Kulturlieferdienst.de bietet mehr

Ein integriertes Kulturförderkonzept soll vor allem Profi-Künstler unterstützen

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Kempten – Von einem Tag auf den anderen war sie mit den Corona-Einschränkungen aus unserem Leben verschwunden: die Live-Kultur. Zumindest fürs Erste. Aufgefallen ist es den meisten wohl erst, nachdem der erste „Pandemie-Schock“ überwunden war. Und kaum wurde der Verlust bewusst, hatte sich auch schon eine neue, eine Krisen-Kulturszene, entwickelt. Wie berichtet, haben zahlreiche Kunst- und Kultureinrichtungen kreative Formate entwickelt, mit denen sie seither online Präsenz zeigen. In Kempten ist es das Kulturamt, das sich für den Erhalt der hiesigen Kulturszene Einiges hat einfallen lassen. Im Kulturausschuss vergangene Woche stellte Kulturamtsleiter Martin Fink vor, was bereits gut angelaufen ist und was frisch ergänzt wurde.

„Warten wir jetzt drei Monate, bis alles wieder gut ist, oder reagieren wir“, fasste Fink den ersten Gedanken nach Schließung sämtlicher Kultureinrichtungen zusammen. Sehr schnell sei klar gewesen, „wir machen was“. Schließlich seien mit einem Schlag Sichtbarkeit (ein Killer für die „Marke“ auch im Bereich Kultur) und Einnahmequellen für Kunst- und Kulturschaffende weggebrochen. Zudem habe die Fortschreibung des Kulturentwicklungskonzeptes (KEKK) einmal mehr der Bedarf eines Kulturportals für Kempten und Umgebung – in einschlägigen Kreisen wird es schon seit weit über zehn Jahren immer wieder andiskutiert – deutlich geworden. Und so sei „innerhalb weniger Tage“ zusammen mit der auch beim KEKK eingebundenen Agentur Kulturgold und dem Grafikbüro Studio Erika die auf Nachhaltigkeit angelegteKulturplattform Kulturlieferdienst.de entstanden, auf der kurze Videoclips gezeigt werden. Sie biete „unserer Kulturszene die Möglichkeit, sich zu präsentieren“, so Fink, der weiter über den neusten Menüpunkt auf der Plattform berichtete: „Kulturförderkonzept“; „weil für uns klar war, wir wollen auch unterstützen“. 

Internetplattform Kulturlieferdienst.de

Seit dem 16. April werden von Montag bis Freitag kurze Videoclips regionaler Künstler und Kulturschaffender gestreamt. Das Online-Angebot reicht dabei u.a. vom Wohnzimmerkonzert über Corona-Slam, (Impro-)Theater, Kinder-Zeichentrick bis zur Museumsführung oder Livepainting. Um 16 Uhr gibt es für Vorund Grundschulkinder Programm im Kinderkanal. Die Beiträge dafür entstehen laut Fink in Kooperationen mit verschiedenen kommunalen Partnern, u.a. der Sing- und Musikschule, der Kunstschule der vhs und der Museumspädagogik. So „entstehen kaum Kosten“. 

Ab 19.30 Uhr startet das Erwachsenen-Programm, mit Beiträgen u.a. von dem Krimi-Autorenduo Klüpfl und Kobr, Musik von Rainer von Vielen oder der Improtheatergruppe Die Wendejacken. Die Beiträge sind auch nach der Premiere Beiträge auf dem immerhin circa 10.000 Aufrufe zählenden Youtube-Kanal weiterhin verfügbar sowie auf Facebook Kempten Kultur und auch ein eigener Instagram-Account @kulturlieferdienst wurde eingerichtet. 

