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Künstlerischer Dokumentarfilm »Menschenwürde jetzt!« eröffnet Gefühls- und Gedankenwelten

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Von: Christine Tröger

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Nour Hamo an der Iller beim Reglerhaus in Kempten, um das Auqrium mit dem Wasser des Flusses zu füllen.
Nour Hamo an der Iller beim Reglerhaus in Kempten, um das Aquarium mit dem Wasser des Flusses zu füllen. © Filmstandbild: Veronika Dünßer-Yagci

Kempten – Das Thema Flucht wird derzeit dominiert von der Flucht aus dem Kriegsgebiet Ukraine. 

Dass es sich um ein viel flächendeckenderes Phänomen handelt, daran erinnert der künstlerische Dokumentarfilm „Menschenwürde jetzt!“ von Veronika Dünßer-Yagci. Er feierte vergangenen Freitag im Rahmen des Projektes „Keep on Going“ in der Kunstfabrik der Vhs gut besuchte Premiere mit dazugehörender Gesprächsrunde im Anschluss.

Bereits 2016 hatte die Oberstdorfer Videokünstlerin syrische und irakische Flüchtlinge in „Stop and Go“ zu Wort kommen lassen, damals zum Thema Zukunft. Dabei habe sich herauskristallisiert, dass sie hauptsächlich wegen der Menschenwürde gekommen seien, erklärte Dünßer-Yagci. So ist in ihrem neuen Dokumentarfilm die Menschenwürde das zentrale Element der Lebensbetrachtungen, die Menschen eröffnen, die aus Syrien, Afghanistan und dem Irak nach Kempten geflohen sind und zu einem Neustart gezwungen waren. Die Outdoor-Termine sind diesmal zusammen mit ihrer Tochter Sophia Yagci entstanden. Weitere Blickwinkel ermöglichen Beiträge von in Syrien und dem Irak lebenden Filmemachern sowie einer Flüchlingsbetreuerin und Psychologin aus Kempten. Wie immer in Dünßer-Yagcis Schaffen stehen die Drehorte wie die Skiflugschanze in Oberstdorf oder das Reglerhaus in Kempten für die psychisch-mentale Ebene; Requisiten, wie ein mobiles, mit Wasser gefülltes Aquarium, sind Metaphern.

Der Industriekletterer David Möhnle an der Heini-Klopfer-Skiflugschanze Oberstdorf im Himmel schwebend.
Der Industriekletterer David Möhnle an der Heini-Klopfer-Skiflugschanze Oberstdorf im Himmel schwebend. © Filmstandbild: Sophia Yagci

Den Gesprächspartnerinnen und -partnern im Film ist sie „dankbar für den Mut“, der es ermögliche, „dass wir Dinge erfahren“, die uns sonst verborgen blieben. „Ihr eröffnet uns damit wirklich Gefühls- und Gedankenwelten, von denen ich großen Respekt habe“, richtete sie sich an die Protagonisten, die zur Premiere gekommen waren.

Durch den so berührenden wie informativen Fokus auf die Personen, die Dünßer-Yagci der sonst grauen, unpersönlichen Masse der Geflüchteten entrissen hat, will sie den Dialog in der Stadtgesellschaft anstoßen. Eine Kurzfassung hatten vorab vier Schulklassen zu sehen bekommen und in der Gesprächsrunde danach „konnten wir sehr gute Gedanken entwickeln“, sagt Dünßer-Yagci.

Menschen(un)würde ist vielgesichtig

„Heimat ist etwas größeres als alles“, sagt einer der Filmemacher, die einen Beitrag geschickt haben, und kämpft dabei mit den Tränen. Aber einer ganzen Generation sei die Würde genommen worden: Du arbeitest den ganzen Tag und kannst trotzdem deine Familie nicht ernähren, fragt er nach der Menschenwürde.

„Dieser Krieg hat alle gebeugt, die Menschen, die Tiere, sogar die Steine“, sagt in einem syrischen Beitrag ein Tierschützer, der sich um verwahrloste Tiere auf der Straße kümmert. Vor dem Krieg hätten sie genug zu fressen finden können, jetzt bräuchten auch sie Hilfe. Er wünscht, dass alle Seelen in Frieden leben können.

Seit 2015 lebt die aus Syrien geflüchtete Nour Hamo in Kempten. „Man ist atemlos, man zittert vor Angst“, beschreibt sie die Stunden, die sie auf der Flucht in einem kaum als Boot zu bezeichnenden Etwas verbracht hatte. Anfangs habe sie sich große Sorgen gemacht. Inzwischen absolviert die Mutter eines zweijährigen Kindes eine Ausbildung zur Pflegehilfskraft, ihr Mann studiert, wie sie strahlend vor der Kamera erzählt.

Der ebenfalls aus Syrien geflohene A. (er möchte nicht namentlich genannt oder im Internet abgebildet werden aus Angst vor Repressalien gegenüber seiner Familie in Syrien) sagt, es habe in seiner Heimat „keine Menschenwürde mehr“ gegeben. Ein Film vor seinem inneren Auge zum Thema hat bei ihm zwei Aspekte. Positiv berichtet er von einer Mitarbeiterin des Jobcenters, die eingeschritten sei, als ein Arbeitgeber versucht habe, seinen Kumpel finanziell auszubeuten. Gegen sein Gefühl von Würde verstößt dagegen klar der Satz, es sei nicht sicher, dass alle Angaben der Wahrheit entsprechen, der in seinem blauen Reisedokument stehe. Das würde sofort überall Zweifel säen. „Die ganze Welt kämpft gegen Rassismus, aber sie haben Rassismus in das Papier geschrieben.“

Er ist nicht der einzige, der mit dem blauen Reisedokument hadert. Da ist z.B. sein Landsmann Yousef Bilal, der sagt, er sei nun sechseinhalb Jahre in Deutschland und höchstens einen Monat arbeitslos gewesen, dennoch „habe ich kein Land, keinen Pass“, nur einen Stempel „staatenlos“. Wohin aber gehöre er, wenn der Deutsche Staat in zwei, drei Jahren sage, „ich will dich nicht mehr“?

