Erinnerung, die befreit und motiviert

Lajos Fischer bloggt für eine kritische, zukunftsweisende Erinnerungskultur - Teil 1

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Lajos Fischer, Leiter Haus International und ehemaliger Geschichtslehrer, äußert Gedanken zur aktuellen NS-Geschichtsdebatte.

Kempten – In den letzten Wochen haben wohl einige Kemptener und Allgäuer (erneut) über die nationalsozialistische Geschichte ihrer Stadt oder Region nachgedacht:

Der zeithistorische Vortrag von Dr. habil. Martina Steber am Bewegten (Juni-) Donnerstag des Kempten Museums (Kreisbote vom 10. Juni 2020) und die Entscheidung des Stadtrats, der Richard-Knussert-Straße einen neuen Namen zu geben (Kreisbote vom 5. August 2020), haben Presse und Leserbriefschreiber zu kontroversen Reaktionen animiert. 75 Jahre nach Kriegsende ist die geschichtswissenschaftliche Erforschung und die gesellschaftliche Auseinandersetzung quasi auf der kommunalen Ebene angekommen: Die aktuellen Fragen und neueren Erkenntnisse zur NS-Zeit rücken näher, lenken die ­Blicke auf die Biographien von Eltern, Großeltern und anderen Anverwandten, verlangen, das damalige Tun und Lassen wirkmächtiger Kemptener Persönlichkeiten neu zu bewerten. Das kann Ängste wecken und zu schmerzhaften Spannungen für Familie, Selbstbild und Stadtgesellschaft führen, birgt aber auch – gerade in einer Zeit, in der rechtspopulistische und rechtsextreme Ideologie und Politik in Deutschland und Europa wieder an Einfluss gewinnen – große Chancen. Eine „längst fällige“ Debatte hat begonnen, schreibt Grünen-Stadtrat Lajos Fischer auf seiner Homepage und fordert: „Die Aufgabe von uns, Kemptener Bürgerinnen und Bürgern, von der Kommunalpolitik und von Fachleuten ist es jetzt, diesen Diskurs am Leben zu erhalten.“

Der Geschäftsführer vom Haus International und ehemalige Geschichtslehrer, hat sich in seiner „Kommunalpolitischen Kolumne“, die er in loser Folge auf seiner Website veröffentlicht, Gedanken gemacht, wie uns durch kritische Forschung und angemessene Erinnerungskultur die „Vergangenheit als Ressource für die Gegenwart und die Zukunft“ einer demokratischen, pluralistischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft nützen kann. Sein Interesse für die Geschichtswissenschaft inspirierten besonders französische Historiker wie Jacques Le Goff, den er mit den – auch heute noch wegweisenden – Worten zitiert: „Die Erinnerung, aus der die Geschichte schöpft, die sie wiederum nährt, ist lediglich bestrebt, die Vergangenheit zu retten, um der Gegenwart und der Zukunft zu dienen. Es soll so geschehen, dass die kollektive Erinnerung der Befreiung und nicht der Unterwerfung der Menschen dient.“

