Die Kunsthalle wird zur Spielwiese

Daniel Engelberg und Marcel Große machen die Kunsthalle zum Installationsobjekt

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Daniel Engelberg und Marcel Große haben den Fußboden der Kunsthalle nach oben gezogen.

Kempten – Was ist Wand? Was ist Boden? Gerät die Welt ins Wanken? Als würde eine unsichtbare Hand den Boden der Kunsthalle nach oben abziehen, erheben sich deren rote Fliesen und bilden eine Welle. Scheinbar schräg ragt eine Säule daraus hervor.

„So haben wir die Kunsthalle noch nie gesehen, sagte Oberbürgermeister Thomas Kiechle bei der Eröffnung der Ausstellung ‚EINSZUEINS‘, bei der die Kunsthallen-Stipendiaten Marcel Große und Daniel Engelberg die Kunsthalle selbst zum Installationsobjekt und den Besucher zum Teil der Ausstellung machen.

Gleich am Eingang empfangen den Besucher die zweckentfremdeten Stellwände, an denen sonst die Bilder hängen. Treppenförmig aufgestapelt, versehen mit Netzen und einer Lampe müssen sie umrundet werden, um in den Raum zu gelangen.

Dann die dominante Fliesenwelle, die das Muster des Bodens aufgreift, es aber bricht, indem sie es aufrichtet und eine Art optische Täuschung bewirkt. Ganze 1000 Karton-Fliesen – etwa so viele, wie es reale in der Kunsthalle gibt, haben die beiden Künstler dafür herstellen lassen – eins zu eins im Maßstab und in der Anzahl, so lasse sich einerseits der Titel der Ausstellung erklären, sagt Große bei der Vernissage. Aber auch die Situation der beiden könne so beschrieben werden. „Jeder macht seine Arbeit, aber zusammen machen wir auch diese Spielchen“, sagt er und deutet auf die Installation.

Der 1981 in Halle an der Saale geborene Marcel Große lebt und arbeitet in Hamburg, Daniel Engelberg, Jahrgang 1979 in München. Die beiden waren Meisterschüler bei Prof. Claus Bury und haben sich währen ihres Studiums der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste kennengelernt. Trotz der räumlichen Entfernung, die die beiden trennt, haben sie schon in Leipzig, Hamburg, Nürnberg und München zusammen ausgestellt. „Wir können uns immer aufeinander verlassen. Wir entwickeln etwas gemeinsam ohne Konkurrenz, das habe ich bisher nur mit Daniel so erlebt“, sagt Große.

Auch an anderen Stellen recken sich die Bodenfliesen keck in die Höhe. In diesem Fall nicht zusammenhängend, sondern einzeln jeweils von einer Fliesenecke aus. „Der Raum war unser Ausgangsmaterial. Ihn haben wir uns peu à peu angeeignet. Der besondere Boden war immer wieder Gegenstand der Gespräche – daraus haben wir das Thema gemacht“, sagt Engelbert bei der Vernissage.

Auf der Rückseite jeder einzelnen Fliese ist die Ankündigung der Ausstellung aufgedruckt. Diesen Selbstbezug entdeckt der Besucher, wenn er sich hinter die aufgerichteten Fliesen begibt. Interessant auch, durch welches Mittel er selbst in das Objekt miteinbezogen wird.

Fast zur Nebensache geraten ob der beeindruckenden Installation die Werke an den Wänden der Kunsthalle. Da sind die Collagen, die teils an die 1960er und 1970er Jahre erinnern. Aus damaligen Zeitschriften sind die Figuren ausgeschnitten. So die Langläufer in „Schranke“. Eine transparente Folie mit einer Matrix mit schwarzen und weißen Punkten sowie dynamisch wirkende kreisförmigen Linien, die über die Collage gelegt ist, bildet eine zweite Ebene und mit dem Schattenwurf eine Art Plastizität.

Technik und Physik spielt in den Collagen eine große Rolle: Vom Kontrast zwischen einer in Schwarz-weiß gehaltenen alten Schmiede mit Spitzbogen-Gewölbe und den dort spielenden Kleinkindern, die einen bunten Turm aus eckigen Bauklötzen bauen, lebt zum Beispiel „Turm“. Durch die schwarze Decke der Schmiede zieht sich ein Spalt, hinter dem Helligkeit auf Millimeterpapier hervorscheint. Auch in „Messwarte“ scheint der Raum an seinen Kanten auseinanderzudriften. Dahinter ein vergrößerter QR-Code.

Und da sind die abstrakteren Spiele mit Formen, Materialien und Farben: Mal geriffelt, mal glatt sind die Texturen; mal organisch, mal geometrisch die Formen in „spare #1“ und „spare #2“– gespielt wird hier auch mit Farbe und Tiefe, die durch die verschiedenen Schichten aus Polysterol und Holz entsteht.

Mit ihren senkrechten Linien erinnern zwei Werke dabei an die op art der 1960er Jahre, deren Künstler graphische Elemente so angeordnet haben, dass überraschende visuelle Effekte und optische Täuschungen entstehen. So sind in „Glitch #4“ die Linien an manchen Stellen gebrochen und versetzt fortgeführt, sodass die vertikalen Linien gekreuzt werden durch horizontale und schräge.

„Anders als gewöhnliche Ausstellungen, arbeiten Große und Engelberg oft mit der Umgebung“, erklärt Martin Kohlund vom Kulturamt Kempten, warum die beiden den Zuschlag für das Kunsthallen-Stipendium erhalten haben, „die beiden wussten bei der Auswahl noch gar nicht, was der Kern ihrer Ausstellung sein würde.“ Dazu mussten sie sich erst mit dem Raum auseinandersetzen. Neben dem außergewöhnlichen Konzept habe der Jury auch gefallen, dass die beiden Künstler gerne experimentieren. Das betont auch Große, dessen „PIT“ als einzige Grafik der Ausstellung aus einem Experiment heraus entstanden sei. „Ich habe PIT nicht um des gewünschten Ergebnis Willen gemacht. Das Scheitern ist schon miteinbezogen“, erklärt er.

Davon überzeugen, dass Engelberg und Große auch mit dem Experiment „EINSZUEINS“ ganz und gar nicht gescheitert sind, kann sich das Publikum noch bis zum dritten Adventsonntag, 17. Dezember. Bis dahin kann die Ausstellung in der Memminger Straße 5 besucht werden: immer am Do. und Fr. von 14 bis 18 Uhr und am Sa. und So. von 12 bis 18 Uhr. Am 17. Dezember führen die Künstler um 11 Uhr durch die Ausstellung; um 18 Uhr findet die öffentliche Finissage statt.

Susanne Kustermann

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