Fahrsicherheitstraining beim ADAC

Im Schleudergang über den Asphalt

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Mit einem Impuls auf die Hinterachse wird der Fahrer bei der „Dynamikplatte” mit dem Ausbrechen des Wagens konfrontiert. Durch ein Bremsen oder schnelles Gegenlenken sollte das Fahrzeug wieder in die Spur gebracht werden, um ein Schleudern zu verhindern.

„Jetzt will ich eine g’scheide Vollbremsung sehen!“ schallt es aus dem kleinen Funkgerät, das an mei nem Sicherheitsgurt befestigt ist. Mit 50 km/h fahre ich auf die beiden Pylonen zu, die jeweils links und rechts von der Fahrbahn aufgestellt sind.

Als ich sie erreicht habe, drücke ich gleichzeitig und mit aller Kraft Kupplung und Bremse, dann fängt mein Auto an zu rutschen, die Bremsen rütteln und die Reifen schleifen über den Belag. Und nach mindestens 20 Metern stehe ich schließlich. Es ist mein erstes ADAC-Fahrsicherheitstraining. Gemeinsam mit elf anderen „Jungen Fahrern“, keiner älter als 25, teste ich den ganzen Samstag über die eigenen Grenzen und die Grenzen unserer Autos. 

Es ist 8 Uhr morgens, als ich das ADAC-Fahrsicherheitszentrum in Kempten betrete. Dort werde ich in Seminarraum 4 geschickt, die Treppe hoch, den linken Gang entlang, letzte Tür rechts. Während der Vorstellungsrunde wird schnell klar, dass wir fahrzeugtechnisch eine bunte Gruppe sind: vom 1er BMW bis zum Renault Clio ist alles dabei. Was unsere Autos für eine Ausstattung haben, will Fahrsicherheitstrainer Martin wissen. ABS? ESP? ASR? Teilnehmer Wolfgang ist ehrlich: „Ich habe keine Ahnung.“ Mir geht es genauso. ABS müsste mein C1 aber schon haben. „Na, das wird sich später zeigen“, freut sich Martin. Dann geht es ins Freie auf das Trainingsgelände. 

Unsere Aufgabe: „Slalom um die Pylonen“, wie Martin stolz verkündet. Schon seit mehreren Jahren arbeitet er für den ADAC als Trainer. Bunt gemischt seien seine „Schüler“ bis dato gewesen, neben einer über 80-Jährigen habe er auch eine Gruppe Ärzte trainiert. Wir steigen also wieder in unsere Autos ein. Martin fährt voraus, wir der Reihe nach hinterher. Erst rechts um das orangene Hütchen, dann links herum. Mit bis zu 40 km/h schlängeln wir uns über die Fahrbahn, jeder darauf konzentriert, möglichst keinen Pylon umzufahren. Nach ein paar Runden liegen aber doch zwei umgekippt auf dem Boden. „Hat wohl einer die Kurve nicht rechtzeitig gekriegt“, denke ich mir. Martin beobachtet das Geschehen vom Fahrbahnrand aus, gibt uns über das Funkgerät Anweisungen. Die meisten „lümmeln“ gemütlich in ihren Sitzen, lenken mit nur einer Hand. Auch ich gehöre dazu. Das soll sich nach einer Zwischenbesprechung in der nächsten Runde ändern. Also drehe ich an dem kleinen Rädchen rechts am Sitz, stelle ihn möglichst senkrecht ein und umgreife mit beiden Händen mein Lenkrad, wie ich es vor über fünf Jahren in der Fahrschule gelernt habe. Dann geht’s erneut los, den Blick auf den letzten Pylon gerichtet, mein „Zielpunkt“, wie Martin erklärt. Und tatsächlich fahre ich in der nächsten Runde in engeren Kurven um die Hütchen, brauche einen kleineren Radius und fühle mich sicherer. Kurven fahren wir noch viele an diesem Tag. So auch auf der kreisförmigen Bahn. Umzingelt von kleinen Düsen wird die Fahrbahn extra bewässert, damit es richtig schön rutschig ist. Am hinteren Fahrbahnrand soll eine Tafel mit großen roten Zahlen unsere Geschwindigkeit anzeigen. Aber mit nur im-Kreis-fahren ist es nicht getan. Martin hat sich einen Parcours ausgedacht. 

