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Lage bei Strom und Gas in Kempten: „angespannt, aber beherrschbar“

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Von: Christine Tröger

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Blitz Strom Energie
Das Thema Energie beschäftigt auch die Gemüter in Kempten.Symbolfoto: Panthermedia/dancelav © Symbolfoto: Panthermedia/dancelav Anton Foma

Kempten – Als erster Punkt stand die Energieversorgung der Stadt Kempten auf der Tagesordnung des Stadtrats vergangene Woche. Aber auch die Strom- und Gasversorgung von Privathaushalten und Gewerbebetrieben wurde thematisiert.

Wie in den Vorträgen von Michael Lucke, Geschäftsführer Allgäuer Überlandwerk (AÜW), und Anselm Pfitzmaier, Geschäftsführer Schwaben Netz, deutlich wurde, sieht die Situation zumindest für die Kunden der beiden regionalen Anbieter aufgrund steigender Preise „angespannt aber beherrschbar“ aus, wie der kürzlich einberufene runde Tisch mit den Energieversorgern und Netzbetreibern (siehe Kreisbote vom 30. Juli 2022) laut Oberbürgermeister Thomas Kiechle befunden habe.

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Der OB hoffte, auch die Fragen der diversen Anträge, die von Stadträten zur Energiesicherheit gestellt worden waren, beantworten zu können. Was die Stadt selbst betreffe, werde der Strompreis aufgrund eines festen Rahmenvertrages mit dem Allgäuer Überlandwerk (AÜW) mit „garantiertem Strompreis“ bis Ende 2023 voraussichtlich nicht steigen, beruhigte er. Ferner sei man im Stadtgebiet schon länger „vorbildlich“ unterwegs:

Energiesparen in der Stadt schon länger Thema

Unter anderem seien 270 Lichtpunkte „optimiert“, fast 3.000 Lampen umgebaut und 111 Lichtmanagementgeräte nachgerüstet worden; soweit die Verkehrssicherheit es erlaube, würden die öffentlichen Anstrahlungen ab 23 Uhr abgeschaltet und Geh- und Radwege in den Außengebieten um 50 Prozent reduziert. Neben dem Absenken der Wassertemperatur um zwei Grad – Energieersparnis 25 Prozent – im Cambomare werde auch der Ausbau der Fernwärme vorangetrieben, meinte Kiechle zum Thema Gas und Heizen. Allerdings werde die Gasversorgung auf Europäischer Ebene und durch die Bundesnetzagentur organisiert, so dass sich „vor Ort nur wenige Handlungsspielräume“ ergäben.

Mechanismen bei Gasmangellage

Wie Lucke verdeutlichte, wird der Gesetzgeber im Fall einer drohenden Gasmangellage „massiv regulatorisch“ eingreifen. Mögliche Maßnahmen: Unter anderem die Erzeugung von Strom aus Gas unter Strafe stellen, also die „Pönalisierung der Gasverstromung“. (Das Instrument wird derzeit von der FDP verstärkt ins Spiel gebracht.); Erstkapazität durch Kohlekraftwerke; Regelung der Preisweitergabe bei Gas; Füllstandsvorgaben für Gasspeicheranlagen (wie bereits erfolgt); Abschaltrangfolge bei Gasmangellage, deren Hierarchie durch die Bundesnetzagentur festgelegt werde.

Diese unterscheidet zwischen industriellen Großverbrauchern, bei denen große Unsicherheit herrsche, und „geschützten Letztverbrauchern“, wie Krankenhäuser, Privathaushalte, Gewerbebetriebe mit bis zu 1,5 GWh Gasverbrauch pro Jahr. Dass es zu Abschaltungen mangels Gas komme, sei aber „eher die Ausnahme“ und im Verbreitungsgebiet der EKO (Erdgas Kempten-Oberallgäu) würden nur zwei Unternehmen betroffen sein.

Stromversorgung vorerst sicher

Beim Strom sei es im Moment „schwierig zu sagen, was da passiert“. Lucke rechnet mit „mehr Klarheit“ Mitte August. Berlin habe zumindest signalisiert, dass man auf Bayern besonderes Augenmerk legen wolle. Auch seien Versorgungsengpässe auf Grund der aktuellen Gas-Situation für die nächsten Monate nicht erkennbar.

Und die Gasversorgung?

