Heute fast vergessen

Der schaffensreiche Kunstmaler Franz Weiß hat nicht nur in Kempten viele Spuren hinterlassen

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Franz Weiß mit seinem Markenzeichen, dem schwarzen Filzhut.
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Heinrich der Kemptener am Rathaus.
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Übermalte Bilder von Weiß an Hausfassaden in der Westendstraße 24.
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„Büble“ als Motiv einer Biermarke von 1951. Es erinnert an die bis ins 20. Jahrhundert bestehenden Gassenschenken, von denen aus man das Bier mit nach Hause tragen konnte.
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Café Odeon im ehemaligen Hotel Post.
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Bemalung des Eingangsbereichs der Lindenbergschule mit römischen Motiven.
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Hier sind drei solcher Gemälde über den Klassenzimmern der Lindenbergschule (alle drei Archiv Singer)
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Hier sind drei solcher Gemälde über den Klassenzimmern der Lindenbergschule (alle drei Archiv Singer)

VON DR. WILLI VACHENAUERKempten/Allgäu – Wer heute mit offenen Augen durch Kempten geht, kann noch an etlichen Gebäudefassaden, Innenhöfen sowie an Plakatwänden die kreative Hand des überaus schöpferischen Kunstmalers Franz Weiß erkennen.

So finden sich im Hofgarten, am Hildegardplatz, im Stadttheater, am Rathaus, am Verwaltungsgebäude und noch an etlichen Gebäuden der Stadt Gemälde, Sgraffiti und Reliefs, die aus seiner Hand stammen. Es ist ihm zu verdanken, dass oft sterile Hausfassaden ein lebendiges Gesicht erhalten haben. Sehr geschätzt waren auch seine Werbegrafiken und seine Plakatentwürfe. Neben noch vorhandenen bemalten Fassaden in der Stadt erinnert auch der Straßenname Franz-Weiß-Straße im Stadtteil Rothkreuz an diesen überaus schaffensreichen Kunstmaler, Freskanten (Freskenmaler), Grafiker und Kunsthandwerker.

Der kreative Maler hat nicht nur in Kempten, sondern auch in seiner Geburtsstadt München, in Ludwigshafen, Bad Wörishofen, Wangen und Kaufbeuren künstlerisch mit einer kaum überschaubaren Vielzahl von Bildern überaus fruchtbar gewirkt.

Sein späteres Markenzeichen war ein großer schwarzer Filzhut, ein schwarzes Hemd und oftmals ein weißer Arbeitskittel.

Leider werden heute in Kempten bei Häuserrenovierungen immer wieder Gemälde an Hausfassaden, die von ihm stammen, übermalt und sind damit für immer verloren.

Franz Weiß ist am 5. Mai 1903 in München geboren und hat dort mit seinen neun Geschwistern die Kinder- und Jugendjahre verbracht. Schon früh erkannte er seine künstlerische Begabung und beteiligte sich an Malwettbewerben, aus denen er stets unter den phantasievollsten und besten Malern hervorging. Kein Wunder also, dass er in München eine Malerlehre bei Georg Fuchs begann, wobei er schon mit 21 Jahren die Meisterprüfung erfolgreich ablegte.

Wegen seines Talents wollte er aber kein normaler Maler werden, sondern seine Arbeit stets mit seiner künstlerischen Begabung verbinden. Daher wechselte er nach seiner Lehre später auf die Gewerbeschule und schließlich auf die Kunstgewerbeschule der Bildenden Künste in München und die Kunstakademie in München, wo er bei renommierten Professoren und Kunstmalern wie Steigerwald, Engelhardt Dietrich und Julius Diez nicht nur die Grundlagen, sondern auch die Vervollkommnung seiner vielfältigen handwerklichen Fähigkeiten und seiner künstlerischen Ader erreichte.

