Zwei ehemalige Gärtner des Klosters Lenzfried erinnern sich an ihre Klosterzeit

"Fast bis ganz zum Schluss"

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Im einst nur den Klosterschwestern vorbehaltenen Gemeinschaftswohnzimmer werden bei Kurt Schweidler (links), 38 Jahre lang Gärtner im Kloster Lenzfried, und seinem Nachfolger Johann Gutschmidt (rechts) viele Erinnerungen an alte Zeiten wach.

Kempten – Aufstehen 5.30 Uhr, sechs Uhr „Brevier“ – das Morgengebet, 6.30 Uhr Gottesdienst, sieben Uhr Frühstück, danach die jeweiligen Aufgaben wie Unterrichten, Küchen- oder Speisesaaldienst, Stall, Waschküche und vieles mehr.

Rund fünf Jahre ist es inzwischen her, dass der benediktinische Grundsatz „ora et labora“ – bete und arbeite – auch das Leben der „Armen Schulschwestern“ im nun ehemaligen Kloster Lenzfried bestimmte. Der Kreisbote hat sich Ort umgeschaut, was davon geblieben ist. 

Die zum Schluss nurmehr sechs dort lebenden Schwestern haben das Kloster im Frühsommer 2009 endgültig verlassen. Auf dem einstigen Gelände des Klostergartens stehen die ersten Rohbauten einer Wohnbebauung – Vorboten eines neuen Abschnitts auf dem geschichtsträchtigen Gelände. Das denkmalgeschützte Haupthaus wird teilweise von Kemptener Schulen genutzt. Nur in der ersten Etage scheint die Zeit still gestanden zu haben. Dort zieren im einstigen Gemeinschaftswohnzimmer der Schwestern sogar noch kleine Spitzendeckchen den Tisch in der Ecke mit Polstermöbeln. Darauf steht ein Strauß frischer Blumen. Zumindest optisch frisch, so wie die im kleinen Beet am großen Fenster. Plastik macht’s möglich. 

Früher war das natürlich anders. Da war es eine der zahlreichen Aufgaben von Kurt Schweidler, der 1966 als Gärtner in die Dienste des Klosters getreten war, „einmal im Monat frische Blumen am Fenster zu pflanzen“. Aber damals lebten noch 48 Schwestern auf dem Klostergelände, dazu rund 200 Internatszöglinge plus Lehrlinge der landwirtschaftlichen Hauswirtschaft, Hühner, Schweine, circa 60 Stück Vieh und das St. Anna-heim mit Garten wurden ebenfalls noch betrieben. 

 Schwund auf Raten 

38 Jahre hat er hier als Gärtner verbracht, bis zur Pensionierung 2004 – die Plastikblumen am Fenster gab es da schon. „Als ich hier angefangen habe, waren sie noch totale Selbstversorger“, erinnert er sich beim Rundgang mit dem Kreisboten, dass über die Jahre „alles immer weniger wurde“: weniger Schwestern, weniger Landwirtschaft, weniger Strenge... Schließlich Auflösung des Internats und am Ende des Klosters. Verschwunden seien irgendwann – wann genau, daran kann er sich nicht mehr erinnern – auch die morgendlichen Schwestern-Gottesdienste in der Kapelle. Diese fanden statt, „so lange die eigenen Hauspfarrer noch hier waren“, meist zugleich Religionslehrer, deutet er auf das ehemalige Pfarrhaus nebenan. Vor allem im Gedächtnis geblieben ist ihm da ein gewisser Pankraz Schmied. Ein „ganz besonderer Mensch“, der besser als „P.S.“ bekannt und besonders bei der Jugend sehr beliebt gewesen sei. 

Unter ihm sei die Klosterkapelle zum „Heiratsparadies von Lenzfried“ avanciert, auch weil viele seiner „ehemaligen Schülerinnen von ihm getraut werden wollten“. Manchmal hätten drei Hochzeiten an einem Samstag stattgefunden. Schweidler und sein Nachfolger Johann Gutschmidt, der noch heute im und um das Kloster nach dem Rechten sieht, zählen zu den wenigen männlichen Personen, die zu Klosterzeiten das erste Geschoss des Haupthauses betreten durften. Denn vor allem für Männer „war der erste Stock tabu“, betont der langjährige Gärtner. Auf der Etage sind kleine, spartanisch möblierte Einzelzimmer der Schwestern wie eingefrorene Waben entlang des endlos scheinenden Flures eingefügt; dazwischen Nähzimmer, der Toilettenraum mit mehreren Kabinen, Gemeinschaftsbäder, geleerte Regale in der Bibliothek, eine „kleine“ Küche, die am Ende für die wenigen Schwestern ausgereicht habe. 

Getrennte Tische 

Der Mittagstisch sei für die Schülerinnen und Schwestern getrennt gewesen, erzählen die beiden. Gegen 12 Uhr mittags habe es „fast bis ganz zum Schluss“, wie Gutschmidt sich erinnert, an der so genannten „Bettlerpforte“, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte und gut angenommene „Bedürftigenspeisung“ gegeben. Dafür habe ein kleiner, separater Essensraum gedient. Angesichts der vielen Münder, die es zumindest über viele Jahre im Kloster zu „stopfen“ galt, wundert es nicht, dass Schweidlers täglich „erster Gang morgens um sieben in die Küche führte“, um die „Bestellung“ der aus dem Garten benötigten Kochzutaten zu erfahren. Eine unter den wahrlich vielfältigen Gärtnertätigkeiten „sehr wichtige“ Aufgabe sei im Sommer das Gießen des riesigen Gartens und des Friedhofs gewesen. Gutschmidt erinnert sich auch noch bestens an das Pikieren von „über 1000 Begonien“, oder dass beim Schneeräumen „alle zusammenhelfen mussten“, um die großen Flächen zu bewältigen. Besonders gern blickt Kurt Schweidler auf die beiden immer über drei Meter hohen, mit „roten Kugeln und Strohsternen“ geschmückten Christbäume zu Weihnachten in der Kapelle des Klosters zurück. 

Oder an den Fasching, der „immer ganz toll gefeiert wurde“, erst mit den Schülerinnen, dann weiter „unter sich“ in der Küche mit musikalischen und anderen Einlagen, schmunzelt er. Oder an Fronleichnam, zu dem um fünf Uhr in der Früh mit dem Legen des von Schwester Elekta entworfenen Blumenteppichs für den Gottesdienst um neun Uhr begonnen worden sei. „Das war für mich hier keine Arbeit. Das war super und hat einfach Spaß gemacht“, spricht Gutschmidt offensichtlich auch seinem Vorgänger Schweidler aus der Seele.

Christine Tröger

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