Innerhalb des EKO-Netzes sind nach den Zahlen Pfitzmaiers ca. 55 nicht geschützte Kunden, davon 23 in Kempten; 99,7 Prozent im EKO-Netz seien geschützte Kunden, in Kempten sogar 99,8 Prozent.

Er habe mit vielen Industriekunden gesprochen, die kein Problem damit hätten, den Verbrauch um 20 bis 25 Prozent herunterzufahren, im Fall von Kurzarbeit auch mehr, berichtete Pfitzmaier. „Wir gehen aber davon aus, dass weder Privatpersonen noch die Industrie mit wesentlichen Einschränkungen rechnen müssen.“

Lokale Preisentwicklungen

Lucke rechnet damit, dass die Preissteigerungen erst 2023/24 „richtig durchschlagen“ werden, zumal sie durch den Wegfall der EEG-Umlage im laufenden Jahr für viele langfristige Kunden (Garant 2024) eher gefallen seien. Für den durch die Medien ausgelösten Hype, Heizlüfter zu kaufen, hat er nur Kopfschütteln übrig. „Das ist wirklich das falsche Instrument.“ Es sei sicher „immer noch teurer, mit Strom zu heizen als mit Gas“.

Während normale Kunden beim Strompreis der Marktlage unterworfen sind, müssen AllgäuStrom Kunden „Basis“ über den Jahreswechsel mit keiner Preiserhöhung rechnen. Keine Erhöhung bis 2024 wird es auch für AllgäuStrom „Garant“-Kunden 2024 geben; bei Garant 25, der „neu aufgelegt“ werde, schon. Lucke schätzt, im Oktober mehr zur Höhe der Preissteigerung sagen zu können.

Preisentwicklung „verzögert und geglättet“

Die rund 1.200 EKO-Kunden im Allgäu müssen in jedem Fall tiefer in die Tasche greifen. Die Gesamtkosten für die Grundversorgung liegen bei 2.306 Euro (Arbeitspreis 12,02 Cent/kWh; Grundpreis 11,90 Euro/Monat) und damit bereits rund 900 Euro über dem Preis zum 1. November 2021. Zum Vergleich: Beim besten Wettbewerber schlägt die Grundversorgung mit 4.579 Euro zu Buche. Damit liegt EKO 2.273 Euro darunter. Mit dem EKO-Tarif „Mein Prämiengas“ steht dazu ein immer um 0,80 Cent/kWh günstigeres Angebot zur Wahl.

Auch die über 500 Prozent liegende Marktpreissteigerungen beim Gas werde die Kunden erst verzögert und „erheblich geglättet“ erreichen, hielt Lucke sowohl weitere Preisanpassungen „für wahrscheinlich“, wie auch Nachwirkungen bei wieder fallenden Marktpreisen. Bislang werde in der Grundversorgung nicht unter Bestands- und Neukunden unterschieden. Unter anderem ein gegebenenfalls massiver Kundenwechsel zur EKO-Grundversorgung würde aber die mittleren Beschaffungskosten erheblich in die Höhe treiben.

„Hamsterkäufe sind Preistreiber“

Dass die Krise, die bei den Menschen „bislang noch weit weg“ gewesen sei, inzwischen Ängste schüre, erkannte OB Kiechle zum Beispiel an den panikartigen Hamsterkäufen bei Pellets. Auch das „Preistreiber“. Er schloss sich der Einschätzung von Michael Lucke an, „dass wir es packen können“, wenn es auch schwierige Zeiten seien.

„Die Preise als solche sind angemessen“ und auch „zumutbar“, schätzt Lucke 85 Prozent der Kunden in stabilen langfristigen Stromlieferverträgen. „Wer beim Discounter war“, müsse jetzt halt mehr zahlen, habe dafür aber auch jahrelang vom Discountpreis profitiert. Lautes Missfallen erntete Franz-Josef Natterer-Babych (ÖDP-UB) für seine Anmerkung, den Menschen von Verbraucherschutz und anderen sei geraten worden, „zu günstigen Anbietern zu gehen“. Und Kiechle meinte unmissverständlich, dass es seitens der Stadt nur eine Empfehlung für lokale Anbieter geben könne, was neben vielen weiteren positiven Aspekten die Region stärke. „Sich im Schnäppchensystem zu bewegen, macht alles kaputt“, zeigte er kein Verständnis dafür, sich dann auch noch zu beschweren.

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