Kunst und Architektur im Schulterschluss

Kunst im öffentlichen Raum ist dem Hamburger Architekten Achim Aisslinger ein Anliegen – aus vielen Gründen

Achim Aisslinger mit Gummibärchenhut: er versucht Kunst und Architektur unter einen Hut zur bringen.
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Kunst im öffentlichen Raum kann auch gelebt entstehen, wie Achim Aisslinger, dessen Anliegen es ist Kunst und Architektur unter einen Hut zu bringen, erläuterte. Hier trägt er im Rahmen einer solchen Aktion einen an Gummibärchen erinnernden Hut. Einen kreativen Akzent im Stadtbild setzen auch die beiden HutträgerInnen im rechten Bild.

Bad Grönenbach/Kempten – „Wir glauben, dass Kunst unser Leben bereichert“ und dass sie die richtigen Fragen stelle, kündigte Franz Schröck, Geschäftsführer des Architekturforums Allgäu, den nach vierjähriger Pause wieder ersten Vortragsgast in der Galerie Riedmiller in Bad Grönenbach-Thal an. Der Hamburger Architekt Achim Aisslinger richtete den Blick auf Kunst im öffentlichen Raum und das von der Jury bis zur Werkplanung. Dass das Thema eine zentrale Rolle für ihn spielt, zeigt sich an einigen Stationen seiner Vita, die insgesamt eine Vielzahl an Blicken über den Tellerrand aufweist.

Die stark eingedampfte Version: Nach seiner Schulzeit in Kempten studierte Aisslinger in München, London und Hamburg. Einer seiner Professoren war der britische Architekt und Maler Will Alsop. Seit 1994 arbeitet er freischaffend. Sein Büro entwickelte u.a. gemeinsam mit dem Studio Aisslinger seines Bruders Werner in Berlin ein serielles, wiederzerlegbares Bausatzhaus namens „Loftcube“. Drei Jahre lang war Achim Aisslinger Vorstand des Hamburger Kunstvereins, arbeitete eng zusammen mit Künstlern bei der Planung von Kunstwerken und ist bereits seit 1998 Mitglied der Kunstkommission der Freien und Hansestadt Hamburg, was man vielleicht als spezialisierten Gestaltungsbeirat bezeichnen kann. Letzterer wird u.a. in Kempten bei Baufragen gerne zu Rate gezogen. Wie Aisslinger bezüglich der Kunstkommission erläuterte, haben Künstlerinnen und Künstler die Möglichkeit, sich mit Projektvorschlägen für Arbeiten im öffentlichen Raum bei der Behörde für Kultur und Medien zu bewerben. Die gesammelten Vorschläge werden dem zwei Mal pro Jahr tagenden Fachgremium, das sich aus Vertretern u.a. der Bildenden Kunst, Architektur, der einzelnen Stadtbezirke und auch einschlägiger Behörden zusammensetzt, zur kritischen Begutachtung vorgelegt. Es waren nicht nur zeitgenössische Objekte im Hamburger Stadtraum, die Aisslinger genauer vorstellte; und nicht ausschließlich Kunstobjekte, die auch als solche konzipiert waren.

„Kunst im öffentlichen Raum ist besonderen Bedingungen ausgesetzt, wie Vandalismus oder Witterung.“

Achim Aisslinger, Architekt

Das verdeutlichte, dass Kunst gelegentlich absichtslos, einfach aus einer Situation, einem Moment heraus entstehen kann. Vor allem aber bietet planmäßige Kunst im öffentlichen Raum vom Einzelobjekt über das Projekt bis zum Mahnmal ein breites Spektrum – inklusive Potential zum Touristenmagnet. Einer der „Hingucker“: „Vier Männer auf Bojen“ aus dem Jahr 1993. Der Künstler Stephan Balkenhol lässt dafür 2,40 Meter große Männer aus bemaltem Holz an verschiedenen Orten im Wasser schwimmen. Auch die Menschen selbst können zu Kunstobjekten im öffentlichen Raum werden, wie ein Projekt mit sehr kreativen Hüten in Hamburg zeigt. Als Beispiel für gelungene Kunst im öffentlichen Raum diente auch der „Beehive Pavillion“ von Wolfgang Buttress, ein 40 Tonnen schweres Objekt, das der Struktur eines Bienenkorbs nachempfunden ist und ursprünglich für die Expo 2015 in Mailand entstand. Heute steht es dauerhaft in den Royal Botanic Gardens at Kew in London. Als „sensationell“ bezeichnete Aisslinger ein Projekt der türkischen Künstlerin Ayse Erkmen, die 2017 im Hafenbecken in Münster einen Steg realisierte, dessen Lauffläche knapp unter dem Wasserspiegel lag, so dass die Besucher quasi „wie Jesus über das Wasser gehen konnten“. Aber Kunst sollte aus Sicht Aisslingers nicht nur den wohlhabenden Orten vorbehalten sein. So stellte er auch ein stark umstrittenes Kunstprojekt vor und zwar eine an einem sozialen Brennpunkt stehende Mauer, die mit Blattgold überzogen wurde.

Die besonderen Bedingungen, denen Kunst im öffentlichen Raum unterworfen ist, wurden besonders am jüdischen Pavillion, den Aisslingers Büro 1999 in Zusammenarbeit mit dem Künstler Dan Graham in Hamburg an der Außenalster realisiert hat, deutlich. Neben Wind und Wetter muss so ein Objekt im Außenraum nämlich noch einigen anderen Unbillen standhalten. So sei der begehbare Davidstern aus Glas nicht nur für Graffiti-Künstler attraktiv, sondern auch für Obdachlose ein begehrter Aufenthaltsort gewesen. Für erstere gebe es Glas, „an dem Graffiti abläuft“. Als gut funktionierend habe sich zudem ein Aufkleber „Video überwacht“ erwiesen, schmunzelte Aisslinger über manchmal doch einfache Lösungen. Ein Zuhörer wollte in der anschließenden Fragerunde wissen, ob es bei Bauträgern im Allgäu eine Bereitschaft für öffentliche Kunst gebe. Laut Schröck sind die „Mittel und Möglichkeiten“ hierfür begrenzt. Als „vorbildlich“ hob er aber das staatliche Bauamt in Kempten hervor. An den Kemptener Baureferenten Tim Koemstedt richtete er die Frage, ob es dafür einen Posten im Kemptener Haushalt gebe. Das Budget „für alles, was an Kunst vorstellbar“ sei, liege in der Hand des Kulturamtes, meinte dieser mit dem Hinweis, dass der kommende Haushalt nicht gut aussehe und erst einmal „gehörig sparen“ angesagt sei.

Christine Tröger

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