Auf Sommer-Tour

Zukunftsthema Wohnungspolitik

+
Tauschten sich zu wohnungspolitischen Themen aus: (v.l.) BG-Vorständin Alexandra Vogt, Mario Dalla-Torre (Vorstandsvorsitzender BSG-Allgäu), Xaver Kroner (Direktor VdW Bayern), GdW-Präsident Axel Gedaschko, MdL Eberhard Rotter (CSU), OB Thomas Kiechle und Sozialbau-Geschäftsführer Herbert Singer.

Kempten – Bezahlbarer Wohnraum ist aus Sicht von Politik und Experten nicht nur insgesamt ein wichtiges Zukunftsthema, sondern stand auch in der Schrannenhalle des Kemptener Rathauses diese Woche im Fokus.

Auf ihrer „Sommer-Tour“ machten Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), und Xaver Kroner, Verbandsdirektor des Verbandes bayerischer Wohnungsunternehmen (VdW Bayern), gleich für insgesamt zwei Tage Halt in Kempten.

Beim wohnungspolitischen Fachgespräch mit Vertretern der Landes- und Kommunalpolitik nutzten die drei großen Kemptener Wohnungsbaugesellschaften einmal mehr die Gelegenheit, ihre jeweiligen Strategien vorzustellen.

Wie mehrfach berichtet engagiert sich die BSG-Allgäu stark im geförderten sozialen Wohnungsbau; die Sozialbau geht den Weg des so genannten Kemptener Modells und damit Wohnbau für die bürgerliche Mitte, wodurch Bestandsgebäude für leistungsschwächere Mieter frei werden; die Baugenossenschaft (BG) möchte nach mehrjähriger Pause die Bautätigkeit wieder aufnehmen und hofft, wie ihre Mitbewerber, darauf, auch von städtischer Seite Baugrundstücke zu bekommen. Allen dreien ist nach eigenem Bekunden an einer guten „sozialen Durchmischung“ in Mehrparteienhäusern wie Wohnvierteln gelegen.

Rund eine Million Wohnungen fehlen laut Gedaschko derzeit in Deutschland, denen zwar theoretisch auch eine Million Leerstände gegenüberstünden, aber eben nur theoretisch, da sie an Orten seien, wo kein Bedarf dafür sei. Mangel herrsche auch in Bayern, das die selbstgelegte Marke von 70.000 Wohnungsfertigstellungen pro Jahr „regelmäßig verfehlt“, so Kroner und für Kempten sah OB Thomas Kiechle in der wachsenden Zahl an Arbeitsplätzen in der „wirtschaftlich dynamischen Stadt“ Konsequenzen unter anderem für den auch hier knappen Wohnraum.

Gedaschko begrüßte, wie auch MdL Eberhard Rotter (CSU), dass die soziale Wohnraumförderung seitens des Bundes auf 1,5 Milliarden Euro aufgestockt worden sei, sah aber auch die Notwendigkeit, dass „die Länder ihrerseits mit eigenen Mitteln in gleicher Höhe die Wohnraumförderung zweckgebunden ergänzen“. Rotter beobachtete nämlich mit Sorge, dass die Länder zwar „mehr Geld vom Bund“ bekommen, „damit aber machen was sie wollen“. Allerdings, fügte er an, sei es auch schwierig, sich angesichts Unwägbarkeiten wie Flüchtlingssituation oder Rentenentwicklung zwei, drei Jahre im Voraus festzulegen.

Fehlendes Bauland, lange Genehmigungsverfahren und extrem hohe Baukosten, die Wohneigentum nicht einmal für Menschen mit mittlerem Einkommen bezahlbar machten -Investoren dagegen bezahlten ohne Inanspruchnahme eines Kredites-, waren die allseits genannten Hemmnisse. Dazu Bürokratie ohne Ende. Wofür vor einigen Jahren noch 5000 Normen gereicht hätten „haben wir heute 20.000, die das Baurecht regeln“, wies Gedaschko auf einen Kostentreiber sowie Belastung für die Verwaltungen hin. Auch gelte in Hof die gleiche Energiesparverordnung mit gleich hohen Kosten wie in München oder Kempten, auch wenn „der Markt das nicht überall hergibt“, wies Kroner darauf hin, dass München „andere Lösungen braucht“ als Kempten und das auch bei der Wohnbauförderung. 