Über einen Mangel an Beiträgen kann Fink sich nicht beklagen. Anfangs habe man 20 bis 30 Künstler angeschrieben und zehn Clips pro Woche gestreamt – eine Schlagzahl, die auf Dauer nicht durchzuhalten sei. Inzwischen habe man sich auf jeweils zwei Beiträge für Kinder und für Erwachsene pro Woche eingependelt. „Spaß“ mache die Plattform aber ebenso deshalb, weil man einen guten Überblick über die Kulturszene hier erhalte „und wir vieles entdecken, was wir noch gar nicht kannten“. Allein auf Youtube seien inzwischen rund 350 Stunden Kultur gesendet worden. Die Kosten für das Angebot liegt laut Fink jetzt am Anfang mit ein paar Tausend Euro „noch etwas höher“; es „wird sich aber einspielen auf etwa 1000 bis 2000 Euro pro Monat“, so seine Schätzung. Die Finanzierung sowohl der Einrichtung des Kulturlieferdienstes als auch der Vergütung der Künstler sei „kurzfristig durch ausfallende Veranstaltungen“ (z.B. Römerfest) aufgrund der Corona-Pandemie möglich. Dem Nachhaltigkeitsgedanken folgend soll die Kulturplattform nicht nur laufend angepasst, sondern auch konzeptionell „nah an den Bedürfnissen der Kulturschaffenden weiterentwickelt“ werden. 

Neu: Integratives Kulturförderkonzept

Mit dem integrierten Kulturförderkonzept will das Kulturamt neben der digitalen Bühne auch finanzielle Unterstützung leisten. Ein wichtiger Aspekt dabei: Es soll eindeutig unterschieden werden zwischen KünstlerInnen, die Kunst als Hobby betreiben, und den professionellen, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das Förderkonzept fußt auf drei Maßnahmen, wie der Kulturamtsleiter erläuterte: 

1. Faire Vergütung, d.h. die Künstler, deren Videos auf kulturlieferdienst.de ausgestrahlt werden, erhalten eine angemessene finanzielle Anerkennung. Die Höhe der Vergütung orientiere sich am Aufwand der Videoproduktion und werde nach einer Berechnungstabelle transparent aufgeschlüsselt inklusive der Unterscheidung zwischen Profi- und Hobbykünstler. 

2. Kulturberatung, wofür das Kulturamt kurzfristig Personal umverteilt und eine mit Sabine Modzel-Hoffmann besetzte Anlaufstelle „Kulturförderung“ für Kunst- und Kulturschaffende der freien Szene ins Leben gerufen hat. Hier gibt es umfassende Beratung und Infos zu Corona-Hilfsfonds sowie bestehende Förderprogramme der EU, Deutschland und Bayern. 

3. Kemptener Kulturfonds. In Kooperation mit dem AÜW wurde auf der Crowdfunding-Plattform „betterplace“ ein Fördertopf aktuell mit dem Spendenziel 30.000 Euro eingerichtet. Die Stadt Kempten verdoppelt jeden dort eingezahlten Euro. Die Gelder werden unter den Kulturschaffenden der Stadt nach Antragstellung direkt verteilt. Darüber hinaus kündigte Fink eine „umfangreiche Spendenkampagne“ an, „die an die Spendenbereitschaft und Solidarität aller kulturinteressierten Bürgerinnen und Bürger appelliert“. Die Planung dafür laufe bereits. „Ich bin überzeugt, die Kemptener geben gerne etwas, der eine vielleicht nur ein bisschen was, der andere mehr“, zeigte sich Fink von der auch pekuniären Wertschätzung von Kultur in der Stadt überzeugt.

Kommentar:

Bei allen Schatten, die Corona für das kulturelle Leben bedeutet, viele Kulturschaffende haben die Pandemie als Chance begriffen und genutzt. Auch das Kemptener Kulturamt hat auf die Schnelle ein attraktives Online-Angebot aus dem Boden gestampft. Von einem Schnellschuss kann dabei keine Rede sein. Das Konzept ist auf Nachhaltigkeit angelegt, ist ausbaufähig, Künstler müssen sich nicht zum Nulltarif verscherbeln und es wurde bereits um einen wichtige Punkt erweitert: ein integratives Kulturförderkonzept. Mit Kreativität für das Publikum und die Darsteller durch die Krise, das hätte man auch von einem städtisch betriebenen Theater erwarten dürfen. 

Christine Tröger

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