Kunstausstellung - Kunst aus dem Allgäu

Kunst ohne Festwoche:Alle Preise wurden einstimmig vergeben Kempten 

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Der Kunstpreis der Stadt Kempten 2020: „The grotesque body“, Keramikarbeit von Anna Dorothea Klug-Faßlrinner

Kempten – Eigentlich wäre es heuer die 71. Kunstausstellung im Rahmen der Festwoche. Eigentlich. Aber ohne umrahmende Festwoche muss die Kunstausstellung unbeziffert in die Kemptener Annalen eingehen, unter dem schlichten Titel „Kunstausstellung. Kunst aus dem Allgäu 2020“.

Von 8. August bis diesmal 2. Oktober bietet die laut Kulturamt „traditionsreichste Kunstausstellung der Region“ im großen Ausstellungsraum des Alpin-Museums der Corona-Pandemie die Stirn mit hochaktueller, zeitgenössischer“ Kunst aus der Region. „In dieser herausfordernden Zeit brauchen wir die Kunst mehr denn je. Sie lässt die Fantasie Sprünge machen, hält den Geist agil und ist nicht zuletzt ein wichtiges Regulativ zur Wahrnehmung unserer Wirklichkeit“, findet Ausstellungs- und Kulturamtsleiter Martin Fink. 190 Kunstschaffende haben in diesem Jahr insgesamt 344 Werke (153 KünstlerInnen haben jeweils zwei Werke eingereicht) zur Begutachtung der Jury eingereicht, davon 107 Künstlerinnen und 83 Künstler. Gezeigt werden 58 Werke von 25 Künstlerinnen und 26 Künstlern: 24 Malereien, neun Grafiken, 14 Plastiken, vier Fotografien, vier Installationen und drei Bildobjekte. 

Zwei Kunstwerke werden im Außenraum präsentiert. Einig zeigte sich die siebenköpfige Jury unter Vorsitz von OB Thomas Kiechle bei der Vergabe der vier Kunstpreise, bei denen sich der ein oder andere Kreis (wieder) schließt. Der Kunstpreis der Stadt Kempten (5000 Euro) geht in diesem Jahr an die Künstlerin Anna Dorothea Klug-Faßlrinner (Jahrgang 1984) aus Haldenwang für ihre vierteilige Keramik „The grotesque body“ (Der groteske Körper). Ihre Geschöpfe initiieren spontan die Assoziation mit Außerirdischen, erscheinen dabei fremd und doch vertraut. Beeindruckt hat Klug-Faßlrinner die Jury u.a. durch die „hohe Eigenständigkeit und die eigene Handschrift der künstlerischen Gestaltung“. Physiognomisch erinnerten die Figuren an menschliche Körper, die sich aber individuell „von normierten Körperbildern, etwa durch Vergrößerungen, Verdoppelungen oder Verzerrungen von Extremitäten“ unterschieden, ohne ins „Karikatureske oder gar Abstoßende“ abzugleiten. 

Vielmehr verleihe Klug-Faßlrinner den zum „Sinnbild des menschlichen Normierungs- und Uniformierungswillens“ gewordenen „grotesken Körpern“ etwas Anrührendes. Die keramische Bildhauerin hat 2014 ihr Diplom im Fachbereich Plastik/Keramik an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle absolviert und kann auf eine reichhaltige künstlerische Vita blicken. Ihre Arbeit beschreibt sie in einem Gedicht. Es gehe um „Sehnsucht und Geborgenheit“, um Unheimliches und Angst. „Ich mag es, wenn es vielschichtig ist, und nicht immerzu erklären. Das Rätsel kann ungelöst bleiben.“ Carin Stoller (Jahrgang 1950), Preisträgerin 2020 des Thomas-Dachser-Gedenkpreises (4000 Euro) widmet sich, so die Jury, „einer Gattung, um die es in der Gegenwartskunst ein wenig still geworden ist: dem Stillleben“. Mit ihrem zweiteiligen Werk in Öl auf Nessel, beide „o.T.“, hat sie die Jury überzeugt. 

Statt faktischer Bestandsaufnahme oder der Entwicklung von Sinnbildern „zelebrieren“ die Werke der gebürtigen Lindenbergerin die Farbe „und untersuchen das Verhältnis von Raum und Objekt“. In ihren „perfekt ausbalancierten Komppositionen“ arbeite sie mit „abstrakten Brüchen und perspektivischen Verschiebungen, die Raum für Interpretationen lassen“. Sie verleihe selbst Banalem etwas Magisches und „schärft unser Bewusstsein für die Schönheit des Alltäglichen“. Dem Studium für Kunsterziehung setzte Stoller u.a. noch eines der Malerei an der „Akademie der Bildenden Künste München“ drauf und hat an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland teilgenommen. Die Inspiration zu den beiden Malereien habe sie, so Stoller, auf einer Skandinavienreise bekommen, als sie mit ihrem Mann in einer Pizzeria „köstlich zu Abend gegessen“ habe. Beide Motive stammen aus einer Fotoserie mit Detailaufnahmen der dortigen „malerischen Bar“. Florian Rautenberg (Jahrgang 1982) aus Legau heißt der Träger des Förderpreises der Dr.- Rudolf-Zorn-Stiftung (3000 Euro). 

