»Bis auf Weiteres verschoben«

Seit Monaten wartet »Kunst für Kempten« des fkm darauf, im Alpin-Museum entdeckt zu werden

Margarete Gradmann, 1. fkm-Vorsitzende, zeigt stolz eine Rokkoko-Uhr, die im Detail auch an die Wand projiziert wird.
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Margarete Gradmann, 1. fkm-Vorsitzende, zeigt stolz eine Rokkoko-Uhr, die im Detail auch an die Wand projiziert wird.

Kempten – Drei Monate werden es morgen, Sonntag, exakt; drei Monate, die zwischen der theoretischen Eröffnung einer mit viel Herzblut organisierten und konzipierten Ausstellung liegen und seither nie geöffneten Museumstoren. Die Zeit läuft. Am 14. November 2020 hätte die große Kunstausstellung mit Werken aus der umfangreichen Sammlung des Freunde der Kemptener Museen e.V. (fkm) im Alpin Museum Vernissage gefeiert. Das Ende von „Kunst für Kempten“ war und ist auf den 30. Mai 2021 terminiert. Ob die Ausstellung bis dahin überhaupt öffnen können wird, ist ungewiss. Ein Schicksal, das der fkm derzeit mit vielen anderen Akteuren im Kulturbereich teilt.

Der aktuell etwa 350 Mitglieder zählende fkm erwirbt seit über 30 Jahren Kunstobjekte, die für Kempten Bedeutung haben, um sie für die Stadt und ihre Geschichte zu erhalten. Über 500.000 Euro sind auf diesem Weg in das kunsthistorische Gedächtnis der Stadt geflossen. Rund 2000 Kunstwerke von der Antike bis heute umfasst die Sammlung des Vereins aktuell. Circa 120 Exponate mussten für den thematisch zusammengestell- ten Querschnitt Kemptener Kunst bzw. „Kunst für Kempten“ ausge- wählt werden (u.a. zur Stadtge- schichte, sakrale Kunst, Porträts, Bürgerkunst bis Moderne) – eine Herkulesaufgabe für fkm-Kurator Dr. Werner Scharrer.

„Ohne Kunst geht ein Volk unter“, zitiert die 1. Vorsitzende Margarete Gradmann im Ausstellungs-Trailer (zu sehen unter www.fkm-kempten.de) den Theatermann August Everding, „Kunst und Kultur sind lebensnotwendig“. Die über 80-Jährige setzt sich seit zwanzig Jahren mit voller Energie für die Sammlung des Ver- eins ein und weiß beim coronagerechten Ausstellungsrundgang mit dem Kreisboten viele Geschichten zu den Exponaten zu erzählen. Da sind z.B. gleich rechts vom Eingang zwei Uhren des Hofuhrmachers Johann Baptist Pfeffer. Von der signierten und auf 1788 datierten Rokoko-Uhr, die für das Kemptener Stift angefertigt wurde, wird direkt daneben das Inne- re in großen bewegten Detailbildern an die Wand projiziert: das Uhrwerk, das originelle Uhrpendel – eine Figur auf einer Schaukel –, das Ziffernblatt ... In Kempten war die Uhr laut Gradmann bereits im Rahmen der Landesausstellung „Bürgerfleiß und Fürstenglanz – Reichsstadt und Fürstabtei in Kempten“, zu sehen, die das Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG) 1998 als Doppelausstellung in Kempten und Memmingen konzipiert hatte. „Vor etwa eineinhalb Jahren konnten wir sie von einem Haushalt in Kempten erwerben“, freut sie sich über ein weiteres Prunkstück in der Sammlung des fkm. Die zweite, klassizistische Uhr sei erst später entstanden und auch nicht für Kempten bestimmt gewesen.

Linkerhand ein um das Jahr 1670 datierter Aufsatz einer Rückenlehne aus dem Chorgestühl in St. Lorenz mit Einlegearbeiten aus Stein; dort ein Stadtplan Kemptens aus dem Jahr 1729 von J. G. Esser; hier ein silberner Häufelbecher mit Hülle; vorbei an Porträts von Martin Leichtle (1777-1854), Besitzer des Stiftsbräuhauses, und seiner Frau Josepha, gemalt von Franz Sales Lochbihler, der noch einige Kemptener Prominente mehr ge- malt hat. Auch ein Landschafts- bild von ihm ist ausgestellt – ein Genre, das vermutlich nicht viele hinter ihm vermuten, ist er doch eher für Porträts und vor allem für den Bühnenvorhang des Kemptener Stadttheaters bekannt, der immerhin mit einer Skizze vertreten ist.

Die „Kemptener Hängung“ mit Margarete Gradmanns Favorit „Von einem Putto geführter Löwe“, das mittig rechts zu finden ist.

Am Ende des Raumes lädt eine großflächige Wand zum konzentrierten Entdecken ein. Dicht an dicht drängen sich hier Bilder unterschiedlicher Formate und Genres ungeordnet geordnet als „Kemptener Hängung“. Nachempfunden ist sie der sogenannten Galerie- oder Petersburger Hängung, die es ermöglicht hat, dass mehr Künstler zum Zuge kommen konnten, die sonst einen Platz mehr gehabt hätten. Im mittleren Feld macht der „Von einem Putto geführter Löwe“ des Malers, Grafikers und Karikaturisten Adolf Hengeler (1863-1927) schmunzeln. Gradmann deklariert die Darstellung ohne Zögern als ihr „Lieblingsbild“ an dieser Wand.

Eine Ölmalerei von Franz Xaver Unterseher; Heinz Schubert u.a. mit fast zeitdokumentarischen Zeichnungen, wie die von der „Baustelle Horten“ vom 14. August 1970; Franz Weiß – bestechend seine Werbeplakatserie für Salamander Kinderschuhe aus den 1950er Jahren; Joseph Schugg, der ein Eck in seinem Atelier verewigt hat; der Karikaturist Siegfried Sambs, Hans-Erwin Steinbach, Hans Wachter, Waltraud Janzen, Roland Breitinger oder auch Hans Dietmann mit seinen unverwechselbaren vor allem Radierungen von Bergmotiven Die Namen der Künstler lesen sich wie das „Who is Who“ der hiesigen Kunstszene von einst bis heute.

Alte Kemptener Postkarten, die in Dauerschleife vom Beamer an die Wand geworfen werden, legen weitere Zeitzeugnisse der Entwicklung Kemptens ab. Und wie ein Hüter des Schatzes wacht ein prächtiger „Osmane“, der einst die Hofapotheke in Kempten zierte, über die verlassene Ausstellung und wartet auf zahlreiche Bewunderer.

Wartet am Eingang der Ausstellung „Kunst für Kempten“ bislang vergebens auf Bewunderer: der „Osmane“, der einst in der Hofapotheke stand.

Es verwundert kaum, wenn Margarete Gradmann sagt: „Ich wünsche mir von Herzen, dass die Ausstellung bald aufmacht. Wir haben viel Herzblut hineingesteckt.“

Zur Ausstellung erschienen ist ein Kalender (zu beziehen über den fkm, Tel. 0831/29 956, Email: info@fkm-kempten.de) sowie eine Broschüre, deren Umschlag, wie auch das Plakat, ein Bild aus dem Projekt „1000 Sonnen“ des erst kürzlich verstorbenen Malers Hermann Moser ziert.

Christine Tröger

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