»Eine der sichersten Regionen« 

Alkohol am Steuer nimmt zu, Rauschgiftdelikte werden häufiger entdeckt 

Der Leiter der Polizeiinspektion Kempten Marcus Hörmann (links) und Dienstgruppenleiter Tobias Böck präsentieren die Kriminalstatistik des vergangenen Jahres.
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Der Leiter der Polizeiinspektion Kempten Marcus Hörmann (links) und Dienstgruppenleiter Tobias Böck präsentieren die Kriminalstatistik des vergangenen Jahres.

Kempten/Landkreis – „Mensch, jetzt wird es ruhiger!“ Der Leiter der Polizeiinspektion Kempten Marcus Hörmann lacht, als er erzählt, welche Vermutungen einige Menschen im Frühling 2020 ihm gegenüber geäußert hatten. Rückblickend hat sich diese Vermutung allerdings nicht in der Kriminalstatistik bewahrheitet. Manches sei ruhiger geworden, aber für die Kemptener Polizei ist auch ein großer Aufgabenblock hinzugekommen. 

Hörmann bezeichnet Kempten als „eine der sichersten Regionen in Deutschland“. Die 4700 Straftaten im Jahr 2020 (2019 4474) seien eine vergleichsweise niedrige Summe.

Gewaltkriminalität hat um 7,6 Prozent zugenommen, gleichzeitig ist die Aufklärungsquote um 1,6 Prozent gestiegen. Straßenkriminalität ist um 0,9 Prozent zurückgegangen, die Aufklärungsquote ist um 4,7 Prozent zurückgegangen. Der Grund: Es habe im vergangenen Jahr durch die coronabedingten Einschränkungen weniger Augenzeugen als in den Vorjahren gegeben.

Ladendiebstähle sind nur in geringem Maße (um 14 Fälle) zurückgegangen. Dies erkläre sich dadurch, dass der Großteil davon auf Taten in Super- und Verbrauchermärkten entfalle, die im vergangenen Jahr von den Einschränkungen nicht betroffen gewesen sind. Die Statistik zu Wohnungseinbrüchen schlage „etwas aus der Norm“. Der Anstieg um 12 Fälle (2019: 24) entstehe wegen einer Serie von neun Einbruchsversuchen Auf der Ludwigshöhe.

Einen signifikanten Anstieg gebe es bei Rauschgiftdelikten. Mit 435 Fällen gab es eine Zunahme um 16,6 Prozent. Hörmann erklärt, dass dies nicht mehr Kriminalität bedeute, sondern zeige, dass es gelungen sei, „das Dunkelfeld aktiv“ aufzudecken. Im Feld der Rauschgiftkriminalität werde zunehmend mehr unternommen und führe so zu besserer Aufklärung und zur Aufdeckung großer Fälle wie in Buchenberg oder im Kemptener Hofgarten. Hörmann äußert sich besorgt über die hohe Beteiligung an solchen Delikten von Minderjährigen, oft sogar von unter 14-Jährigen. Rauschgift ist laut Hörmann „zu gesellschaftsfähig“ geworden.

Rund 16.000 Einsätze hat die Kemptener Polizei insgesamt für das Jahr 2020 zu verzeichnen. Ein Block davon, der im Vorjahr noch keine Rolle gespielt hat, entfällt auf die Einsätze bei Corona-Versammlungen. 2020 gab es insgesamt 42 solcher Veranstaltungen, bei denen Einsätze notwendig wurden. „Seit Herbst bemerken wir eine deutliche Verschärfung“, sagt Hörmann. Die Stimmung, die den Beamten entgegenschlage, habe sich sehr verändert, der Ton sei rauer geworden. Es wäre, seinem Eindruck nach, im Frühjahr 2020 nicht denkbar gewesen, dass rund 1000 Menschen wie am vorvergangenen Samstag eine Gerichtsentscheidung und das angeordnete Verbot einer Versammlung ignorierten. 

»Coronaknick« in der Verkehrsstatistik 

In der Verkehrsunfallstatistik, erklärt Dienstgruppenleiter Tobias Böck, sei ein deutlicher „Corona- knick“ erkennbar: Die Gesamt- zahl der Unfälle ist von 3726 im Jahr 2019 auf 3193 gefallen, davon 492 Unfälle mit Personen- schaden (2019: 516) und 1005 mit Sachschaden (2019: 1186), und 1696 Kurzaufnahmeverfahren (2019: 2024). Die Zahl der bei einem Verkehrsunfall getöteten Personen ist allerdings nicht gesunken. Vier Menschen starben 2020 (2019: ebenfalls vier).

Der Knick sei auch deshalb bemerkenswert, so Böck, weil die KFZ-Neuzulassungen im vergangenen Jahr deutlich angestiegen seien (Kempten: 1249, Oberallgäu: 3572).

Ebenfalls in der Verkehrsstatistik ablesbar sei laut Hörmann, dass die Verkehrswende durch die Pandemie beschleunigt worden sei. Immer mehr Bürger steigen auf das Fahrrad. Das zeige sich an der zunehmenden Zahl von Fahrradunfällen. Auffällig hierbei: Das Verletzungsrisiko ist sehr hoch. „Nahezu jeder Unfall, an dem Radfahrer beteiligt sind, zieht eine Verletzung nach sich.“ Er appelliert an die Radfahrer: „Setzt einen Helm auf!“

Die Verkehrsstatistik gibt trotz aller Unfallrückgänge Anlass zur Sorge. Hörmann erkennt im Fahren unter Alkoholeinfluss einen „Langzeittrend“. Trotz Pandemie und geschlossener Gastronomie seien die Anzahl der Trunkenheitsfahrten und der Fahrten unter Drogeneinfluss weiter angestiegen. „Im Straßenverkehr haben Rauschmittel, egal welcher Art, nichts verloren“, so Hörmann. Das bezieht er ausdrücklich auch auf E-Scooter oder Fahrrad, die keinesfalls ein Ersatz fürs Auto seien, wenn der Fahrer betrunken ist.

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