Ausgezeichnet wird die Holz-Installation „The Easter Beaster Mega Plan“, die auf den ersten Blick wie ein Spielplatz mit buntem Kinderspielzeug wirkt. Beim näheren Hinsehen legen die vermeintlich fröhlichen Kindersachen doch eher eine Assoziation zu Kriegswerkzeugen nahe. „Rautenbergs Waffenarsenal wirkt aufgrund der Formvereinfachung, der Farbe und der Materialwahl jedoch nicht besonders bedrohlich“, befindet die Jury. Vielmehr lasse er die Betrachter darüber im Unklaren, „ob Krieg hier zum Spiel erklärt wird oder ob die Installation ein Verweis auf die kindliche Fantasie ist, in der imaginierte Kriegsschlachten das Gefühl von Macht und Unverwundbarkeit erzeugen“. Für den Absolventen der „Akademie der Bildenden Künste München“, der auch als Zeichner, Lyriker und Performer aktiv ist, handelt es sich bei „The Easter Beaster Mega Plan“ „analog zu den Objekten, um den rein spielerischen Umgang mit Worten und Silben, welcher dem Werk auf lautmalerisch assoziative Weise zusätzlich Hinweise zu möglichen Bedeutungsebenen gibt“. 

Till Schilling (Jahrgang 1975) heißt der Künstler, der das Ausstellungsstipendium der Sparkasse Allgäu (2000 Euro für eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Kempten) zuerkannt bekommen hat – derselbe Till Schilling aus Altusried, der es bereits im vorigen Jahr erhalten hat. Corona hat allerdings verhindert, dass Schilling die damit verbundene Ausstellung heuer durchführen kann. Diese wäre nur nur ohne Vernissage erlaubt, die wiederum als Teil des Ausstellungskonzeptes für den Künstler unabdingbar ist – ein Grund, warum das Vorhaben auf nächstes Jahr verschoben wurde. Da Schilling zudem mit einer sehr aufwändigen Materialität – viel Technik und Computer – hantiert, wurde ihm der Preis kurzerhand ein zweites Mal verliehen, so dass er für seine Ausstellung aus dem Vollen schöpfen kann. In der „Kunstausstellung. Kunst aus dem Allgäu 2020“ ist er mit zwei Werken vertreten, bepreist wird die laut Jury „technisch versierte und konzeptuell ansprechende“ Installation „Dark“ (Mixed Media, LED, Glas, Stahl, Elektronik): Ein Spiegel auf dem sich Hell und Dunkel Konkurrenz machen. Grelle LED-Lampen erschweren das Lesen des ersten Schriftzugs „You want it darker“ (Ihr wollt es dunkler). 

Feiner, aus dem Spiegel strömender Rauch umhüllt die Antwort daneben, „We kill the flame“ (Wir löschen die Flamme). In ihrer Begründung lobt die Jury u.a. die „komplexen, verzahnten Ebenen“, die die Dimensionen menschlicher Wahrnehmung thematisieren, welche aber „brüchig und leicht zu stören“ sei. „Das Aufeinenadertreffen von ‚warmen‘ und ‚kalten‘ Textzeilen führt in aller Regel dazu, dass der zerbrechliche Spiegel reißt. Die präzise kalkulierte Vorarbeit lässt also den Prozess der Zerstörung und damit den Zufall zum integralen Bestandteil des Werks werden.“ Schilling selbst sagt über seine Installation, dass sie einem auf ungeschönte Weise vor Augen führe, „wer tatsächlich für das Erlöschen des Lichtes verantwortlich ist. Du bist es selbst, wer bestimmt, wie hell und intensiv Deine Flamme brennt.“ Nach einer Ausbildung zum Kunstschmied und dem Besuch der „Akademie für Gestaltung im Handwerk München“ hat der Meisterschüler Schilling die „Akademie der Künste“ in München“ absolviert und kann auf zahlreiche Preise und Ausstellungen blicken. 

„Die Jurytage waren natürlich auch etwas Besonderes in diesem Jahr. Nach langer Zeit sich wieder einmal mit Fachkundigen zu zeitgenössischer Kunst auszutauschen, das war einfach großartig. Corona war natürlich allgegenwärtig, aber der Blick weitet sich gewaltig, wenn man das Zeitgeschehen mal aus der Perspektive der Künstlerinnen und Künstler betrachten kann“, so der Juryvorsitzende. Das Begleitprogramm der Ausstellung umfasst diverse Führungs- und Kunstvermittlungsangebote sowie das Kinder-Mitmachprogramm „Kunst unter der Lupe“. Zur Finissage am 2. Oktober wird wieder der mit 500 Euro dotierte Publikumspreis vergeben. 

Christine Tröger

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