Wenn böse Häuser beißen

Krimi-Autorin Nicola Förg erzählt im Interview von ihrem neuen Alpen-Krimi, spricht über das Wohnen und Leben – und systemrelevante Kultur

Die Krimiautorin und Journalistin Nicola Förg lehnt sich auf den Rücken eines Pferdes, eines Schimmels.
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Autorin Nicola Förg lässt in ihren Krimis immer auch aktuelle Themen anklingen.

Allgäu – Wohnen ist Leben! Wohnungssuche kann tödlich sein! Während Kommissarin Irmi Mangold rein privat einen Hof zum Kauf besichtigt, wird ein anderer Kaufinteressent direkt neben ihr erschossen. Der Tote: der Besitzer eines Autohauses für Nobelkarossen. Der Makler: ein Geschäftsmann mit eigener Moral. Der Hausbesitzer: ein zugeknöpfter Biobauer. Irmi und der leitende Ermittler Gerhard Weinzirl werden in jenen Strudel aus Neid und Hass gerissen, der wühlt, wenn es um Geld und Besitz geht. Die Spuren führen in die Vergangenheit, bis ins Berlin der Nachwendezeit – wo Häuser böse Geschichten erzählen. Und um „böse Häuser“ geht es im neuen Alpen-Krimi der Allgäuerin Nicola Förg.

