Dialog bald ohne Zeitzeugen

Lajos Fischer bloggt für eine zukunftsweisende Erinnerungskultur - Teil 2

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Lajos Fischer entwickelt Ideen für eine demokratieorientierte Geschichtsdebatte der spät- und nachgeborenen Generationen.

Kempten – In seiner online-„Kommunalpolitischen Kolumne“ macht sich Lajos Fischer, Geschäftsführer Haus International, Gedanken über die weitere Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte Kemptens.

Nach Teil 1 ( https://www.kreisbote.de/lokales/kempten/lajos-fischer-bloggt-kritische-zukunftsweisende-erinnerungskultur-erinnerung-befreit-motiviert-13853714.html), hier die abschließende Fortsetzung.

Für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit wirkmächtigen Persönlichkeiten des damaligen politischen und kulturellen Lebens sei es unter anderem bedenkenswert, so Fischer, dass etwa Alfred ­Weitnauer, langjähriger Heimatpfleger und Biograph von Bürgermeister Otto Merkt, auch nach 1945 die Stadtgeschichtsschreibung nachhaltig mitgeprägt habe.

Das Renommee und die Deutungsmacht, die Weitnauer, vermutlich nach wie vor genieße, habe dazu geführt, dass etwa seine Einschätzung, NS-konforme Äußerungen Merkts seien lediglich taktische „Lippenbekenntnisse“ gewesen, teils kritiklos übernommen wurde. Weitnauer, seit den späten 30er Jahren Gauvolkstumswart der Nationalsozialistischen Kulturgemeinde, verdanke seine Karriere wohl auch der engen Zusammenarbeit mit Merkt und könnte sich als typischer Vertreter der sogenannten „Generation der Unbedingten“ erweisen: Diese Männer, schreibt der Journalist und Hochschullehrer Lutz Hachmeister, „mehrheitlich zwischen 1905 und 1915 geboren“, hatten während der NS-Zeit „Fertigkeiten erlernt und erprobt, die in der… Bundesrepublik sehr brauchbar waren: Durchsetzungsvermögen, zeitliche Flexibilität und Schnelligkeit, effizientes, zweckorientiertes Handeln, wissenschaftliches Denken und strategische Planungskompetenz, historisch-politisches Bewusstsein, Belastungsfähigkeit, aber eben auch Desensibilisierung, ‚sachliche Kälte‘, Unterdrückung situativer Emotionen,… ausgeprägte männerbündische Kameraderie“. 

Merkt gehörte einer früheren Generation deutscher Funktionsträger an, die andere Prägungen erfahren hat, wie Steber in ihren Publikationen gezeigt habe. „Für die historische Beurteilung“ des geradezu legendären Oberbürgermeisters „dürfte die sachliche Analyse der Rolle der von ihm geführten Stadtverwaltung ausschlaggebend sein“, regt Fischer an: „Wie viele BeamtInnen wurden entlassen und durch treue Parteiangehörige ersetzt?“ „Wie groß war die Entscheidungsfreiheit… in Steuerangelegenheiten, bei Projekten der Stadtentwicklung oder beim Wohnungsbau?“ Haben die verschiedenen Verwaltungsebenen die politische Radikalisierung in vorauseilendem Gehorsam vorangetrieben oder ist es Behörden und Mitarbeitern gelungen, die von oben beabsichtigten Auswirkungen der Regierungspolitik zu mildern? Außerdem dürfte es aufschlussreich sein, die Netzwerke des Heimatschützers und Philistersekretärs der Algovia genauer nachzuzeichnen, meint Fischer. Denn der Jurist Merkt habe sich – ähnlich wie die meisten BürgerInnen des nationalsozialistischen Staates – nicht mehr „auf den Schutz eines bürgerlichen Rechtssystems“ verlassen können und habe sich deshalb vermutlich zunehmend durch „ein Netz von Loyalitäten und Seilschaften“ abgesichert. 

Die Auseinandersetzung mit den prägenden Persönlichkeiten der Vergangenheit und mit der nationalsozialistischen (Stadt-) Geschichte insgesamt müsse jede Generation auf der Grundlage bereits gewonnener Erkenntnisse fortführen und erneuern. Sie sei ein „fester Bestandteil der Grundwerte unserer Demokratie“, könne und müsse einen wesentlichen Beitrag leisten, um die Menschenwürde zu schützen und zu erhalten. Fischer, der im Laufe seines Berufslebens verschiedene Jugendhäuser geleitet und zahl- reiche geschichtliche Seminare für Jugendliche veranstaltet hat, plädiert nicht nur für Informationstafeln an historisch bedeutsamen Orten im Stadtgebiet, zum Beispiel an der Allgäu-Halle, sondern macht konkrete Vorschläge, wie Schulen, Museen oder Vereine eine für unsere Gegenwart und Zukunft wegweisende, partizipative und demokratieorientierte Debatte anstoßen könnten. 

„Wir sollten mit jungen Menschen unter anderen über folgende Fragen diskutieren: Woran merkt man, dass in einer Gesellschaft grundlegende Änderungen passieren, obwohl die wesentlichen Parameter des Alltagslebens sich kaum ändern? Wo findet man Handlungsspielräume dort, wo andere keine sehen? Warum entscheiden sich Menschen in kritischen Situationen unterschiedlich? Wie stärkt man die Bereitschaft zu abweichendem Verhalten?“ Wichtig ist dem ehemaligen Vorsitzenden des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats (BZI) dabei, dass wir auch unser heutiges Heimatverständnis überdenken und die Vorstellung, Alteingesessene hätten gegenüber Einwanderern selbstverständliche „Etabliertenvorrechte“, hinterfragen. Der Anspruch auf eine solche „raumzeitliche Vorrangstellung“ sei „ein Element gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, die wir uns auch im Hinblick auf unseren Umgang mit den Geflüchteten von heute bewusst machen sollten.

Antonia Knapp

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