Auch für den aus dem Irak geflohenen Aysar Salman Hussen ist der Deutsche Pass wichtig, denn er bedeute Sicherheit und Freiheit.

Freiheit – einer der roten Fäden, die sich durch die Gespräche ziehen und verdeutlicht, dass es den Geflüchteten darum geht, in Freiheit leben zu können, und nicht, den Deutschen Staat auszunutzen. Dazu gesellt sich der Wunsch, dass alle Menschen gleich sind. „Ich habe keine Träume mehr“, sagt einer der jungen Geflüchteten ...

Die Merkmale von Menschenunwürde und Menschenwürde sind vielschichtig, wie der Film zeigt, von der erschwerten Wohnungssuche mit fremdländisch klingendem Namen bis zu ignorierten Traumata, mit denen Menschen mit Flucht- und Kriegserfahrung belastet sind. Dass Traumata oftmals lange Zeit verdrängt werden, mit zunehmendem Alter aber an Bedeutung gewinnen, ist eine Erfahrung, von der die Kemptener Psychologin Dr. Susanne Betz ein Lied singen kann. Die Nachwirkungen seien nicht zu unterschätzen, erläutert die langjährige Flüchtlingsbetreuerin in ihrem Beitrag.

Stimmen auf dem Podium

Miriam Duran, Beauftragte für Migration und Integration des Landkreises Oberallgäu, kennt das „Problem mit den drei X im Pass“, da ihr Vater aus Palästina gekommen sei. Für sie steht fest, „wenn man jemand hier ohne Arbeit und ohne Pass sein lässt, ist das menschenunwürdig“.

Flüchtlinge sollten nach Ansicht der Oberstdorfer Psychologin Dr. Edeltraut Walch sofort nach ihrer Ankunft arbeiten dürfen, „dass Geben und Nehmen auf Augenhöhe sind“. Zudem gebe eine feste Struktur Halt gegen das erlebte Trauma. Sie sieht das Kernproblem in den Bereichen Macht und Herzensebene, weshalb sie jedem einzelnen empfiehlt, Handlungen daraufhin für sich selbst zu überprüfen.

Dritte Bürgermeisterin Erna-Kathrein Groll, die in Vertretung des Schirmherren Oberbürgermeisterin Thomas Kiechle an der Gesprächsrunde teilnahm, ist besonders wichtig, „dass wir diejenigen, die kommen, als Menschen sehen“, egal woher sie kämen. Große Bedeutung räumte sie auch dem Erlernen der Sprache ein.

Videokünstlerin Veronika Dünßer-Yagci (v.li.), Yousef Bilal (Syrien), Nazera Shafeyee (Afghanistan) und Nour Hamo (Syrien).
Videokünstlerin Veronika Dünßer-Yagci (v.li.), Yousef Bilal (Syrien), Nazera Shafeyee (Afghanistan) und Nour Hamo (Syrien). © Tröger

Lajos Fischer, Geschäftsführer Haus International und Integrationsbeauftragter des Stadtrates, wies auf die Ungleichheiten beim Begriff Freiheit hin, die den Alltag je nach Herkunftsland bestimmten. Als insgesamt problematisch im Sozialgefüge wurden die unterschiedlichen Hilfsangebote sowie rechtlichen Rahmen bei ukrainischen und anderen Flüchtlingen gesehen, u.a. da Ukrainer sofort eine Arbeit aufnehmen dürfen, Wohnungen angeboten bekommen, kostenlose Sprachkurse u.v.m.

„Eine Lanze für die Verwaltung und den Staat“ zu brechen, war Peter Roth, Geschäftsführer der Vhs Kempten, ein Anliegen. Es sei nämlich „nicht selbstverständlich“ dass jemand so viele Chancen habe, wie wenn er nach Deutschland komme. Und schließlich wolle auch nicht jeder die Sprache lernen oder Arbeiten. Davon, die Leute gleich Arbeiten zu lassen, riet er aus Erfahrung ab; wenn, dann mit parallelem Sprachkurs. „Sonst nimmt man ihnen die Entwicklungsmöglichkeit.“ Kostenlose Sprachkurse bekämen im Übrigen alle bei der Vhs.

Alexander Köffer, Fachstelle für „Demokratie leben!“ an der Vhs Kempten, freute sich „zu sehen, was wir hier in Kempten für eine lebendige Zivilgesellschaft haben“, die in diesen „verrückten Zeiten“ wohl so nötig sei wie nie. Die Vhs Kempten ist Träger des vom Kulturamt Kempten und „Demokratie Leben!“ geförderten Projektes. „Keep on Going“, dessen Film mit Gesprächsrunden, so der Wunsch der Macher, noch an vielen Orten zum Denken anregen wird.

Weitere Einblicke und Termine im Internet unter www.videokunst-allgaeu.de.

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