Thomas Hartmann, Vorsitzender der Grünen-Stadtratsfraktion, sprach sich dagegen für höhere Klimaschutzstandards beim Bauen aus sowie für Maßnahmen gegen die Fehlbelegung von Wohnungen – z.B. verwitwete Personen in Zweizimmerwohnungen umzuziehen –, was nicht auf offene Ohren stieß. BSG-Vorstandsvorsitzender Mario Dalla-Torre erinnerte daran, dass ein Versuch einer „Fehlbelegungsabgabe“ einst gescheitert sei und dass man gerade einen älteren Menschen kaum dazu bewegen könne sein soziales Umfeld zu verlassen. Auch Sozialbau-Chef Herbert Singer nannte den Gedanken „völlig theoretisch“ und mahnte, dass „Wohnungswirtschaft nicht nur Wirtschaft ist“. Dennoch wusste Gedaschko von einem Versuchs-Modell in der Schweiz, im Rahmen dessen sich Familien nach Auszug der Kinder verpflichteten in Zweizimmerwohnungen zu ziehen. Für Hartmann ein „Ansatz“, für Kroner eher Anlass für die Frage wie das bei Wohneigentum aussehen solle. MdL Ilona Deckwerth (SPD) fürchtete damit eine Ghettobildung zu befördern und sah die Lösung eher in „gemischten Wohnungen in einem Haus“. So könne gegebenenfalls ein Tausch innerhalb des Gebäudes erfolgen.

Mit Vorschlägen an die Politik warb Dalla-Torre um Unterstützung für eine sichere und sozial verantwortliche Wohnungsversorgung unter anderem durch bezahlbares Bauland, straffere Genehmigungsverfahren oder auch ein Stopp bei kostentreibenden Baustandards. „Faire Preise“ bei Bauland sind auch für BG-Vorständin Alexandra Vogt Voraussetzung dafür, weitere bezahlbare Mietwohnungen anbieten zu können. So haben auch alle drei Unternehmen Interesse beim Baugebiet Halde Nord zum Zuge zu kommen, wenn sich die Sozialbau auch beim aktuell in der Planung befindlichen ersten Bauabschnitt noch zurückhält; beim Gesamtgebiet will sie laut Martin Langenmaier, stellvertretender Geschäftsführer Sozialbau, dann aber mitspielen.

Um die Baukosten auf ein vernünftiges Maß zu senken fordert Singer von der Wohnungspolitik unter anderem die Reduzierung der Energiestandards auf den Stand EnEV 2014 und auch Generationengerechtigkeit durch Wohnbauförderung zum Beispiel durch Befreiung von der Grundsteuer beim Ersterwerb einer Immobilie.

Bezüglich der EnEV hielt auch Gedaschko ein Umdenken für erforderlich, zumal es letztendlich um die CO2-Bilanz gehe, für die es andere Wege gebe. Allerdings gebe es da „vehementen Widerstand“ von „Lobbyisten und Umweltaktivisten“, die an der Gebäudehülle festhielten.

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesen

Wohnungen für Studenten und Menschen mit Behinderung in Sankt Mang
Wohnungen für Studenten und Menschen mit Behinderung in Sankt Mang
Funkenwiese: Bebauungsplan liegt erneut aus
Funkenwiese: Bebauungsplan liegt erneut aus
Bei der Isnyer Schlossweihnacht passt auch heuer alles gut zusammen
Bei der Isnyer Schlossweihnacht passt auch heuer alles gut zusammen
Am Biomassehof könnten Kutter und die AHG eine neue Heimat finden
Am Biomassehof könnten Kutter und die AHG eine neue Heimat finden

Kommentare