Als Kommunalpolitiker muss Fischer Entscheidungen treffen und hat mit einer Mehrheit seiner Stadtratskollegen beschlossen, dass die bisher nachgewiesene rassistische Propaganda-Arbeit des Beamten und Funktionärs Knussert Grund genug ist, die Straße umzubenennen. „Jede weitere Diskussion, um diese zu relativieren“, etwa über dessen Tätigkeit als Lehrer nach 1945, wäre „unserer Stadt nicht würdig“; vielmehr sei „sofortiges Handeln der politisch Verantwortlichen“ geboten. Selbst wenn Knussert nur ein Mitläufer gewesen wäre, habe er „keinen Lebenslauf, an dem ich meine eigene persönliche Entwicklung voranbringen“ kann, verdeutlicht Fischer im Gespräch mit dem Kreisboten. Die fortdauernde Ehrung des Reichspropagandareferenten wäre eine „unerträgliche“ Verharmlosung der von ihm mitverbreiteten, menschenverachtenden Ideologie und ihrer Folgen. Als neuen Namensgeber für die Straße im Kemptener Osten favorisiert der Stadtrat den damaligen evangelischen Dekan Hermann Kornacher. Wie viele Widerstandskämpfer habe auch der Geistliche keine gänzlich „weiße Weste“, aber sein Lebensweg zeige deutlich, dass er als Mitglied der Bekennenden Kirche um eine eigenständige, kritische Haltung gegenüber dem ­Regime und der wohl weitgehend gleichgeschalteten, ideologisch indoktrinierten Mehrheitsgesellschaft rang, Flugblätter verteilte und gegen antisemitische Pogrome und Euthanasie protestierte. Seinen Wahlaufruf für Adolf Hitler vom März 1936 habe er im Jahr der Olympischen Spiele „in der Hoffnung“ verfasst, „dass es mit der Phase der permanenten Radikalisierung des Regimes vorbei“ sei, so Fischer. Offensichtlich habe er diesen Irrtum aber bald erkannt, und hielt weiterhin regimekritische Predigten.

Auch die lebensgeschichtliche, – die berufliche, gedanklich-ideelle und psychische –, Entwicklung anderer prominenter Akteure im damaligen Allgäu bedarf einer solch differenzierten Betrachtung, denn: „Der Historiker soll nicht urteilen, sondern erklären und verstehen“, zitiert Fischer aus einer Vorlesung, des Geschichtswissenschaftlers Fernand Braudel. In diesem Sinne skizziert der Pädagoge in seiner Kolumne eine ganze Reihe von „Fragestellungen für die weitere Forschung“ und entwirft kommunal- und bildungspolitische Handlungsmöglichkeiten, um „in der Zivilgesellschaft, in Schulen, in der Jugend- und Erwachsenenbildung“ offene Diskussionen anzuregen und „die Stadt als Erinnerungsraum“ zu gestalten. Für die vom Stadtrat beauftragte Gesamtbetrachtung der nationalsozialistischen Zeit schlägt er unter anderem folgende, für ihn besonders interessante und spannende Forschungsaufgaben vor: Lässt sich auch für die Kemptener Bevölkerung nachweisen, dass ihre Zustimmung für die Führerherrschaft in den „Friedensjahren des ‚Dritten Reiches‘“ geradezu „stürmisch“ wuchs? Und, falls sich dafür klare Belege finden: Was waren die Gründe für das ausdrückliche oder stillschweigende Einverständnis? Neben dem langjährigen Bürgermeister Otto Merkt gelte es nun, auch die Lebensläufe von Heimatforschern und -dichtern wie Alfred Weitnauer, nach denen in Kempten ebenfalls Straßen benannt sind, mit einer methodisch sorgfältigen Quellenkritik genauer zu betrachten. Gerade Weitnauer, der seine Tätigkeit als Heimatpfleger nach 1945 bruchlos fortsetzen konnte, dürfte eine Schlüsselfigur sein, um klarer zu erkennen, „wie effektiv und nachhaltig die Versuche waren, sich und die eigenen Weggefährten sauber zu waschen“.

Die Fortsetzung lesen Sie wegen des Feiertags am Samstag, 15. August, dieses Mal in unserer Ausgabe am Freitag, 14. August 2020, und unter https://www.kreisbote.de/lokales/kempten/lajos-fischer-bloggt-eine-zukunftsweisende-erinnerungskultur-13857257.html.

Die eingangs zitierten Artikel über den Vortrag von Steber und die Umbenennung der Knussert-Straße finden Sie unter https://www.kreisbote.de/lokales/kempten/bewegter-donnerstag-stadtgeschichtlichem-online-vortrag-ueber-nationalsozialismus-kempten-13791403.html bzw. https://www.kreisbote.de/lokales/kempten/entscheidung-causa-knussert-auftakt-historischen-gesamtbetrachtung-13850835.html.

Antonia Knapp

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