Kunst und Baukultur in Einklang bringen

Veranstaltungsreihe: "Museum und öffentlicher Raum" macht den Auftakt

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„Der Bau eines Museums ist immer eine Gemeinschaftsarbeit von Geldgeber, künstlerischem Leiter und Architekt“, sagte Ralf Baur (l.) vom Künstlerhaus Marktoberdorf. Das Bild zeigt ihn mit Peter Liptau (v.l.), Museum Villa Rot; Dr. Hannelore Kunz-Ott, Kunsthaus Kaufbeuren und Axel Städter, MEWO-Kunsthalle Memmingen.

Kempten – Wie wichtig sind die Präsentationsräume für die auszustellende Kunst? Und weiterführend: Können diese Räumlichkeiten in einer Wechselbeziehung zu nahegelegenen Stadträumen stehen? Am vergangenen Sonntagnachmittag ging das architekturforum allgäu im denkmalgeschützten „Grünen Haus“, das seit Kurzem zu den Kemptener Kunstarkaden zählt, diesen Fragen auf den Grund. Unter dem Titel „Museum und öffentlicher Raum“ berichteten Experten von ihren Erfahrungen und diskutierten im Anschluss mit dem Plenum über die Thematik.

„Wir freuen uns sehr über die Möglichkeit eines Forums in zentraler Lage, um eine Schnittstelle zwischen Kunst und Baukultur zu schaffen“, meinte Franz Schröck, Geschäftsführer des architekturforum allgäu, das einerseits die regionale Baukultur schützt und diese andererseits nachhaltig für die Zukunft weiterentwickelt. 

Vor der Diskussionsrunde berichteten mit Dr. Hannelore Kunz-Ott vom Kunsthaus Kaufbeuren, Ralf Baur vom Künstlerhaus Marktoberdorf, Peter Liptau vom Museum Villa Rot und Axel Städter von der MEWO-Kunsthalle Memmingen die eingeladenen Experten von ihren jeweiligen Institutionen zeitgenössischer Kunst. „Das Kunsthaus Kaufbeuren ist ein Ausstellungshaus, das von seinen wechselnden Sonderausstellungen lebt“, erzählte Kunsthistorikerin Kunz-Ott, die 20 Jahre im Stiftungsvorstand des Hauses tätig war. Die Stiftung wurde 1991 von Bauunternehmer Max Dobler gegründet. Fünf Jahre später wurde der Neubau im Zentrum der Altstadt eröffnet, der aufgrund seiner äußerlichen Erscheinung an die mittelalterlichen Salz- und Kornstadel erinnert. 

Architekt Ralf Baur ließ die Gäste wissen, wie es zum Künstlerhaus in Marktoberdorf kam. „Es ist unserem Altbürgermeister Franz Schmid und seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass es die Räumlichkeiten überhaupt gibt“, so Baur, der von der Problematik eines ursprünglich nicht zu finanzierenden Gebäudevorhabens sprach, wodurch die Entscheidung auf einen Low-Budget-Bau mit Ateliercharakter fiel. „Und da Schmid gelernter Ziegelbauer war, musste natürlich auch das Gebäude ein Ziegelbau werden. Durch diese Bauweise kommen vor allem Bilder auf weißem Grund sehr gut zur Geltung“, so der Architekt, der von einer relativ kleinen Ausstellungsfläche spricht, die ihre Besonderheit dadurch erhält, dass von keiner Ecke des Raumes aus die gesamte Fläche eingesehen werden kann. „Es zieht einen von einer Ecke in die nächste, von einem Geschoss in das nächste.“ 

Auch Villa-Rot-Museumsleiter Marco Hompes wollte sich die Veranstaltung in Kempten nicht entgehen lassen, überließ es jedoch dem Architekturhistoriker Peter Liptau, von den architektonischen Gegebenheiten der am Rande des baden-württembergischen Burgrieden gelegenen Villa zu berichten. „Der Bauherr war damals Raymund Fugger, ein Nachfahre der Augsburger Fugger“, stellte Liptau die Verbindung nach Bayern her. Das 1912 errichtete Gebäude erhielt 2014 einen zeitgenössischen Anbau, wodurch die Ausstellungsfläche bedeutend vergrößert werden konnte. 

Eingebettet ist das Museum in einen denkmalgeschützten Garten mit „legendärem Café“, wie es der Architekturhistoriker humorvoll bezeichnete, um darauf aufmerksam zu machen, dass manche Besucher nur deswegen ihren Weg dorthin fänden. „Manche wollen immer noch Post abgeben oder fragen, wo die Gleise sind“, bewies auch Kunsthistoriker Axel Städter Humor, als er von der MEWO-Kunsthalle in Memmingen sprach, die früher als ehemaliges Posthaus und zwischenzeitlich als Bahnhofsgebäude genutzt wurde. Seit 2005 steht der Backsteinbau jedoch ganz im Zeichen der Kunst. „Da das gesamte Gebäude denkmalgeschützt ist, kann häufig nur mit Einbauten und vorgelagerten Wänden gearbeitet werden“, erklärte er die enorme Herausforderung beim Ausstellen von Kunstobjekten. 