Frau Förg, in Ihrem neuen Alpen-Krimi „Böse Häuser“ – dem inzwischen zwölften Fall für Irmi Mangold – greifen Sie Umweltthemen wie Flächenverbrauch auf, beschäftigen sich mit dem Immobilienmarkt, tauchen ein in die Hausbesetzerszene der 1990er Jahre in Berlin und Ihr Ermittlerduo Irmi Mangold und Kathi Reindl bekommt vorübergehend „Zuwachs“. „Manche Häuser haben aber auch wirklich eine schlechte Aura“, sagte Irmi leise. Ein „böses“ Haus ziert das Titelbild …
Alte Häuser können sprechen, sie haben die Aura ihrer Vorbesitzer aufgesogen und in manchen will man nicht lange verweilen. Häuser per se sind nicht böse, aber die Menschen darin. Sehr alte Häuser stehen oft auf „guten“ Plätzen. Unsere (bäuerlichen) Vorfahren wussten noch viel mehr um Kraftplätze, Wasseradern und Lagen, die von Wind oder Lawinen geschützt sind. Alte Häuser wurden aus Holz, Lehm oder Tuffstein geschaffen, organische Materialien, die atmen konnten. Schindelfassaden sind der genialste Schutzmantel für ein Haus, sofern man die Schindeln nicht streicht! Sie verwittern, alte Fensterrahmen blättern, alte Häuser sind auch verwundbar, aber immer würdig. Ein Niedrigenergiehaus hingegen bleibt clean, effektiv und völlig charmelos. Wo Fenster hermetisch abriegeln, ist kein Austausch. Und keiner der Altvorderen hätte je in den Überschwemmungsgürtel eines Flusses gebaut, wie das heutige Neubaugebiete so gerne tun …
„Wir pflastern die Welt zu und nehmen ihr jede Möglichkeit zu atmen.“ Auf dem Land gibt’s längst auch den Sündenfall …
In Deutschland werden tagtäglich rund 60 Hektar Landschaft für Gewerbe, Wohnen, Erholen und Verkehr verbraucht. Es ist beklemmend, wie auch kleine Dörfer wachsen und wachsen wie Geschwüre. Uniforme Neubaugebiete, immer neue Gewerbegebiete, als Gipfel der Perversion mit Abstellflächen für Hunderte von Wohnmobilen, wuchern in Bauernwiesen. In Kleinstädten, von denen aus man München oder Augsburg noch irgendwie erreichen kann, kosten Doppelhaushälften 800.000 Euro. Beim Verkauf einzelnstehender Häuser mit größeren Grundstücken in Oberbayern werden astronomische Summen aufgerufen, ergo ziehen die Menschen immer weiter west- oder nordwärts und treiben die Preisspirale dort hoch und höher. Und wo durch Corona angeheizt nun der Wunsch nach mehr ländlichem Leben wächst, kommen ehemalige Bauernhäuser ins Spiel. Wobei die erste Hürde ist, dass sich die zerstrittene Erbengemeinschaft einigt, was oft Jahrzehnte dauert und wunderbare Häuser stehen leer, verfallen – das tut mir in der Seele weh!
„Siegfried Butzke hatte 1990 das erste Haus in Friedrichshain gekauft und im folgenden Jahr weitere fünf Objekte.“ Eine Spur führt ins Berlin der Nachwendezeit …
Ja, wo Spekulanten es verstanden, die Gesetzeslage bis an den äußersten Rand zu dehnen. Aber das Thema wurde und wird sehr polemisch und polarisierend diskutiert. Ist das linker Terror gegen unbescholtene Eigentümer oder sind es kriminelle Entmieter, die Meistersinger der Gentrifizierung sind? Im Buch stürzt 1991 bei einem Polizeieinsatz ein junger Polizist aus dem Flurfenster im zweiten Stock und landet dauerhaft im Rollstuhl. Viele Facetten einer unruhigen Zeit, denen Gerhard Weinzirl noch die hinzufügt, dass „neben wirklich brandgefährlichen Linksradikalen eine Menge süddeutscher Wohlstandskinder da auf Abenteuerurlaub war. Pseudohausbesetzer aus Bayern und Schwaben, die auch mal was erleben wollten.“
„Er kann zwei Menschen sein.“ Brauchen Autoren ein Pseudonym wie Jonas Edler hier im Krimi?
 Der Fantasy-Autor im Buch nennt sich Jonas Edler und spricht das Englisch aus. Das unterscheidet ihn stark vom Fotografen Franz Köglmeier, und es ist in der Tat so, dass er zwei Leben lebt, das am Auerberg und das als internationaler Star. Er reitet auf einer Kurve – hoch auf der Bühne, tief unten, wenn er alleine ist. Ich persönlich glaube nicht, dass man Promis beneiden muss! Und ich brauche eben kein Pseudonym, weil ich als Nici Förg, die grad einen Stall ausmistet, keine andere bin als die Journalistin, die über Tier- und Umweltschutzthemen schreibt. Und auch nicht anders in Büchern, die das Anliegen in einen größeren Kontext stellen. Ich bleibe Nicola Förg.
„Diese Allgäuer schienen mit wenigen Worten auszukommen.“ Allgäuer sind anders als Oberbayern …
 Ich möchte ungern mit dem bärtigen Witz nerven, aber er passt so gut: „Man schichte 30 Allgäuer übereinander, dann ist der oberste genauso verdruckt wie der unterste.“ Allgäuer sind vorsichtige Alemannen, zurückgenommener, wo der Oberbayer eher mal voranprescht. Und der Werdenfelserin Irmi geht es wie vielen Oberbayern: Der Gedanke weiter westwärts zu wohnen, womöglich im Regierungsbezirk „Schwaben“, ist fast anrüchig. Der Kapitalfehler schlechterdings: Allgäuer sind keine Schwaben, sie sind Allgäuer und vor allem Allgäuer. Und wenn ich es auf die Landschaft beziehe: Es ist eine bucklige Welt, immer wieder Höfe in Alleinlage, manchmal mit einer geschindelten Hauskapelle. Das Allgäu ist so anders als Irmis eigene Heimat, wo aus den flachen Loisachauen plötzlich hohe Felsberge aufragen. Hier gibt es Hügel und Höcker, Tobel und Waldschluchten, neue Grasbuckel mit kleinen Kreuzen, Sträßchen, die wie Achterbahnen hinunterstürzte. So eine Landschaft machte nicht gesprächig, auch nicht großspurig …
„Kathi hätte sie mit überschäumenden flammenden Reden genervt, aber dieses Schweigen des Büffels störte Irmi mindestens genauso“. Gerhard Weinzirl ist eigen …
 In der Tat! Er ist ein seltsam gespaltener Mann. Immer wieder blitzen Emotionen durch, dann verschanzt er sich wieder hinter seinem Bärengebrumme. Aber er ist klug und ein sehr guter Ermittler. Irmi muss sich nur erst an ihn gewöhnen. Ich überdies auch: Als der Wunsch wuchs, Irmi und Gerhard gemeinsam ermitteln zu lassen, hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass auch ich die beiden zunächst zusammenschmieden musste – und sie werden auch erst ein Team als sie in eine lebensbedrohliche Situation kommen. „Weinzirl sah sie zerknirscht-dackelfaltig an. Das ist die Tragödie meiner Beziehungshistorie“.
Im Privatleben der Protagonisten tut sich so einiges …
Nun, Irmi und der Hase sind sich sehr nahe. Gerhard Weinzirls bisherige Beziehungen sind kein Ruhmesblatt und die Frau, die ihm in „Böse Häuser“ auch emotional nahe kommt, ist wahrlich eine explosive Kandidatin ...
„In der Offenbarung des Johannes ist die Rede von sieben Plagen“. Ist Corona eine Plage im Buch …
 Das Buch spielt im Februar 2020, gerade noch vor dem ersten Lockdown, aber der Hase macht sich apokalyptische Gedanken. Ich wollte das Thema bewusst außen vor lassen, wir alle leiden schon genug darunter: Schreiben ist ja per se eine eher einsame Tätigkeit. Zum Schreiben aber führen Beobachtungen von Menschen, das „Leuten-aufs-Maul-Schauen“ und Emotionen. Wo aber kein Input, da kein Output. Das Schlimmste aber ist, dass „Böse Häuser“ nach „Flüsternde Wälder“ das zweite Buch sein wird, das weitgehend ohne Lesungen stattfinden wird. Das frustriert sehr! Weil Kultur nicht systemrelevant ist?
Mein Vorschlag: Alle schalten mal eine Woche das Radio ab, alle anderen Tonträger, das TV, alle Streamingdienste. Sie nehmen alle Bücher aus den Regalen und hängen alle Bilder ab. Auch wenn das nur Drucke sind, die hat einst jemand gestaltet! Eigentlich müsste auch das Geschirr weg, der Teppich und die Alessi-Töpfe ... Denn das alles ist Kultur! Und wenn sie dann auf die traurigen Abdrücke der Bilder sehen und die Löcher in den Regalen und diese böse Stille, müsste der Letzte verstehen, dass Kultur systemrelevant ist!
Gottlob werden Bücher weiter verkauft – danke an alle Leser und alle Buchhändler – aber die Präsenz, die Kommunikation mit dem Leser fehlt auf tragische Weise. Und nach 20 Jahren Lesungspraxis darf ich doch feststellen: Auch schon vor Corona waren Menschen in Lesungen jene, die still auf dem Popöchen saßen. Sie schreien nicht, sie singen nicht mit und verwirbeln Aerosole! Sie rennen nicht rum, schwitzen nicht ungebührlich. Und verbürgt: Sie küssen ganz selten den Autor.

kb

Seit 1. März im Buchhandel: Der neue Alpen-Krimi „Böse Häuser“.

Der neue Krimi von Nicola Förg:

Böse Häuser – Ein Alpen-Krimi, Alpen-Krimi 12, Nicola Förg, 304 Seiten; 16 Euro, Piper Verlag.  

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