"Hervorragende Alternative"

Fischer folgt auf Goschler

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Ab August 2015 übernimmt Lajos Fischer (rechts) zur Freude von Gabriele Heilinger (Mitte) und dem scheidenden Rudi Goschler die Leitung des Haus International.

Kempten – Im März 1983 hat das Haus International erstmals seine Türen geöffnet – und ist zu einer Institution in Punkto Integration und Begegnungsstätte verschiedenster Nationalitäten ge- worden. Untrennbar damit verbunden ist vor allem der Name eines Mannes der ersten Stunde: Rudi Goschler.

Schon bei der Vereinsgründung im Jahr 1982 war er Mitglied des Vorstands, ab November 1983 zwei Jahre lang im Rahmen einer ABM-Maßnahme für das Haus tätig und seither leitet er in Festanstellung die Geschicke des Hauses – mit großem Erfolg. Ende Juli 2015 steht sein „Ausstieg“ an, nachdem er bereits seit August letzten Jahres in Altersteilzeit gegangen ist. Seitdem hatte sich der Vereinsvorstand auf die Suche nach einer adäquaten Nachfolge gemacht.

Nicht so einfach, einen Mann zu ersetzen, der das Haus International so engagiert mitgeprägt hat wie Goschler, der im Beruf eigentlich Gymnasiallehrer für Biologie und Sport ist. Auch gab es einige Kriterien, die der die oder Nachfolger/in erfüllen sollte: es sollte jemand aus Kempten sein, „der die politischen und sozialen Verhältnisse und Akteure sowie die kulturellen Bereiche kennt“, wie Goschler im Gespräch mit dem Kreisboten erklärte. Auch eine pädagogische, sozialpädagogische oder sozio-kulturelle Qualifikation sei gefordert. „Und bei mehreren Personen mit gleicher Qualifikation“, hätte jemand mit Migrationshintergrund die besseren Karten gehabt.

Wie dem auch sei, es war Vereinsvorsitzende Gabi Heilinger, der plötzlich eine Person in den Sinn gekommen war – und es hat geklappt: Lajos Fischer. Der in Sopron (Ungarn) geborene Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte, lebt seit 1990 in Kempten. Seitdem ist er mit dem Thema Migration „privat, beruflich und ehrenamtlich“ befasst, überlegte er die Stationen. Anfang der 1990er habe er Deutschkurse für Spätaussiedler gegeben, sei dann zehn Jahre lang in der offenen Jugendarbeit tätig gewesen, wo „60 bis 70 Prozent der Jugendlichen einen Migrationshintergrund hatten“ und arbeitet – wieder mit vielen Migranten-Jugendlichen – seit 13 Jahren als Lehrer an einer Schule. Seit sechs Jahren ist Fischer im Integrationsbeirat der Stadt Kempten, er ist aktiv im Freundschaftskreis Partnerstädte und seit einigen Jahren ehrenamtlich auch im Haus International tätig, vor allem in Zusammenhang mit dem Interkulturellen Herbst.

„Ich bin mit dieser Entscheidung hoch zufrieden“, freute sich Goschler über den einstimmigen Beschluss des Vorstandes für seinen „Wunschkandi- daten“. Nun freue er sich darauf, die Verantwortung auch mal abzugeben, „ich habe sie lange genug getragen“, mein-te er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Auf eine Abschiedsfeier ist Goschler, der sich nicht gerne im Vordergrund sieht, nicht scharf. Aber wenn es wetterbedingt nächstes Jahr mit dem Burghaldefest hinhauen würde, „da könnte man schön Abschied feiern“.

Fischer sieht seine künftige Aufgabe in dem „traditionsreichen, gut geführten Haus“, vor allem in zwei Bereichen: dem bürokratischen und dem, dass das Haus „eine Seele und ein Herz hat“, die vom Vorstand ebenso geprägt würden wie von den Mitarbeitern, den Ehrenamtlichen und den Nutzern. „Man muss das bewah- ren“, damit es weiterhin ein „zweites Zuhause für die Leute bleibt“. Deshalb sieht er eine Aufgabe darin, von allen akzeptiert zu werden“. Alles laufe wunderbar, „aber ich kann kein Rudi Zwei werden“, setzt er darauf authentisch bleiben zu wollen. Es werde im zweiten Schritt sicher auch Veränderungen geben, kündigte er vorausschauend an. Zum Beispiel liege es ihm sehr am Herzen, dass Kinder mit Migrationshintergrund gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Auch kulturelle Veranstaltungen oder Lesungen schweben ihm vor.

Gelassenheit ist wichtig

„Ambiguitätstoleranz muss man haben“, gab ihm Heilinger mit auf den Weg – ein Wort, das sie von Goschler gelernt habe. „Ja, Widersprüche muss man aushalten“, lachte Goschler im Rückblick auf seine langjährigen Erfahrungen mit so vielen unterschiedlichen Menschen. „Gelassenheit ist ganz wichtig“, ergänzte er. „Und da sind wir beide mit Sicherheit ganz ähnlich“, fügte Fischer an. „Den Rudi müssen wir ja hergeben und da ist der Lajos einfach die hervorragende Alternative“, zeigte sich Heiliger froh über die Nachfolgelösung.

Über die derzeitigen Querelen um die geplante Notunterkunft für Flüchtlinge können die beiden nur den Kopf schütteln, zumal es ja nur um den Aufenthalt von jeweils wenigen tagen gehe. Auch von den Flüchtlingen in den Gemeinschaftsunterkünften „wollen die meisten ja wieder zurück“ und auch arbeiten. „Hier müssen vom OB eindeutige Signale kommen, dass wir eine Willkommenskultur haben.“

Immerhin, räumte Goschler ein, habe sich in den letzten 30 Jahren schon etwas bewegt in Richtung Willkommenskultur. „In der Mehrheit der Bevölkerung wird Multikulturalität gelebt, vor allem bei den Jüngeren“, ist er sich sicher. Fischer sieht eine langfristige Rolle des Haus International darin, dafür „Sensibilität in der Stadt herzustellen“, denn, so Goschler, gebe es Statistiken, die besagen, „Migration ist aus wirtschaftlicher Sicht ein Nettogewinn für Deutschland“.

Christine Tröger  

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