Während das Wasser langsam über den Belag plätschert, rutschen wir erst einmal skeptisch mit unseren Füßen über den Untergrund. „Ui, ist das rutschig“, wird in die Runde gerufen. Dann geht es auch schon los. Diesmal einzeln, die anderen schauen von sicherer Entfernung aus zu. Ich bin als fünfte an der Reihe. Einen Beifahrer habe ich diesmal auch dabei. Er hält das Funkgerät vor meinen Mund. Denn: Als Sonderaufgabe muss ich während dem Parcour noch Fragen beantworten, die mir Teilnehmerin Elli über das Funkgerät zuruft. Ich fahre also langsam an, nach drei Metern wird der Untergrund glitschig. Mit nur 24 km/h wage ich mich über den Asphalt und hoffe, dass ich nicht zu rutschen beginne. „Buchstabiere dein Sternzeichen rückwärts!“ „Ääääh...G-N-I-L-L-I-W-Z.“ Lenken und Gas geben nicht vergessen. „Bist du Single will hier jemand wissen?“ Diese Frage ist wenigstens einfach zu beantworten. Mittlerweile bin ich beim Vorwärts einparken angekommen. Also manövriere ich mein Auto zwischen die beiden Pylonen, bleibe kurz stehen. Als ich zum Schalthebel greife und den Rückwärtsgang einlegen will, kommt schon die nächste Frage. In den folgenden Sekunden nenne ich also meine Handynummer, mein Geburtsdatum und das Geburtsdatum meiner Eltern. Dann noch einmal meine Handynummer. Währenddessen fahre ich vorsichtig eine zweite Runde im Kreis, bevor noch eine Gefahrenbremsung folgt. Geschafft. 

Rutschige Ausweichmanöver 

Noch nässer wird es bei der nächsten Übung. Auf rutschiger Fahrbahn sollen wir zunächst einem Hindernis ausweichen und anschließend wieder in die Spur zurückfinden. Das Hindernis: eine Wasserfontaine. Der Haken: wir wissen nicht, auf welcher Seite der Spur das Wasser aus dem Boden schießen wird. Mit einer gewissen Portion Unsicherheit fahre ich mit rund 40km/h auf den nassen Belag zu und blicke konzentriert nach vorn, fokussiere abwechselnd den linken und rechten Fahrbahnrand, gespannt, auf welcher Seite mein Hindernis auftauchen wird. Wenige Meter vor der Düse schießt dann plötzlich auf der linken Seite der Spur das Wasser etwa drei Meter in die Höhe. Ich lenke schnell nach rechts, merke wie mein Auto zu rutschen beginnt und lenke wieder dagegen. Ohne zu bremsen bin ich zu flott unterwegs und fahre also frontal in die Fontaine. Das Wasser spritzt wie bei Platzregen auf meine Windschutzscheibe. Wenige Sekunden später stehe ich wieder im Trockenen. Ich betätige meinen Scheibenwischer und habe wieder bessere Sicht. Das üben wir noch einmal. Nochmal von vorn. 

Schleuderspaß auf der Dynamikplatte 

Ich umklammere mit beiden Händen fest das Lenkrad, drücke die Kupplung und plötzlich zieht es mir das Heck meines Autos nach rechts weg. „Lenk, lenk, lenk!“ ruft mir mein Funkgerät alias Trainer Martin zu. Ich lenke also bis zum Anschlag gegen, dann wieder etwas nach rechts und versuche auf die gerade Spur zurück zu kommen. Ich bin auf der „hydraulischen Dynamikplatte“ angekommen – unter Schülern auch als „Schleuderplatte“ bekannt. Und die Platte macht ihrem Namen alle Ehren, wie ich später auf Schwierigkeitsstufe 4 hautnah erfahre, wenn ich in meinem Auto auf dem nassen Asphalt fröhliche Pirouetten drehe. Aber immerhin schaffe ich es bis einschließlich Stufe 3 mein schleuderndes Gefährt in den Griff zu bekommen. Ein tolles Gefühl. Mit einem Zertifikat sowie einem ADAC-Glückskeks in der Hand und einem Siegerlächeln im Gesicht geht es nach acht Stunden Fahrsicherheitstraining schließlich nach Hause. „Denkt daran, dass jetzt wieder die Verkehrsregeln gelten“, scherzt Martin. „Wenn ihr orangene Pylonen seht, dann bitte nicht Slalomfahren, das ist dann eine Baustelle.“  Lea Stäsche

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