardt und Benny Gras den Teilnehmern. 

Die Mobilitätsaktion, die fast zeitgleich zur Stadtratssitzung stattfand, sollte den Stadträten aufzeigen, wie eine Verkehrswende in Kempten möglich wäre, so Julius Bernhardt. Auch der darauffolgende Freitag stand ganz im Zeichen des Klimaschutzes. Über 300 Menschen, jung und alt nahmen an einem Protestzug der Initiative „Fridays for Future“ teil. Die Demonstrierenden bewegten sich mit lautstarken Sprechchören durch die Kemptner Altstadt, über den Hildegardplatz bis hin zum Rathausplatz. Die anschließende Kundgebung eröffnete freudestrahlend Benjamin Gras, denn sie feiern Jubiläum. Seit fast genau einem Jahr streiken die jungen Klimaschutzaktivisten für mehr Klimaschutz. Seitdem sei viel passiert, so Gras. Sie haben an Stadtratssitzungen teilgenommen, eine Aktion „Müll sammeln“ durchgeführt, waren bei der Großdemo in Aachen und besuchten den Sommerkongress in Dortmund. 

Doch ein besonderes Highlight sei für ihn die Kandidatur bei der Stadtratswahl. So konnte ihre Wählergemeinschaft „Future for Kempten“ die notwendigen 340 Stimmen für die Nominierung erreichen. Es sei die erste Hürde geschafft, betonte Gras, doch nun beginne der Wahlkampf und dafür brauchen sie monetäre Unterstützung, die sie sich durch Spenden erhoffen. 

Verschiedene Redner und Rednerinnen unterschiedlicher Initiativen gaben den Teilnehmer*innen zahlreiche Informationen zu Klimaschutz, -veränderungen und mögliche Auswirkungen. So etwa Dr. Timo Körber von „Scientists for Future“. Der menschengemachte Klimawandel sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen, beschrieb Körber die aktuelle Situation. Es müsse CO2 eingespart werden, um die Erderwärmung zu begrenzen. Mit der Natur kann man nicht verhandeln oder Kompromisse schließen. Es brauche radikale Klimaschutzmaßnahmen, wie die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien, eine unbequeme Verkehrswende und einen Kohleausstieg in wenigen Jahren. „2030 ist eine Lachnummer, ebenso der Startschuss für das neue Steinkohlekraftwerk Datteln IV“, erregte sich Körber. Er plädierte für einen neuen Masterplan der Stadt Kempten mit neuen Maßnahmen, um bereits 2035 die Klimaneutralität zu erreichen. Zudem forderte er viel weniger Autos, viel weniger tierische Produkte und viel weniger Konsum. „Es gibt kein Menschenrecht auf gedankenlosen Konsum.“ 

Leidenschaftliche Unterstützung erhielten die jungen Klimaschützer*innen auch von der Gruppe „Omas for Future“. Cordula Weimann, die Gründerin, appellierte an die ältere Generation, die jungen Menschen aktiv im Klimaschutz zu unterstützen, für die Natur und für unsere Kinder einzutreten. So sei die Generation 50plus die größte Wählergruppe. Ihr Einfluss und Verhalten könne viel bewirken, erklärte die Aktivistin. Ihr langfristiges Ziel sei Bewusstsein im Alltag für ein Leben im Einklang mit der Natur zu schaffen, für unseren Planeten und die Zukunft unserer Kinder.

Christine Reder

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