Franz Schröck fungierte bei der anschließenden Diskussion als Moderator und wollte als erstes von Ralf Baur wissen, wie die Kunst in den Räumlichkeiten des Künstlerhauses Marktoberdorf ihre Wirkung entfalten könne und wie sich das Gebäude nach außen hin präsentiere. „Die eher ungewöhnlichen Ziegelwände hat man mittlerweile akzeptiert“, meinte Baur, der die Schwierigkeiten eher im Wechselspiel zu den benachbarten Gebäuden sieht. „Durch die hohen Wände ist von der Straße aus kein Blick ins Haus möglich“, so der Architekt, der jedoch auch einen Vorteil in der Bauweise erkannte. „Sobald man den Innenhof betritt, kann man den Trubel der Straße hinter sich lassen. Ich glaube, es würden nur marginal mehr Besucher kommen, wäre die Barriere nicht da.“ 

Kunz-Ott befand, dass der Zeitgeist eine große Rolle spiele, wenn es um die Art und Weise der auszustellenden Kunst gehe. „Es ist die Aufgabe des Kurators, die Kunst zu finden, die sich behauptet.“ Hompes ergänzte, dass sich die Ausstellung den hiesigen Gegebenheiten anpassen müsse. Diese Meinung teilte Axel Städter: „Man muss auch mal Nein sagen können, wenn die Räumlichkeiten für die Kunstwerke nicht geeignet sind.“ Hompes machte im Zuge dessen auch auf Restriktionen seitens der Stadt aufmerksam, die dazu führen können, dass manche Exponate nicht ausgestellt werden dürfen. Er und Liptau zeigten sich glücklich über das Format von Kunst und Verköstigung in der Villa Rot, das durch das Café gewährleistet werden kann und viele Besucher anlocke. „Dadurch ist bei Veranstaltungen immer jemand vor Ort, der die Gegebenheiten bestens kennt und die Gäste versorgen kann“, so Hompes, der einräumte, dass das Konzept innerstädtisch sicher schwieriger umzusetzen sei. Eine Teilnehmerin lobte die anwesenden Experten dafür, wie sie mit den begrenzten Ressourcen umgingen. „Nicht jedes Ausstellungshaus muss in unseren kleinen Städten für jede Art von Kunst geeignet sein.“ 

Ein anderer Teilnehmer stellte die Frage, ob das Museum der Kunst dienen müsse oder die Kunst dem Museum, und meinte zu den Gruppenausstellungen in Marktoberdorf, dass diese aufgrund der Massivität des Ziegelbaus ungeeignet wären. „Setzt sich der Architekt nur ein Denkmal oder arbeitet er so, dass das Gebäude auch mit Kunst bespielt werden kann?“ Auch Kunz-Ott sieht in der Abstimmung mit dem Architekten eine große Herausforderung. „Der Innenarchitekt entscheidet oft, wie Kunst dargestellt werden soll. Dabei sind ästhetische Gesichtspunkte meist vordergründig“, beklagte die Kunsthistorikerin die häufig fehlenden Gespräche auf Augenhöhe. 

Ein Architekt aus dem Plenum meinte hierzu, dass es zu diesem Spannungsfeld deshalb käme, weil die Bauherren die abstrakte Aufgabe, die gewünschte Funktionalität der Räumlichkeiten vorab detailliert zu beschreiben, überfordere. „Es ist eine Gemeinschaftsarbeit zwischen Geldgeber, künstlerischer Leitung und dem Architekten“, fasste Architekt Ralf Baur zusammen. Kunstarkaden-Initiator Guido Weggenmann zeigte am Ende der Veranstaltung noch die schwierige Situation in Kempten auf, wenn es um zeitgenössische Kunst gehe. „Der Oberbürgermeister unterstützt mich auf ganzer Linie bei meinen Vorhaben, jedoch bekomme ich überhaupt keine Förderung seitens des Kulturamtes.“ 

Anschließend lud er alle Gäste zur Finissage am Freitag, 5. April, um 19 Uhr ein. „Hier wird unser Artist in Residence, Reto Steiner, die Arbeit, die in den letzten Wochen entstanden ist, präsentieren.“ 

„Museum und öffentlicher Raum“ war die Auftaktveranstaltung einer Veranstaltungsreihe, die immer am letzten Sonntag des Monats um 14 Uhr im Grünen Haus stattfindet. Die nächste Veranstaltung ist somit am Sonntag, 28. April zum Thema „Kunst am Bau“.

Dominik Baum

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