Malen als Therapie

Jeder hat seine eigene Technik

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Das Malen in der Gemeinschaft ist noch mal anders, als wenn man daheim malt. Für die Teilnehmer an dem Kunstworkshop der Villa Viva sind das gemeinsame Erleben und der Erfahrungsaustausch belebende Komponenten: Alle freuen sich bereits wieder auf den nächsten Termin im Oktober. Kunsttherapeutin Vera Fleischhauer (gelbe Schürze) bekommt dabei Unterstützung von ihrer Kollegin Dorothee Seiwert und einer Angehörigen.

Kempten – Ludwig B. hat immer schon gezeichnet – mit Bleistift, Kohle. Jetzt sitzt er mit einem Pinsel in der Hand am Tisch und versucht sich erfolgreich an einer Winterlandschaft. Das Besondere: Nach einem Schlaganfall will seine rechte Hand nicht mehr, darum malt er nun mit der Linken.

Das erfordert Übung. Unterstützung bekommt er dabei durch die Kunsttherapeutin und Rehafachkraft Vera Fleischhauer. Sie hilft den Patienten des Mobilen Dienstes Villa Viva gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der Logo-, Physio- und Ergotherapie funktionelle und alltagsorientierte Abläufe wieder neu zu erlernen oder Ersatz dafür zu finden.

Ein Beispiel dafür ist der Kunstworkshop, in dem sich vier Männer und eine Frau zum Malen treffen. Diesmal haben sie sogar einen Auftrag: in den kommenden Wochen sollen abstrakte Bilder entstehen, die die Wände im Centrum Viva und anderen Einrichtungen der Körperbehinderte Allgäu schmücken sollen.

"Erkrankung vergessen"

„Beim Malen kann ich meine Erkrankung für eine kleine Weile vergessen.“ Für Martin O. ist der Umgang mit dem Pinsel noch ein wenig „befremdlich“, neu. Doch sein Blick für Farbharmonie macht sein Talent deutlich. Er malt an der Staffelei, da dieser Blickwinkel für sein perspektivisches Sehen besser klappt als das Malen am Tisch. „Manche kommen beim Malen regelrecht in eine Art Meditation“, weiß Vera Fleischhauer aus ihrer maltherapeutischen Arbeit.

Verblüffend in der Malrunde: jeder der fünf Teilnehmer hat seine ganz eigene Technik, hält den Pinsel anders, gibt den Acrylfarben eine eigene Struktur. Die verschiedenen Vorlagen – Fotografien aus der Luft auf die Erde – werden individuell verändert, sind nur eine „Anfangsidee“. Wie eine türkis schimmernde heiße Quelle, an der Gisela S. arbeitet. Sie hat mit Ihrer Erkrankung vor zehn Jahren über die damalige kunsttherapeutische Begleitung des Mobilen Dienstes das Malen für sich entdeckt und besucht mittlerweile auch Seminare in der Kunstwerkstatt Betzigau.

Entspannte Atmosphäre

Die Workshop-Atmosphäre im Multifunktionsraum des Centrums Viva ist entspannt. Vera Fleischhauer, Heilerziehungspflegerin und Rehafachkraft mit Zusatzausbildungen in der Mal- und Kunsttherapie, leitet die Teilnehmer an. „Sobald sich eigene Ideen entwickeln, nehme ich mich zurück“, erzählt sie. So ist es auch, als Josef H. und Roman K. ihre Bilder für „fertig“ erachten. Gemeinsam werden die Werke aus der Ferne betrachtet – verträgt das Bild hier noch ein wenig blau? Soll der Farbverlauf bleiben? Bevor die Bilder endgültig fertig sind, werden sie noch signiert und mit einem Klarlack versehen.

Die Wirkung des Workshops bleibt auch Michael Berner nicht verborgen. Der Leiter des Mobilen Dienstes Villa Viva staunte nicht schlecht über das Ergebnis – und zwar im doppelten Sinne: Zum einen sind da die sehr interessanten Bildwerke der Patienten, zum anderen sind es die Patienten selbst, die mit der Malerfahrung Bestätigung erhalten und mehr Selbstbewusstsein bekommen. Das Malen in der Gruppe wirkt ansteckend: „Beim nächsten Mal mach ich mit“, verspricht Berner unter großem Hallo der Villa Viva-Künstler.

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