Pflegeeltern gesucht

Selbstständig und doch schutzbedürftig

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Bei einem Begegnungsspiel sollen sich die Zuhörer und möglichen Pflegeeltern im Pfarrzentrum „St. Afra“ in Betzigau geordnet nach ihrem Wohnort aufstellen. Diese Spiele werden auch oft mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gespielt, um das Kennenlernen zu erleichtern.

Betzigau – Sie sind 15 bis 18 Jahre alt, getrennt von ihren Familien und haben oft Furchtbares erlebt: die so genannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Auch im Oberallgäu steigt ihre Zahl stetig. Deswegen ist man auf der Suche nach Pflegeeltern. 

Das Kreisjugendamt Oberallgäu informierte kürzlich Interessenten für diese Aufgabe im Pfarrheim Betzigau.

Das Interesse war viel größer als erwartet. Eigentlich hatten die Organisatoren mit rund 15 Personen gerechnet, doch erschienen waren über 40 Zuhörer. Ingrid Schneider, Leiterin des Kreisjugendamts Sonthofen, sprach über die aktuelle Situation: „Zirka 850 Asylbewerber leben derzeit im Oberallgäu überwiegend in dezentralen Unterkünften.“ Der Landkreis rechne bis Ende des Jahres mit weiteren 500 Flüchtlingen.

Laut einer Prognose würden bis Ende 2015 etwa 300 unbegleitete Minderjährige im Oberallgäu wohnen. Ursprüngliche habe man mit nur 43 ausländischen Jugendlichen ohne Eltern gerechnet. Von der Nationalität her seien momentan Eritreer und Afghanen in der Mehrheit. „Unbegleitete Minderjährige werden oft von ihren Familien geschickt“, erklärte Schneider. „Sie fallen hier unter das Kinder- und Jugendlichengesetz.“

Aufgabe ihrer Behörde sei die Inobhutnahme dieser jungen Menschen, sagte Marianne Hillenbrand vom Oberallgäuer Kreisjugendamt in Sonthofen. Falls der Flüchtling minderjährig ist, werde sein Gesundheitszustand untersucht und überprüft, wo es einen Platz für ihn gibt. „In manchen Kommunen ist die Kapazität schon überschritten“, berichtete Hillenbrand. „Danach macht das Jugendamt eine Mitteilung ans Familiengericht.“ Nach etwa zwei Monaten fänden dann so genannte Hearings statt. In diesen Anhörungen würden die unbegleiteten Minderjährigen zu ihrer Schulbildung, Familiengeschichte, ihren Lebenszielen und ihrem Gesundheitszustand befragt.

„Danach schaut man nach Möglichkeiten, wie der unbegleitete Minderjährige Sprachkurse belegen, Kontakte zu anderen und einem möglichen Vormund knüpfen kann“, so Hillenbrand. Neben der Heimunterbringung gebe es die Möglichkeit der Vollzeitpflege in einer Familie. Die potentiellen Pflegeeltern müssten sich jedoch erst in die Thematik einarbeiten und einen Kurs belegen, erläuterte Doris Böck vom Fachdienst Pflege des Kreisjugendamts Oberallgäu.

„Im Endeffekt ist die Persönlichkeit der Erwachsenen entscheidend, ob sie als Pflege- mutter beziehungsweise Pflege-vater geeignet sind“, so Böck. Die Pflegeeltern seien auf unbestimmte Zeit für die unbegleiteten Minderjährigen zuständig. „Es geht darum zu überlegen, was der Jugendliche braucht“, betonte Andreas Lammel vom Kreisjugendamt Oberallgäu. „Der Spracherwerb geht hoffentlich sehr schnell, damit man über das Thema Ausbildung reden kann.“

Ab Oktober biete das Oberallgäuer Kreisjugendamt für mögliche Pflegeeltern einen mehrtägigen Kurs zur Vorbereitung an. „Dafür brauchen wir von Ihnen ein Führungszeugnis und ein ärztliches Attest, dass Sie fit sind“, so Lammel. „Wir brauchen Leute, die Zeit haben, da der Tagesablauf der unbegleiteten Minderjährigen oft noch nicht so strukturiert ist“, verdeutlichte Katrin Hogner, die beim Kreisjugendamt Oberallgäu für die Fachdienstpflege Kinderwesen zuständig ist.

„Nicht jeder Flüchtling ist traumatisiert, so dass er oder sie eine engmaschige Begleitung braucht“, sagte Carolin Krug, Gruppenleiterin des „Kaiserhauses“ in Immenstadt. Doch die betroffenen Kinder und Ju-gendlichen hätten zum Teil schlimme Dinge erleben müssen. „Sie sind oft sehr selbstständig, da sie in einer schwierigen Zeit alleine waren, und andererseits schutzbedürftig.“

Franziska Kampfrath

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