Nach seinen Tätigkeiten in der Mayer’schen Hofkunstanstalt in München wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit und begann im Alter von 22 Jahren eine Tätigkeit als freischaffender Künstler. Schon durch seine damaligen Arbeiten erlangte er überregionale Bekanntheit. Deshalb erreichte ihn wenige Jahre später aus Kempten der Auftrag, das damalige Odeon-Café im Hotel Post in Kempten künstlerisch zu gestalten.

Dort waren die Verantwortlichen von seiner Arbeit so begeistert, dass mehrere Architekten Franz Weiß dazu überredeten, nach Kempten zu übersiedeln. Als er 1928, mit nur 25 Jahren, in Kempten ankam, war die Stadt noch ein relativ verschlafenes Provinznest mit gerade einmal gut 22.000 Einwohnern. Als er später nach dieser Zeit gefragt wurde, antwortete er schmunzelnd, dass es ihm Spaß gemacht habe, die „Kemptener Gesellschaft etwas aufzuwecken“.

Franz Weiß fand in seiner neuen künstlerischen Heimat nicht nur als Maler, sondern auch als Mensch Anerkennung. Mit seiner heiteren und offenen Art kam der Künstler – der sich, wie er später betonte „über jeden Dreck freuen konnte“– bei den Kemptenern gut an.

In dieser Zeit arbeitete Franz Weiß auch mit dem Architekten Andor Ákos zusammen. Wobei Weiß die malerische Ausgestaltung von Innenräumen aber auch von Gebäudefassaden übernahm, die von Ákos geplant und gebaut wurden. Darunter fallen z.B. Räume im Gasthaus zur Krone in Pfronten oder auch die Ausgestaltung verschiedener Säle im Kemptener Kornhaus.

Nach dem zweiten Weltkrieg, als die Stimmung der Menschen auf dem Nullpunkt angelangt war, organisierte und gestaltete er 1947 den ersten Rosenmontagsball im Kornhaus. Wie er selbst später berichtete, hat er mit seinen Mitarbeitern 14 Tage lang für diesen Ball Papierrosen gemacht, damit die Menschen an weißgedeckten Tischen diesen Ball genießen konnten. Auch die späteren Bälle der sogenannten „Tipfleten Kuh“ (getüpfelten, d.h. gefleckten Kuh) hat Weiß maßgeblich mitgestaltet.

Kunst muss den Menschen Freude machen, so war seine Devise und die fand in all seinen Werken ihren Niederschlag. Dank seiner schier grenzenlosen künstlerischen Phantasie konnte er die unterschiedlichsten Aufträge annehmen.

Mit seiner soliden Ausbildung und seinen umfassenden künstlerischen Fähigkeiten war ihm kein Auftrag weder körperlich noch gestalterisch zu schwer. Denn er konnte alle, auch noch so unterschiedlichen Arbeiten annehmen und erfolgreich umsetzen und die dabei auftretenden technischen Probleme lösen. Egal ob Malen, Sgraffiti, Vergoldungen, Ölbilder, Glättetechniken, Fresco- und Putzschneidetechniken. Dabei scheute er keine Mühen und es machte für ihn keinen Unterschied, ob es sich um die Arbeit im Freien bei der Gestaltung von Fassaden bei öffentlichen oder privaten Gebäuden, der Abwicklung von Aufträgen bei der Innenausstattung von Gaststätten oder anderen Wohnräumen, der Herstellung von Gemälden, oder der Übernahme von Werbeaufträgen für die verschiedenen Firmen und Gaststätten an unterschiedlichen Orten handelte. Dabei kam ihm zugute, dass er eine schier grenzenlose Phantasie hatte und ihn seine Mitarbeiter als technikverliebt, ja sogar als Technikfreak bezeichneten. Bei Außenarbeiten stand er auch noch im Alter bei Wind und Wetter mit dem Pinsel auf dem Malgerüst, um seine Bilder zu malen.

