"Gesicht zeigen. Rettet die Reisebüros!"

Kundgebung macht aufmerksam auf die Not der Reisebüros

+

Kempten/Landkreis – Die Flugzeugflotten der Airlines stehen in Hangars, die Kreuzfahrtschiffe liegen in den Häfen vor Anker, keine Reisbusse auf den Straßen, geschweige denn beim Passieren von Landesgrenzen.

Der ­internationale Reiseverkehr liegt aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie auf Eis. Das bedeutet, dass rund 2,9 Millionen Beschäftigte, die in Deutschland der Tourismusbranche angehörig sind, derzeit ohne Arbeit, ohne Einkünfte und ohne ­Perspektive sind. Auf diese Not wollten nun Vertreter der Branche, ansässig aus dem gesamten Allgäu, in Kempten aufmerksam machen. Es trafen sich 30 Unter- nehmer, Selbstständige und MitarbeiterInnen aus der Allgäuer Touristikbranche, um am Mittwochmittag auf dem August-Fischer-Platz auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen

Die angemeldete Kundgebung verlief friedlich, einige Polizisten achteten darauf, dass Mindestabstände zwischen den Zuschauern eingehalten wurden. „Wir zeigen Gesicht!“, so das Motto der Kundgebung, die darlegen wollte, dass die Touristikbranche nicht nur aus großen Konzernen wie TUI und der Lufthansa besteht. So beschäftigen rund 11.000 Betriebe, darunter ­viele kleine Reisebüros in Deutschland rund 100.000 Mitarbeiter. Derzeit sind die Reisebüros allerdings verwaist, denn eine von der Bundesregierung ausgesprochene weltweite Reisewarnung macht den internationalen Reiseverkehr unmöglich. 

Wer dennoch reist, dem wird bei Notfällen im Ausland nicht geholfen. So werden in der Branche derzeit nur noch Stornierungen bearbeitet, Buchungen hingegen tendieren gegen Null. Bei weiter laufenden Fixkosten, wie Ladenmieten, Strom und Sozialabgaben, schmelzen die finanziellen Mittel der Betroffenen wie Schnee in der Märzsonne. Nackte Verzweiflung „Wir sind buchstäblich am Verhungern“, klagt lautstarkt Diana Hirnigl, Inhaberin vom Profi-Reisecenter, das vis á vis vom Kundgebungsort in der ­Bahnhofstraße liegt. „Wir fordern von der Bundesregierung, die die Situation aus unserer Sicht zu verantworten hat, dass uns so schnell wie möglich geholfen wird, nicht übermorgen, nicht morgen, sondern jetzt!“ Die Betreiber kleinerer Reisebüros, auch als Reisevermittler bezeichnet, stecken in einem Dilemma. Sie erhalten erst zeitverzögert von den großen Reiseveranstaltern wie Tui, FTI oder DER Touristik ihre Provisionen, in den meisten Fällen erst dann, wenn der ­Kunde seine Reise angetreten hat. 

Nun kommt es immer häufiger zu Fällen, bei denen von Reiseveranstaltern die überwiesenen Provisionen zurückgebucht werden. Dies geschieht mit der Begründung, dass der Kunde nach der Anzahlung im Herbst letzten Jahres nun seine Osterreise aufgrund der Corona-Pandemie storniert hat. „Was wir fordern ist, dass wir in dieser Situation von der Bundes- regierung nicht im Stich gelassen werden, dass wir finanzielle Hilfe, ­beispielsweise durch die Bereitstellung eines Notfallfonds erhalten“, so unisono die Teilnehmer der Kundgebung, die sich bei ihren Reden abwechselten. In den Äußerungen spürt man die Verzweiflung der TeilnehmerInnen und ebenso die Liebe zu ihrem Beruf. 

Bei vielen wird deutlich, dass sie ihr Geschäft aus Leidenschaft zu fremden Destinationen und Kulturen ausgeübt haben. So sprechen die Teilnehmer auch die noch viel größere Not derer an, die in ärmeren Ländern auf Gedeih und Verderb auf Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen sind. Nun dürfen nicht einmal mehr Reisen innerhalb Deutschlands vermitteln werden oder, wie beispielhaft beim Bus- unternehmen Berchtold, diese mit eigenen Fahrzeugen organisiert werden. 

Viele wünschen sich ein baldiges Zurückfahren von Einreiseverboten, zumindest auf europäischer Ebene. „Wenn nicht Hawaii, so wollen wir unseren Kunden doch innerhalb von Deutschland und Europa Reisen vermitteln“, so die einhellige Forderung der Teilnehmer. Gänzlich unzufrieden zeigt man sich mit der Informationspolitik des zuständigen Bundesaußenministeriums: „Wir müssen uns jeden Morgen selbst Informationen darüber einholen, wo Einreiseverbote bestehen.“ Noch mehr Verdruss aber herrscht unter den Anwesenden über die großen meinungsmachenden Medien des Landes, die nur die Experten zu Wort kommen lassen, die den restriktiven Kurs der Bundesregierung mittragen, gemäß der Losung: „Welch Brot ich ess, des Lied ich sing.“

Jörg Spielberg

Auch interessant

Meistgelesen

Die Allgäuhalle (Tierzuchthalle) in Kempten 
Die Allgäuhalle (Tierzuchthalle) in Kempten 
Fahrradfreundlichkeit und Verkehrssicherheit wurden im Verkehrsausschuss groß geschrieben
Fahrradfreundlichkeit und Verkehrssicherheit wurden im Verkehrsausschuss groß geschrieben
Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz: Alte Linde bleibt erhalten
Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz: Alte Linde bleibt erhalten
Die Sozialbau errichtet in Thingers das erste mehrgeschossige Holzwohnhaus "Wohnen am Weiher"
Die Sozialbau errichtet in Thingers das erste mehrgeschossige Holzwohnhaus "Wohnen am Weiher"

Kommentare