„Zukunftsmaschine Allgäu 2030“ mit Bundesminister Dr. Gerd Müller in Oberdorf

Kreative Konzepte für Bauen und Wohnen gefragt

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Wie wollen wir künftig Wohnen und Leben? Eine der Fragen, die unter anderem an Thementischen der „Zukunftsmaschine Allgäu 2030“ diskutiert wurde.

Waltenhofen/Oberdorf – Nach dem Themenkreis Kunst und Kultur, hat Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die zweite Ausgabe der „Zukunftsmaschine Allgäu 2030“ einem Thema gewidmet, das die individuelle Wahrnehmung von Lebensqualität stark beeinflusst: „Bauen, Wohnen, Leben – neue nachhaltige Konzepte“.

Zahlreiche vor allem Bürgermeister, Planer und Handwerker waren seiner Einladung in den von der IG OMA zur Förderung der dörflichen Entwicklung betriebenen „Bahnhof Martinszell“ in Oberdorf gefolgt, um aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus zu diskutieren. Dass ausgerechnet der Gastgeber schon bald nach seinem Impulsreferat wieder von Dannen eilen musste, tat der Sache keinen Abbruch. Insgesamt mahnte er mehr Offenheit, Kreativität und Toleranz bei Baugenehmigungen an. Öffentliche Bauten würden Akzente setzen, die auch den privaten Bau „ein Stück weit prägen“, siehe Inselhalle in Lindau, die Frage „darf man in Kempten so ein Hotel bauen“ und im Stadtpark „Dieses oder Jenes“ oder in Oberstdorf, „wo sie zehn Jahre diskutieren“, ob und wie man das Rathaus in der Dorfmitte neben der Kirche gestalten müsse und dürfe. Die Zukunft sah Müller darin, neues Bauen und altes Denken zusammenzubringen und auch die Einmischung der Bürger, also „von unten“, müsse möglich sein.

Oberdorf erinnerte ihn an das Dorf, in dem er aufgewachsen war. Da „ist keine Post mehr da“, kein Laden mehr, keine Bank, kaum noch Bauern... keine Bürgermeister und auch kein Pfarrer mehr und „man fragt sich manchmal schon, ist das alles besser geworden“. Und was soll mit den Gebäuden, den Bauernhäusern, Scheunen und, nicht zuletzt, den Dorfkernen geschehen? Gerade bei der Umnutzung von leer stehenden Bauernhöfen „müssen wir ein bisschen offener werden“. Seines Erachtens gelte es auch die Dorfkerne zu erhalten, statt „zerfallen lassen“ und dann nur noch Wohnsiedlungen bauen – „was leider 20 Jahre in vielen vielen Gemeinden der Trend war“ – und einfach alles, was grüne Wiese sei „zu nutzen, zu verdichten hochzubauen“. Da sehe er auch „viele Sünden“ in der Stadt Kempten. Ein gutes Beispiel dafür, Dorfkerne vor Leerstand und Ödness zu bewahren, sah er in den Aktivitäten der IG OMA. Um den Bürgern mehr Rechte einzuräumen, unter anderem in Bezug auf die Neigung von Dachziegeln, habe man auch das Bundesbaugesetzt verändert, denn wer mehrere 100.000 Euro investiere, „sollte auch eine Möglichkeit haben, sich kreativ zu verwirklichen“. Es sei geboten, attraktiven, bezahlbaren Wohnraum anzubieten, dass junge Menschen in der Region bleiben oder zurückkommen.

Bevor es an den großen Austausch ging, referierten Johann Huber, Präsident des Amtes für ländliche Entwicklung Schwaben über „Zukunft des Bauens im ländlichen Raum – moderne Dorfentwicklungskonzepte“, Franz G. Schröck, Geschäftsführer architetekturforum allgäu, zum Thema „Baukultur trägt zur regionalen Identität des Allgäus bei“ und Mario Dalla Torre, Vorstand Bau- und Siedlungsgenossenschaft (BSG) Allgäu über „Bezahlbare Familien- und generationengerechte Bau- und Wohnkonzepte“.

Aus den Ergebnissen der Thementische

• „Architektur und Charakter – Auf der Suche nach dem ‚Allgäuer Baustil’“: Es gibt heute „zu viele Vorgaben“, aber auch nur „wenig Qualitätsbewusstsein“ bei Bauherren wie Entscheidern. Alte Gebäude sollten umgebaut und nicht abgerissen werden. Gefragt ist eine „ortstypische“ Bauweise. Neben dem Wunsch einen Orientierung gebenden Kreisbaumeister einzusetzen, soll auch analysiert werden, welche Bauformen etc. verwendet werden können und dürfen und auch „Musterentwürfe“ für den Umbau von Bauernhöfen wurden gewünscht.

• „Lebensraum gestalten – Die Bedeutung von Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklungskonzepten“: Hier wurde der Ruf nach Berücksichtigung auch „nichtmaterieller“ und „Kultureller“ Werte laut sowie nach einem „roten Faden“. Mit fachlicher Hilfe sollten Strategien entwickelt werden, die nur wenige Gemeinden hätten, dafür umso verbreiteteres „Turmdenken“.

• „Wohnen in der Gemeinschaft – Neue Wohnkonzepte für den demographischen Wandel“: Gefragt seien Wohnkonzepte für den demographischen Wandel, die den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden. „Wir haben Alten- und Eigenheime“, bräuchten aber „Zwischenmodelle“ mit passender Infrastruktur, wie zum Beispiel einen „mobilen Supermarkt“.

• „Partizipation bei Bauprojekten – Bürgermitwirkung macht Sinn“: Bedauert wurde dass es „immer weniger Bereitschaft“ für Gemeinsinn und Ehrenamt gebe, dagegen mehr Gewinnorientierung. Zudem würden viele Auflagen ein Engagement erschweren. Unter dem Stichwort „Seelenschutzräume“, wurde das Bedürfnis nach Bauen formuliert, bei dem es „nicht nur um den Baukörper“ sondern auch das Drumherum geht. Bürger sollten dabei vor Beschlüssen in die Prozesse eingebunden werden. Betont wurde ein heute „anderes Heimatbild“, das sich nicht nur auf die paar Meter des Areals „zwischen Haus und Thujahecke“ beschränke.

• „Hand in Hand bauen – Bauherr, Planer und Handwerker im Trialog“: Aufgrund der hohen „Komplexität, die wir nicht mehr überblicken“, wüssten wir nicht mehr „was wir tun“, zum Beispiel im Energiebereich. Respekt, Miteinander, gute Ausbildung, Menschlichkeit und Teamwork, seien nötig für „Hausverstand“ und Nachhaltigkeit. 

Christine Tröger

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