Das "Büble"

Die Handschrift von Franz Weiß konnte daher nicht nur an vielen öffentlichen und historisch bedeutsamen Gebäuden, sondern auch im privaten Bereich gesehen werden.

Ein Auftrag, dessen Ergebnis heute noch überaus aktuell ist, ist die sogenannte „Büble“-Geschichte. Der Vorstand des Allgäuer Brauhauses wandte sich Ende der 1940er-Jahre mit der Vorstellung an Franz Weiß, Traditionen vor dem Vergessen zu bewahren. Mit einer Grafik sollte Weiß den Brauch der Gassenschenken auf ein Etikett bringen, der bis ins 20. Jahrhundert in Kempten existierte. In den Gassenschenken konnte man damals, ohne in der Gaststube der Wirtschaft zu verweilen, Bier in mitgebrachten Krügen für daheim abzapfen lassen. Franz Weiß kam auf die Idee, dass auf dem geplanten Etikett ein typischer Allgäuer Bub mit Lederhosen abgebildet sein sollte, der das Bier in einem großen Steinkrug von der Gassenschenke nach Hause trägt.

Die beste Vorlage für dieses Motiv fand sein ehemaliger Mitarbeiter Helmut Firlit, ein Nachbar und Freund von Fritz Nimz. Bei einem Besuch blätterten beide im Fotoalbum der Familie Nimz und entdeckten darin ein Kinderbild vom kleinen Fritz, der im Jahr 1920 in Kempten auf die Welt gekommen war. Der kleine Fritz war mit Lederhose und Trachtenhut gekleidet, einen kleinen Bierkrug in der Hand haltend, vom damaligen Kemptener Fotografen Richard Eder abgelichtet worden. Dieses Foto brachte den Kunstmaler Weiß auf die Idee, es als Vorlage für das Allgäuer „Büble“ der Brauerei zu verwenden.

Also begann er mit der Arbeit und zeichnete in seinem Atelier in der Bavaria einen Entwurf für das geplante Etikett. Der gefiel dem Vorstand des Brauhauses so gut, dass dieses Allgäuer „Büble“ ab 1950 zum Markenzeichen nicht nur einer Biermarke, sondern auch der Brauerei wurde und man es heute noch auf Plakaten, Bierfilzen und als Gasthausschilder finden kann.

Weitere Werbeaufträge folgten dann. Darunter befand sich auch der seinerzeit bekannte Schuhproduzent Salamander in Kornwestheim, der bei Franz Weiß viele Motive für ihre Schuhmarke anfertigen ließ.

Längere Zeit arbeitete er auch mit Kemptener Bauunternehmungen bei der Gestaltung der Fassaden bei den Neubauten in vielen Kemptener Stadtteilen zusammen. Im Jahr 1954 wirkte Franz Weiß auch an der Innenrenovierung und Neugestaltung des Stadttheaters in Kempten mit. Dabei entwarf er die aufwendige Deckenrosette und renovierte den Theatervorhang mit dem Tanz der Musen, den Franz Sales Lochbihler in den Jahren 1827 bis 1829 geschaffen hatte. 

In dieser Zeit gestaltete er beim Neubau der damaligen Volksschule auf dem Lindenberg den Eingangs- und Atriumsbereich mit römischen Motiven. In den 1980er-Jahren musste von seinem ehemaligen Schüler Manfred Küchle, der bei Weiß eine dreieinhalbjährige Lehre absolvierte und weitere zehn Jahre bei ihm als Assistent arbeitete, das Atrium restauriert wurden, da die Schüler nicht immer sorgfältig mit diesen Gemälden umgingen. Im Innenbereich der Schule malte er über viele Klassenzimmertüren passende Bilder, um den Schülern für ihre Lernprozesse die notwendige Motivation zu geben.

Die Fortsetzung der Geschichte über den Kunstmaler Franz Weiß lesen Sie in der Ausgabe vom 11. März 2020.

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