Kunstrebellen bis Schöngeister

Künstlerische Blicke auf Kempten während der letzten 25 Jahre

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„Abgewickelt/Aufgerollt“ hat Susanne Krämer ihr Kunstprojekt genannt, für das sie ausrangierte Spulen der ehemaligen Kemptener Baumwollspinnerei und -weberei in Szene setzte.

Kempten – Wie sich doch das Kunstgeschehen, zumindest in einem Punkt – der künstlerischen Provokation, verändert hat. Auch in Kempten. Nur subjektive Wahrnehmung? Vielleicht. Zumindest beschleicht einen das Gefühl, wenn man die, vergangenen Freitagabend eröffnete, Ausstellung „Ansichtssache – Kempten in der zeitgenössischen Kunst“ besucht. Zu sehen gibt es die Stadt, wie sie 14 Künstler im Lauf der letzten 25 Jahre wahrgenommen haben.

Da kann man sich an der ein oder anderen Stelle des Eindrucks nicht erwehren, dass sie weitgehend verschwunden sind, die „Haudegen“ in der Kunstszene, die echten Provokateure, die mit intelligentem Humor und sprühenden Ideen thematisieren, was sie befremdet und dafür auch noch bereit sind, ein Wagnis einzugehen; diejenigen, die nicht vor allem Ästhetik im Blick haben (was ebenso legitim ist), sondern wachrütteln wollen. Vielleicht sind aber auch die potentiellen Sponsoren einfach „braver“ geworden. Selbst von den „enfants terribles“ Stephan Rustige und Detlef „Dele“ Müller hat man lange keine aufscheuchende Kunstaktion gesehen. 

Umso lohnender der hier gezeigte retrospektive Blick zum Beispiel ins Jahr 1992, als die beiden mit ihrer Aktion „AKTE“ während der Kunstausstellung zur Allgäuer Festwoche im Innenhof der Residenz gewaltig Staub aufwirbelten. Die mehrtägige Performance, die den verwalteten Kunstbetrieb ad absurdum führte, hatte damals noch ein mehrmonatiges Nachspiel, gab ausgiebig Grund zum Schmunzeln – weniger allerdings auf behördlicher Seite – und ist hier inklusive Behördenschriftwechsel ausführlich dokumentiert.

Ein auch heute Rebell, wenngleich ein sanfterer, ist Guido Weggenmann der mit einer Plastik aus Beton vertreten ist, einem (wohl nicht ohne Grund)Aschenbecher nicht unähnlich. De facto handelt es sich um das inzwischen ja schon berühmte „Bauloch“ Kemptens, dessen Werdegang Weggenmann zudem mit Polaroid-Aufnahmen verfolgt hat.

Auch das von der Künstlergruppe Waltraud Funk, Christian Hörl und Gerhart Kindermann im Jahr 2002/2003 inszenierte Projekt „Von drinnen nach draußen“, das den Neubau der Kemptener Justizvollzugsanstalt in den Fokus rückte, darf einmal mehr bewegen.

Um die künstlerische Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Stadt zu dokumentieren hat Kurator Christian Hof des weiteren Werke von Angelika Böhm-Silberhorn, Horst Heilmann, Pit Kinzer, Susanne Krämer, Reiner Metzger, Alexandra Vogt, Guido Weggenmann, eines von ihm selbst und schließlich eines des erst 16-jährigen Newcomers Justus Kraft ausgewählt; Kunstwerke, die „zu Streifzügen, zu Stadterzählungen, zu Zeitkapseln, zu Ansichtssachen“ werden, wie Hof im frisch erschienenen uns sehr informativen Ausstellungskatalog schreibt. (Mehr über die weiteren Werke folgt.)

Zu sehen ist der zeitgenössische Teil der Doppelausstellung „Ansichtssache“ bis 29. April 2018 in der Kunsthalle Kempten, donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 12 bis 18 Uhr. Neben einer Führung mit Kurator Christian Hof am Sonntag, 22. April, um 15 Uhr gibt es unter anderem die Möglichkeit am Freitag, 27. April, um 15 Uhr, den in der Justizvollzugsanstalt befindlichen Teil des Kunstprojektes von Funk/Hörl/Kindermann zu besichtigen. Dafür ist eine Vor-Anmeldung in der Kunsthalle zwingend erforderlich.

Christine Tröger

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