Eindeutig uneindeutig

Krešimir Crash Vorich liebt das Spiel mit dem Vagen 

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Kann man heranziehen, muss man aber nicht: # quantummoment # goethecolour und # ghosts sind die Begriffe, die Krešimir Crash Vorich den Besuchern zu „Shortly before“ anbietet.

Kempten – Eine Liebesszene? Vergewaltigung? Eine gespaltene Persönlichkeit? Oder Waldgeister? Eine Gestalt scheint die andere gegen eine Glasscheibe zu drücken. Die unsichtbare Wand trennt die beiden vom Betrachter. Sie pressen ihre Hände dagegen. Weit aufgerissen ist der Mund der vorderen Figur. Statt der Augen sind da nur schwarze Höhlen. Nach hinten gerichtete Schlieren, Stirnfalten und spitz zulaufende Augen verleihen dem hinteren Wesen etwas Dämonisches. Stark die Spannung durch den Kontrast zwischen Schwarz und Weiß.

„Flowback Motion“ heißt das Gemälde und gehört einer Serie von Bildpaaren an, die Künstler Krešimir Crash Vorich derzeit im AÜW Infocenter Stadtsäge ausstellt. Sein Pendant ist das an Fotografien erinnernde Negativ des Bildes. Die Farben sind umgedreht. Noch größer scheint hier die Dramatik der Szene, die Figuren noch dämonischer.

Aber nicht bei allen der Doppelbilder steigert sich die Intensität. Es ist verblüffend, wie bei manchen sich die Wirkung auch komplett umdreht. „Wie ist das Ergebnis, wenn ich alles auf den Kopf stelle?“, hatte sich Vorich gefragt, bevor er anfing, mit Positiv und Negativ zu spielen.

Speziell ist, dass er in Öl auf Leinwand zunächst das Negativ anfertigt, um es zu fotografieren, zu spiegeln, ein Positiv daraus zu machen und das dann zu drucken. Gemeinsam ergänzen sich die beiden Ausführungen und regen an, die Dinge auch im eigenen Leben zu hinterfragen. Ist es vielleicht gar nicht schwarz, sondern weiß?

Aber Vorich, dessen Beiname „Crash“ aus der kroatischen Aussprache seines Vornamens entstanden ist, geht noch weiter. In „Ghosts of the Holy Woman“ verschiebt er das Farbspektrum und vermischt zusätzlich Positiv und Negativ. Lila und Gelb, wie Vorich sagt die Grundfarben nach Goethes Farblehre, dominieren hier. Zusammen mit einer grazilen Frauengestalt und ihrem luftigen, wallenden Gewand strahlt das Bild eine Leichtigkeit aus, die im Gegensatz zu den schwarz-weiß-Kompositionen zu stehen scheint. Am Computer verfremdete und bearbeitete Vorlagen dienen Vorich stets als Grundlage. „Das ist ein Prozess“, erklärt er, „selbst beim Malen nehme ich noch Änderungen vor.“

Und als Assoziationen gibt der Künstler den Betrachtern Hashtag-Begriffe zu jedem Bild. Hier sind es #earthless, #loveanddeath und #feeling. „Ich wähle immer englische Begriffe und Titel, die sind mehrdeutiger.“ Hammer und Sichel, eine Jesus-Figur, splitterndes Glas: Auch das Spiel mit Symbolen eröffnet viele Deutungsebenen. Vor allem in den drei surrealistisch angelegten großformatigen Gemälden spielen Symbole genauso wie die Bildkomposition eine große Rolle. Die erst 2018 entstandenen „Fall of Men“ und „The Sentinel“ greifen die MeToo-Debatte auf. Groß und stark sind hier die Frauenfiguren vor explodierenden Früchten in Szene gesetzt.

Wie Dalì oder Arp glaubt Vorich an das kollektive Unterbewusstsein, aus dem die Künstler schöpfen. „Ich fühle mich jedes Mal so, wenn ich male“, sagt er und betont die direkte Wirkung der surrealistischen Gemälde zum Unterbewusstsein.

Eine Ausstellung, die Spaß macht. Bis Freitag, 4. Mai ist sie im AÜW Infocenter Stadtsäge noch geöffnet. Montag bis Donnerstag können sich die Besucher dort von 8 bis 15.30 Uhr ihren Assoziationen hingeben, am Freitag von 8 bis 11.30 Uhr. Am Donnerstag, 3. Mai hat die Ausstellung zusätzlich von 19 bis 21 Uhr ihre Tore geöffnet. An diesem Abend ist der Künstler selbst anwesend.

Susanne Kustermann

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