Aus alt mach neu

Kemptener Künstlerin Renate Bühr setzt frische Akzente

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„Licht im Winter“ heißt das Bild der Malerin Renate Bühr, das ihrer aktuellen Ausstellung den Titel gegeben hat.

Kempten – Wie sieht es aus, wenn sich gestern und heute nicht in Bildern der Erinnerung vermischen, sondern in einem von Künstlerhand geschaffenen Bildnis? Es ist ein Thema, mit dem sich die Kemptener Malerin Renate Bühr schon seit einigen Jahren auseinandersetzt.

In unterschiedlichen Ansätzen hat sie dabei alte Malereien sozusagen „aufbereitet“, z.B. übermalt oder in Collagen überklebt. Neu hinzugekommen ist der Einsatz von Wachspapier, wodurch sich interessante „Durchblicke“ vom heute in Vergangenes ergeben. 

Neue Werke und alte aus den etwa letzten zehn Jahren ihres Schaffens sind nun im Kleinen Kunstforum 9c in der Hochvogelstraße zu sehen und zeigen einen Prozess künstlerischen Reifens. Die letzten zehn Jahre beziehen sich freilich nur auf hier gezeigte „Endprodukte“, deren Basis bisweilen frühere und zerstückelte Bilder Bührs bis zurück aus den frühen 1990er Jahren bilden. „Licht im Winter“ hat Renate Bühr die Ausstellung betitelt und auch ein großformatiges Bild, das den Besucher empfängt. Die mit nur wenigen Farbtupfern insgesamt dezente Farbgebung der Kemptener Szenerie – ein Haus an der Rottach – vermittelt fast schon spürbar die klirrende Winterkälte in der sich luftige Ornamente wie Eisblumen zwischen den dürren Zweigen der Bäume formieren. Ihre Motive schöpft Bühr aus ihrem nahen Wohnumfeld, aus häufig besuchten Orten wie dem Weinviertel, Portugal, Teneriffa oder der Provence sowie anderen Reisezielen. 

Rund die Hälfte der gezeigten Werke stammen aus der neuen Serie mit Wachspapier, dazwischen finden sich Collagen, aber auch viele Aquarelle, die Bühr als vor Ort angefertigte Skizzen für spätere Ölbilder dienen. Eine direkte Vergleichsmöglichkeit beider Varianten bietet sich in „9c“ beispielsweise beim „Schwimmteich“, der Bühr bei einem Besuch im Waldviertel künstlerisch inspiriert hatte. Aus alt mach neu lautete auch die Devise für einige der früheren Werke, die nun in Segmente zerschnitten und über einen Holzkörper gespannt, als neue und eigenständige Arbeiten verschiedene Wände zieren. Allgäuer Szenen mit hohem Wiedererkennungswert finden sich vor allem unter den Aquarellen; unter anderem der Blick von einer Aussichtsbank auf Wiggensbach und den dahinter thronenden Grünten. Aber auch neue Phantasie-Landschaften entstehen bei Bühr, wenn sie beispielsweise ihre in Farbe festgehaltene Erinnerung an eine Szenerie in Neu Mexico nur teilweise mit einer impulsiv im Geist entstehenden übermalt. Und dann sind da die Wachspapier-Werke, die einen näheren Blick lohnen. Auch ihnen liegen in der Regel Fragmente alter Werke zugrunde, die manchmal bewusst noch hervorlugen dürfen – als Erinnerungsfetzen unter dem Jetzt. 

Für die aktuelle Schicht bestreicht die Malerin unterschiedliche Bögen Japanpapier mit Wachs oder tränkt es damit. Die ausgeritzten Strukturen und Figuren füllt sie mit Ölfarbe – Überflüssiges wird mit einem Tuch weggewischt – oder sie bestreut die Ritzen partiell mit Pigment, das sie verreibt. Die neuen Motive auf manchmal sehr transparentem bis einigermaßen blickdichtem Wachspapier, verwandeln das darunter (halb) verborgene Alte in eine Schimäre. So manches amüsante Detail kam zustande, weil Bühr versteht aus der Not eine Tugend zu machen: z.B. ein Kopfloser, der seinen Kopf während des Arbeitsprozesses versehentlich „verloren“ und dem Werk zu seinem Namen „Kopflos“ verholfen hat. Einen Riss im empfindlichen Japanpapier, hat sie kurzerhand genäht und als Ast mit einem Baum verschmelzen lassen. Es ist eine Ausstellung, die einen nicht mit Weltverbesserungsideen nach Hause entlässt. Sie inspiriert den Betrachter stattdessen dazu, sich wieder einmal auf die helleren und freundlicheren Schönheiten dieser Welt einzulassen. 

Die Ausstellung im Kleinen Kunstforum 9c in der Hochvogelstraße 9c kann bis 28. Februar 2019 besichtigt werden. Feste Öffnungszeiten gibt es allerdings nur an den Tagen 1./2./3. Februar von 16-18 Uhr. Weitere Termine nach telefonischer Vereinbarung unter Tel.: 0831/56 56 144. 

ct

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