Wer bekommt die gespendete Ware?

Läuft da was schief?

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Der Tafelladen in der Memminger Straße: Einer von dreien in Kempten.

Kempten – Mehrere Kemptener Bürger haben sich in den vergangenen Wochen an den Kreisboten gewandt und berichtet, dass es bei der Tafel in Kempten angeblich nicht so abläuft, wie es ihrer Meinung nach sollte.

So seien für Bedürftige gespendete Waren nicht verschenkt, sondern verkauft und gespendete Weihnachtspakete nie gesehen worden. Im Gespräch mit dem Kreisboten hörte sich Markus Wille, Koordinator der Kemptener Tafel, die Vorwürfe an und stellte die Dinge klar.

Das sagen die Bürger:

Im November gab es beim Lebensmittelmarkt Rewe im Haubenschloß die Aktion „Mithelfen – Mitspenden“. Kunden konnten für fünf Euro eine Einkaufstüte mit zehn Produkten wie Tee, Öl, Salz, Zucker, Mehl, Saft, einem Glas Pilze, Nudeln, Haferflocken erwerben und diese direkt an die Kemptener Tafel spenden. „Diese Kunden, die spenden, gehen davon aus, dass die Tafel-Kunden die Produkte dann kostenlos bekommen, doch dem war nicht so“, schildert ein Bürger. Die Tafel habe die Produkte einzeln für einen geringen Betrag verkauft. Das bestätigte auch eine weitere Bürgerin und selbst Tafel-Einkaufsberechtigte in einem Brief an den Kreisboten.

Diese wundert sich zudem darüber, dass bei der Kemptener Tafel für jedes Produkt ein kleiner Betrag verlangt wird, obwohl es ihres Wissens in anderen Tafelläden bundesweit üblich sei, von jedem „Tafel-Besucher“ einen Betrag von zwei Euro –unabhängig von der Menge der eingekauften Ware – zu verlangen. Für sie habe die Kemptener Tafel „nichts mehr mit einer tatsächlichen karitativen Einrichtung zu tun“, vielmehr handle es sich um eine „Gewinnstrategie mit B-Ware“.

Eine weitere Frau wandte sich an den Kreisboten, nachdem sie in einer Ausgabe gelesen habe, dass im Rahmen einer „Schuhbox-Aktion“ von Studentinnen der Hochschule Kempten Weihnachtspakete an die Tafel gespendet wurden. „Nach außen wird von der Tafel so viel Gutes getan, doch ich habe noch nie so ein Päckchen gesehen oder bekommen.“

Ferner beschwerte sich die Bürgerin über das Einkaufsverfahren bei den Kemptener Tafeln. Vor der Ladenöffnung würden Nummern verteilt, die die Reihenfolge des Einlasses in den Laden festlegen. „Ich bekomme komischerweise immer eine Nummer über 20.“ Und als sie einmal krank war und Fieber hatte musste sie laut eigener Aussage fast eine Stunde draußen in der Kälte stehen, bevor sie in den Laden durfte, um einzukaufen.

Das sagt Markus Wille:

Grundsätzlich werde alles was gespendet wird, egal ob von Discountern oder von Privat eingesammelt und für zehn bis maximal 30 Prozent des Ladenpreises (je nach Masse und Mindesthaltbarkeitsdatum) in den Tafel-Läden verkauft. Bei Sonderaktionen wie zum Beispiel der von Rewe werden die gespendeten Waren entweder gesammelt oder täglich zu den Tafelläden gebracht. „Die Produkte aus den ersten Tüten, die wir bekommen haben, wurden versehentlich für einen geringen Betrag an die Tafel-Kunden verkauft“, gab Wille zu. Nachdem jedoch klargestellt wurde, dass die Produkte zu verschenken sind, konnten sich die Kunden an den Tagen, an denen solche Tüten zur Verfügung standen, jeweils drei Produkte aussuchen und kostenlos mitnehmen. „Da die Tüten sehr unregelmäßig kamen, gab es nicht an allen Tagen was zum Mitnehmen. Die Kunden, die sich beschwert haben, nichts abbekommen zu haben, waren an den Tagen, an denen es was gab, nicht da.“ Da es über 800 einkaufsberechtigte Personen aus Kempten und dem Umland gebe, könne es eben auch sein, dass jemand „leer“ ausgeht. „Es ist schlichtweg logistisch nicht möglich zu überprüfen, wer schon was bekommen hat und wer nicht“, so Wille.

Bezüglich der „Schuhbox-Aktion“ meinte er, dass diese 43 gespendeten Päckchen am Samstag vor Heilig Abend an alle Tafel-Kunden des Ladens in der Memminger Straße verschenkt wurden, die an diesem Tag da waren. Nachdem es insgesamt rund 80 Kunden waren, wurden die Kunden, als die Päckchen der „Schuhbox-Aktion“ vergriffen waren, mit anderen Geschenken beschenkt. Keiner ging an diesem Tag leer aus. Für die beiden weiteren Tafel-Läden in Kempten habe es eigene Spendenaktionen gegeben.

Grundsätzlich sagt Wille: „120 ehrenamtliche Tafel-Mitarbeiter bemühen sich jeden Tag, dass die Tafel-Kunden in Kempten gut versorgt werden. Für zwei volle Tüten zahlt man nicht mehr wie vier oder fünf Euro.“

Zu der Kritik, dass woanders ein Fixbetrag von zwei Euro bezahlt werde, egal wie viel eingekauft wird, meinte er: „Jeder Träger der Tafel entscheidet, wie sie organisiert wird.“ Die Kemptener Tafel orientiere sich am „Württembergischen Prinzip“. Das funktioniere wie in einem Tante-Emma-Laden. Jeder Kunde geht hinein und sucht sich aus, was er möchte. „Wir möchten, dass jeder Kunde sich seine Produkte selbst aussuchen kann.“ Bei anderen Tafeln im Bundesgebiet sei es bis zum vergangenen Jahr so gewesen, dass die Kunden ein oder zwei Euro gezahlt und dann eine Tüte zusammengepackt bekommen haben. Dieses für ein Geldstück einkaufen sei aber mittlerweile auch bei der Bundestafel aus den Statuten genommen worden.

Das Verfahren mit den Nummern erklärt Wille folgendermaßen: Fünf Minuten vor Öffnung des Ladens werden davor verdeckt Nummern verteilt, die die Reihenfolge festlegen, in der die Kunden in den Laden gehen dürfen. Somit habe jeder die Chance einmal der Erste zu sein. „Jeder Kunde bekommt jedoch die Produkte, die an dem Tag zur Verfügung stehen.“ Bis auf Ausnahmen wie zum Beispiel bei Kaffee sei für alle Kunden genügend da und aus dem Lager werde immer wieder Ware aufgefüllt. Drei Kunden dürfen immer gleichzeitig in den Laden. „Anders ist es nicht machbar, da sind die Läden zu klein.“ Sobald einer rausgeht, darf der nächste rein. „So schaffen wir in einer halben Stunde circa 25 Kunden.“ Schwerbehinderte mit einer 100-prozentigen Gehbehinderung und Hochschwangere dürfen übrigens bereits kurz vor der offiziellen Ladenöffnung der Tafelläden rein und einkaufen.

Melanie Läufle

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