Krisendienst beruhigt Betroffene

Allgäuer Trialog zum bayerischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz

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Die Expertenrunde (v. l.): Manfred Thielert, Gesprächskreis Depression; Rita Wüst, ApK München; Christian Danner, Fachkrankenpfleger im Bezirkskrankenhaus Kempten und Psychologin Melissa Kutschin vom Sozialpsychiatrischen Zentrum der Diakonie Kempten.

Kempten – Im August 2018 und Januar 2019 traten Neuerungen im bayerischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (BayPsychKHG) in Kraft. Grund genug zu hinterfragen, ob die Gesetzesänderungen psychisch erkrankten Personen künftig zuträglich sind oder ob sie sie sogar noch mehr stigmatisieren. So geschehen beim Allgäuer Trialog am vergangenen Freitagabend im Evangelischen Gemeindehaus. Trialog deshalb, weil alle involvierten Gruppen – Betroffene, Angehörige und Professionelle – an einem Ort in einen gemeinsamen Austausch treten könnten, erklärte die Psychologin Melissa Kutschin vom Sozialpsychiatrischen Zentrum der Diakonie Kempten/Allgäu in ihrer Begrüßung und stellte dem Plenum die Expertenrunde des Abends vor. Dies waren Rita Wüst, Vorstandsvorsitzende der Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker, ihrer Freunde und Förderer in München e.V. (ApK München), Christian Danner, Fachkrankenpfleger im Bezirkskrankenhaus Kempten und Manfred Thielert vom Gesprächskreis Depression.

Auch die Neuerungen im Gesetz sollten trialogisch erarbeitet werden, erzählte Rita Wüst, die selbst als Expertin mit am Runden Tisch sitzen durfte und von einem teils frustrierenden Dialog mit den beteiligten Ministerien sprach, bei dem oft keine gemeinsame Linie gefunden worden sei. 

Sie begrüßte den Aufschrei der Bevölkerung zum ersten Gesetzesentwurf im letzten Jahr, der zeigte, dass die breite Masse verstanden habe, dass psychisch Kranke nicht wie Gefangene behandelt werden dürfen. Dem ihrer Meinung nach immer noch stigmatisierenden Gesetz könne sie trotzdem zwei sehr positive Änderungen entnehmen. Zum einen sei dies die Anerkennung und Wertschätzung gegenüber den Experten der (Angehörigen)-Selbsthilfe, die nun als offizieller Baustein der Unterstützung im Gesetz aufgeführt werden. Zum anderen nannte sie die psychosozialen Beratungs- und Hilfeangebote für Menschen in psychischen Krisen, kurz Krisendienste, die nun per Gesetz flächendeckend in allen bayerischen Bezirken bereitgestellt werden müssen. „Weiterhin kritisch sehe ich hingehen immer noch den Umgang mit unmittelbarem Zwang. Hier müssen klarere Grenzen gezogen werden“, forderte die Vorstandsvorsitzende des ApK München.

Fachkrankenpfleger Christian Danner betrachtete die Gesetzesänderungen aus zwei Perspektiven. Grundsätzlich schütze es die Betroffenen, da eine stationäre Zwangsunterbringung mitunter nicht mehr so leicht möglich sei und falls diese doch angeordnet werden sollte, nun eine Eins-zu-eins-Betreuung verpflichtend sei. Aus Personalsicht bedeute dies andererseits eine steigende Belastung durch zusätzliche bürokratische Hürden hinsichtlich der Unterbringungsmodalitäten.

„Es sind in der Praxis ohnehin meist die Pflegekräfte, die die Patienten über ihre Rechte aufklären“, beklagte er die fehlende Transparenz bezüglich der Zuständigkeit im Gesetz und nannte ein weiteres Beispiel unzureichender Klarheit. So sei zur Eins-zu-eins-Betreuung gesetzlich nur geregelt, dass diese von „geeignetem Personal“ gewährleistet werden müsse, doch wer als geeignet gelte, lasse das Gesetz offen. „Deshalb handhaben wir es momentan so, dass dies nur examinierte Pflegekräfte übernehmen und das ist auch gut so. Es ist aber auch klar, dass diese Fachkraft an anderer Stelle komplett ausfällt“, so Danner. 

Das Plenum hatte zahlreiche Fragen an die Expertenrunde – viele davon drehten sich um den nun gesetzlich verankerten Krisendienst, der innerhalb der nächsten drei Jahre funktionsfähig gemacht werden müsse, so Manfred Thielert vom Gesprächskreis Depression. Eine Teilnehmerin wollte wissen, ob der neue Dienst zusätzliches Personal für die Kliniken bedeute, was Melissa Kutschin verneinte: „Der Krisendienst wird wahrscheinlich beim Sozialpsychiatrischen Dienst angegliedert und soll auch die Polizei entlasten, die nicht in der Tiefe zu psychischen Erkrankungen geschult ist. Indem der Dienst dazugerufen werden kann, sollen Zwangseinweisungen verhindert werden.“ Christian Danner ergänzte, dass in der Vergangenheit viele Zwangseinweisungen aus Gründen der Alternativlosigkeit erfolgt seien. „Verständlicherweise geht die Polizei im Zweifelsfall kein Risiko ein. Mit dem Krisendienst besteht künftig ein konkreter Ansprechpartner“. Rita Wüst hätte sich hierzu eine verbindlichere Gesetzesauslegung gewünscht, da das Hinzuziehen des Krisendienstes aktuell auf Freiwilligkeit beruhe. 

Zwei weitere Gäste wollten wissen, wie man den Dienst erreichen könne und ob sich auch Angehörige Betroffener an diesen wenden könnten. Die Antworten darauf kamen direkt aus dem Plenum, in dem Ulrike Bölker, Koordinatorin des Gemeindepsychiatrischen Verbunds Kempten-Oberallgäu, saß, die den Krisendienst in der Region mitaufbaut und koordiniert. „Es wird eine einheitliche Telefonnummer eingerichtet werden. Alle, die das Gefühl haben, eine Krise zu durchleben, mit der sie selbst nicht mehr klarkommen und auch alle Angehörigen können jederzeit anrufen. Die meisten Fälle können bereits telefonisch durch das Expertenteam geklärt werden. Und im Notfall kann ein mobiles Team direkt zum Betroffenen geschickt werden“.

Christian Danner kann sich eine psychiatrische Behandlung gänzlich ohne Zwangsmaßnahmen nur schwer vorstellen, da er als Pflegekraft immer für seine Patienten verantwortlich sei. „Was wäre gewesen, wenn Medikamente verabreicht worden wären? Hätte man es verhindern können?“, stellte er Fragen in den Raum, auf die sich keine eindeutigen Antworten finden ließen. Der Fachkrankenpfleger hoffe, dass die Zwangseinweisungen durch den Krisendienst zurückgehen werden, damit in der Klinik mehr Zeit für die Patienten bleibe, die eine solche Betreuung tatsächlich benötigten und umgekehrt ein solch traumatisches Erlebnis allen erspart bliebe, denen auch anderweitig geholfen werden könne. „Und man darf nie vergessen, dass bei aller Professionalität Zwangsmaßnahmen auch an der Pflegekraft nicht spurlos vorbeigehen. Falls doch, hat man den falschen Beruf“. 

Dominik Baum

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